Luzern

Vom Vater entführt

Am Anfang Romantik pur: Beatrix Smit heiratet einen Inder, sie bekommen einen Sohn. Dann entführt der Mann das Kind in sein Heimatland. Der Fall aus der Schweiz steht für viele ähnliche Schicksale.

Fall von Kindesentführung in der Schweiz
Glücklich wieder vereint: Beatrix Smit (l.) mit ihrem damals vierjährigen Sohn Simon. Auf diesem Foto aus dem Jahr 1983 ist sie gerade mit ihm in die Schweiz aus Indien zurückgekehrt. Foto: Rémy Markowitsch

Nein, eine frohe Botschaft hatte Beatrix Smit nicht zu verkünden, als sie am Heiligen Abend zusammen mit einer anderen betroffenen Mutter vor der Hofkirche in Luzern eine Mahnwache hielt. Die beiden Frauen hielten Bilder ihrer verschleppten Kinder in die Höhe und verteilten Flugblätter mit den Worten: „Wir haben uns auf ein gemeinsame Weihnachtsfeier mit unseren Kindern gefreut. Nur die Kinder, mit vor Freude glänzenden Augen, sind nicht bei uns, da sie gewaltsam von unseren Ex-Männern entführt wurden. Können uns die Behörden wirklich nicht helfen? Müssen wir das einfach akzeptieren? Vielleicht sehen wir unsere Kinder nie wieder.“

Zunächst war das gemeinsame Leben unbeschwert

Die Schweizerin Smit rückte eine Problematik ins öffentliche Bewusstsein, die bis zu diesem Zeitpunkt unter dem Radar der Medien durchgesegelt war: Kindesentführungen durch einen Elternteil. Smits Ex-Mann Anil hatte Ende November 1981 sein Besuchsrecht missbraucht, um den gemeinsamen Sohn Simon in sein Elternhaus nach Indien zu entführen.

Nichts deutete auf ein solches Drama hin, als Smit 1977 bei einer spirituellen Indienreise einen attraktiven, gebildeten Mann aus gutem Haus kennen lernte, der die gleiche Zukunftspläne hegte wie sie: eine stabile Beziehung führen und Kinder haben. Im Juli 1977 feierten die Verliebten eine dreitägige, pompöse Hochzeit nach indischem Brauch, der 3 900 Personen beiwohnten. Noch im gleichen Jahr zog das Paar in die Schweiz und ließ sich in Zug nieder. Es folgte eine unbeschwerte Zeit mit Ausflügen, gemeinsamem Kochen, Treffen mit Freunden. Anil lernte rasch Deutsch und fand eine Anstellung als Hilfskraft.

Vater entführt Sohn in die Heimat

Simons Geburt am 24. März 1979 verlief dramatisch. Smit erlitt eine Fruchtwasserembolie, entrann dem Tod nur knapp und lag während rund vier Wochen im Koma. Als sie ihren kleinen, gesunden Buben zum ersten Mal sah, weinte sie vor Glück. Das Familienidyll währte allerdings nicht lange. Anil veränderte sich zum Negativen. Immer öfter kehrte er betrunken heim, manchmal verzockte er ganze Monatsgehälter. Die kulturellen Differenzen befeuerten Konflikte, die in der Scheidung mündeten; die Mutter erhielt das Sorgerecht und lebte fortan in Luzern. Der Vater bekam ein Besuchsrecht. Doch von einem Treffen im November 1981 kehrt das Kind nicht mehr zurück. Der Vater hatte den Sohn in seine Heimat entführt.

Beatrix Smit erstattete Anzeige bei der Polizei, schaltete das Bundesamt für Justiz ein, bat das Schweizer Konsulat in Bombay um Hilfe, absolvierte einen Irrlauf durch Behörden und Institutionen. Schon bald stellte sie ernüchtert fest, was sie in einem Brief an den damaligen Bundesrat Kurt Furgler festhielt: Das Recht auf ihren Sohn endet an der Schweizer Grenze. Damals wie heute gab es kein Abkommen mit Indien zum Kindesschutz. Und Anil dachte nicht daran, Simon zurückzugeben.

Nach mehr als eineinhalb Jahren sieht sie ihren Sohn wieder

In dieser fast aussichtslosen Lage wandte sich Smit an die im Januar 1982 gegründete „Schweizer Gruppe gegen Entführungen von Kindern“. Die Fäden der Selbsthilfeorganisation liefen bei Monique Werro zusammen. Sie realisierte, wie machtlos Mütter bei Kindsentführungen waren, hinter denen meistens die ausländischen Väter steckten. Die heute 81-jährige Frau engagierte einen schillernden Kindesrückführer namens Willy Kantorik. Der tschechoslowakische Flüchtling, Kettenraucher, Coca-Cola-Liebhaber und Kommunistenhasser arbeitete wie ein Geheimagent und schleuste in seiner Karriere gegen 300 Kinder zum sorgeberechtigten Elternteil zurück.

Im August 1983 flog Smit mit Kantorik nach Bombay. Auf dem Schweizer Konsulat begegneten sie völlig unerwartet Anil. Würde jetzt alles auffliegen? Die Pläne scheitern? Kantorik zückte ein Kärtchen, das ihn als Arzt von Kalkutta auswies. Smit helfe ihm beim Transport von medizinischen Geräten von der Schweiz nach Indien, erzählte er. Anil schöpfte keinen Verdacht und lud Smit ein, bei seiner Familie zu wohnen. Nach mehr als eineinhalb Jahren sah sie endlich wieder ihren Sohn Simon. Er spielte mit einem Holz an einem Bächlein, als er seine Mutter von weitem erblickte und sich zunächst hinter dem Sofa in der Stube verkroch. Doch Smit fühlte sich erleichtert. Simon hatte sie wiedererkannt. Rasch fand er den Draht zu seiner Mutter.

Mit einer List gewinnt sie das Vertrauen ihres Ex- Mannes wieder

Im Haus ihrer Ex-Schwiegereltern gaukelte Smit Anil vor, sich neu in ihn verliebt zu haben – nur so gelang es, nach und nach wieder Vertrauen aufzubauen und die wahren Absichten zu kaschieren. Kantorik wies Smit an, jeden Tag um die gleiche Zeit am gleichen Kiosk um die Ecke aufzukreuzen.

Nach einer zehntägigen Nervenprobe wartete Kantorik mit einem Fiat 132, mit dem eine mehrtägige und mehr als 2 000 Kilometer lange Reise inklusive Überfahrt mit einer Fähre nach Sri Lanka folgte. Vor den Grenzübergängen zwischen den indischen Bundesstaaten verabreichte Kantorik Simon Schlafmittel. Die Beamten hätten wohl Verdacht geschöpft, wenn ein viereinhalbjähriger Knabe in einem Auto mit Schweizer Kennzeichen Hindi gesprochen hätte. Bequem in Bombay ins Flugzeug zu steigen, stand außer Frage. Smit befürchtete, dass ihr Ex-Schwiegervater, der Verkehrsminister des Bundesstaates Maharashtra, die Ausreise verhindern würde. Im September 1983, fast zwei Jahre nach der Entführung, landete Smit mit ihrem Sohn in der Schweiz. Überglücklich. Ständige Rachedrohungen des Ex-Manns und das Abzahlen der 89 000 Franken teuren Rückholaktion vereitelten einen unbeschwerten Neuanfang. Im August 1997 verstarb Anil im Alter von nur 45 Jahren. Smit vollzog für den Mann, den sie einst von ganzem Herzen geliebt hat, in ihrer Wohnung eine Abschiedszeremonie.

Mit ihrer Geschichte will Smit die Öffentlichkeit sensibilisieren für die potenziellen Tücken binationaler Ehen. Noch immer wird in der Schweiz jeden dritten Tag ein Kind durch seinen eigenen Vater oder seine Mutter ins Ausland entführt. Das Bundesamt für Justiz in Deutschland registrierte im letzten Jahr zum Beispiel 284 Fälle, bei denen alleingelassene Mütter oder Väter ein Gesuch um die Rückführung ihres Kindes stellten.

Abkommen gilt in zahlreichen Staaten noch nicht

Mittlerweile haben rund 100 westliche und südamerikanische Staaten das Haager Übereinkommen über internationale Kindesentführungen unterzeichnet. Es besagt, dass die verschleppten Kinder in der Regel zu jenem Elternteil zurückgeführt werden, bei dem sie vorher lebten. In zahlreichen Staaten, so zum Beispiel in Afrika oder im arabischen Raum, gilt das Abkommen bis heute nicht. Wird ein Kind in einen Nichtvertragsstaat verbracht, stehen die Karten für ein baldiges Wiedersehen schlecht.

Und Simon? Der unterdessen 40-jährige Mann studierte an der Fachhochschule Winterthur Journalismus und Kommunikation. Er ist Mitgründer der Creative Intelligence Society AG, einer Firma, die Unternehmungsberatung anbietet. Simon machte sich in den letzten Jahren in der Werbebranche einen Namen. Seiner Mutter ist er dankbar, dass sie ihn in die Schweiz geholt hat. Wie sie das geschafft hat, beeindruckt ihn tief: „Meine Mutter ist die mutigste Frau, die ich kenne.“

Der Autor ist Historiker und Journalist. Er schreibt seit 2008 für den Zeitungsverbund CH Media. Sein Buch „Nicht ohne Simon. Kindesentführungen aus der Schweiz“ ist im Oktober im „Hier+Jetzt-Verlag“ erschienen

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