Warten auf Weihnachten

Mit seinem Nahost-Besuch baut Bundespräsident Wulff die thematische Linie seiner Amtszeit aus: Er will zur Verständigung der Religionen beitragen – Eine Reise-Bilanz. Von Martina Fietz

Bundespräsident Christian Wulff beim Besuch der Geburtskirche. Foto: dpa
Bundespräsident Christian Wulff beim Besuch der Geburtskirche. Foto: dpa

Bei seiner dreitägigen Reise in den Nahen Osten hat sich der Bundespräsident trittsicher gezeigt. Neu auf dem außenpolitischen Parkett, aber durch seine Zeit als Ministerpräsident durchaus erfahren in internationalen Gesprächen, ist Christian Wulff in Israel und den Palästinensergebieten mit der richtigen Mischung aus Positionierung und Zurückhaltung aufgetreten. Dem deutschen Staatsoberhaupt ist es gelungen, Vertrauen zu gewinnen und damit eine Grundlage zu legen für seine weitere Amtszeit. Niemand konnte von diesem ersten offiziellen Besuch des Staatsoberhaupts, der unter seiner Regie geplant wurde, mehr erwarten.

In kluger Art und Weise hat Wulff immer wieder die Grundsätze der deutschen und europäischen Nahost-Philosophie deutlich gemacht: Vorrang für eine Zwei-Staaten-Lösung, die ohne Zweifel schwierige Kompromisse von Israelis und Palästinensern verlangt. Dabei machte er in Israel auch – diplomatisch zurückhaltend, gleichwohl unmissverständlich – darauf aufmerksam, dass die Regierung dort ihre Siedlungspolitik und ihre Haltung zum Gaza-Streifen überdenken müsse. Spätestens bei den Unterredungen mit Palästinenser-Präsident Abbas allerdings wurde die ganze Problematik des Themas offensichtlich.

Die palästinensische Seite besteht weiter darauf, dass eine Zwei-Staaten-Lösung auf Grundlage der Grenzen von 1967 basieren müsse. Für diesen Konflikt eine Lösung anzubieten, ist nicht Sache der Deutschen. Wulff hielt sich deshalb mit Ratschlägen wohlweislich zurück, wurde aber durchaus verstanden in seinem Angebot, als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. Dabei maßt er sich nicht die Rolle eines Vermittlers an. Alle Beteiligten wissen allerdings um seine Kontakte in die arabische Welt. Daran, dass der Bundespräsident fest an der Seite der Israelis steht, bleibt dennoch kein Zweifel.

Es war ein gutes Signal, dass Wulff gemeinsam mit seiner Tochter Annalena reiste, dass er darüber hinaus auch acht Jugendliche mitgenommen hatte, die sich intensiv mit dem Thema Judentum und Israel befasst haben. Auf diese Weise dokumentierte der Bundespräsident nachdrücklich, dass Deutschland sich von seiner besonderen Verantwortung nicht verabschieden, sondern sie auch zukünftigen Generationen vermitteln will. Damit ist es ihm gelungen, eine gute Basis für weitere Gespräche zu schaffen.

Positiv zu Buche schlägt auch, dass Wulff Teile seines Besuchs bewusst zur Pilgerreise werden ließ. Er suchte das Gespräch mit den Vertretern der christlichen Kirchen. Auf seinen Wunsch hin fuhr die Delegation am ersten Adventssonntag zur Benediktinerabteil Dormitio und nahm dort an einem Gottesdienst teil. Bewusst traf er Palästinenserpräsident Abbas in Bethlehem. So konnte er vor den politischen Gesprächen gemeinsam mit seiner Tochter der Geburtskirche einen Besuch abstatten. Es war durchaus glaubhaft, dass es ihm dabei um mehr ging als um einen medienwirksamen Auftritt in der Vorweihnachtszeit. Bewusst zog er sich zum Gebet zurück.

Wulff hat mit dieser Reise die thematische Linie seiner Amtszeit ausgebaut. Er findet Spaß an der Außenpolitik und hat bewiesen, dass er versteht, wie weit ein Bundespräsident sie ausfüllen kann. Er arbeitet weiter an seinem Hauptthema, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, und sieht einen Schwerpunkt dabei darin, zum Verständnis der Religionen untereinander beizutragen. Nachdem er in seiner Rede zum 3. Oktober die Bedeutung des Islam betont hatte, nachdem er jetzt das Judentum würdigte, wird nun ein Blick auf das Christentum fällig. Das Reiseprogramm war der Auftakt. Man darf auf seine Weihnachtsansprache gespannt sein.