Viele sind gegen Ägyptens Islamisierung

Kardinal Antonios Naguib, Patriarch der koptisch-katholischen Kirche, fürchtet, dass die Revolution gekidnappt wird. Von Stephan Baier

Patriarch Antonios Naguib. Foto: Baier
Patriarch Antonios Naguib. Foto: Baier
Die Revolution in Ägypten war getragen von der Jugend und dem Ziel der Demokratie. Wird die Revolution nun von den radikalen Muslimen gestohlen?

Es gibt tatsächlich die Angst, dass die Revolution gekidnappt wird. Und es gibt Vorgänge, die diesen Eindruck entstehen lassen. Gleichzeitig sehe ich starke Reaktionen unterschiedlicher Parteien und intellektueller Muslime. Es gibt verschiedene Strömungen im politischen Islam, von denen wir vor der Revolution wenig hörten. Nun, da jeder offen reden kann, treten sie an die Öffentlichkeit und artikulieren sich laut. So war früher nie von Salafisten die Rede, doch nun zeigen sie sich stark und gut organisiert.

Welche Richtung des politischen Islam wird bei den Wahlen erfolgreich sein?

Die verschiedenen Richtungen haben ihre Anhänger. Die Dinge werden erst langsam immer deutlicher. Früher kannte man nur eine Gruppe, nämlich die Muslimbruderschaft, während andere nicht sichtbar waren. Nun aber sind sie da, haben ihre Treffen und Medien, versuchen, das politische und soziale Leben zu beeinflussen. Im Wesentlichen wollen sie einen Staat und eine Gesellschaft, die auf dem islamischen Recht gründen.

Während der Revolution demonstrierten Christen und Muslime gemeinsam, mit Bibel und Koran. Nun hört man ständig von Gewalttaten gegen Christen.

Es gab eine gemeinsame Vision, ein nationales Projekt, in dem man sich einig war: den Sturz des alten Regimes. Das war erfolgreich. Die Gruppen, die das betrieben, arbeiten nun für einen säkularen, demokratischen Staat. Sie sind gegen die Agenda der Islamisierung. Es gibt Versuche, die Kräfte in diesem Bereich zu bündeln, damit es eine starke Stimme für eine demokratische Gesellschaft gibt.

Die Scharia wurde jedoch als „die Quelle des Rechts“ bestätigt.

So war es seit Jahrzehnten. Schon Sadat wollte diese Strömungen zufriedenstellen. Zunächst hieß es, die Scharia sei „eine Quelle des Rechts“. Daraus wurde „die Quelle“. Es war klug, diesen heiklen Punkt jetzt noch nicht anzutasten. Es ist derzeit noch zu früh, denn es wäre sehr kritisch, diese sensible Frage jetzt anzupacken. Deshalb haben die Spitzen der Kirchen beschlossen, diese Frage erst in der nächsten Phase zu stellen, also bei der Schaffung einer neuen Verfassung. In der Zwischenzeit haben die Vertreter aller großen islamischen Strömungen betont, dass dieser Artikel 2 niemals angetastet werden dürfe, denn er sei für die Verfassung wesentlich, weil etwa 90 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Andere Strömungen aber sind gegen diesen Artikel, weil sonst alles, was wir über die bürgerliche Gesellschaft sagen, keine wirkliche Bedeutung mehr hätte. Wie kann eine Zivilgesellschaft auf religiösem Recht gegründet werden? Das wäre ein Widerspruch in sich.

Was bringt Demokratie ohne die zentralen Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Gewissens- und Religionsfreiheit?

Es gibt vier Artikel, die all das festschreiben, aber dann gibt es diesen einen Artikel 2, der besagt, dass es eine zentrale Quelle des Rechts gibt: die Scharia. Das heißt, dass alles andere faktisch keinen Wert hat. Die Islamisten und das Regime versuchen zu erklären, dass es da keinen Widerspruch gebe. Aber das widerspricht der Logik.

Gibt es einen Dialog zwischen Christen und Muslimen auf offizieller Ebene?

Es gab ein Projekt dieser Art mit dem Großimam der Al-Ashar. Wir schlugen es vor, und er war sehr enthusiastisch. Ich plädiere auch für einen nationalen Dialog mit der Muslimbruderschaft, denn die Nation ist das, was uns verbindet. Die theologischen Fragen stehen dabei nicht auf der Agenda, denn sie wären eine Quelle von Konflikten, nicht von Einheit. Das Beste wäre, über Menschenrechte, Frieden, Entwicklung und gegenseitigen Respekt zu diskutieren.