„Vertraut Euer Leben Christus an“

Nasse Füße, aber brennende Herzen: Papst Franziskus wird auf dem Weltjugendtag ein überwältigender Empfang bereitet. Von Clemens Mann

„Das Herz der Welt schlägt jetzt auf diesem Weltjugendtag“: Mehr als eine Million Menschen kamen an die Copacabana, um dem Heiligen Vater zu begegnen. Foto: dpa
„Das Herz der Welt schlägt jetzt auf diesem Weltjugendtag“: Mehr als eine Million Menschen kamen an die Copacabana, um d... Foto: dpa

Es ist 17.14 Uhr. Endlich ist der Papst da. Im Forte Copacabana ganz im Süden des weltberühmten Strandes landet der Militärhubschrauber mit dem Heiligen Vater. Einige Kilometer weiter im Nordosten werfen Weltjugendtagspilger einen Blick zu der Befestigungsanlage, die früher die Bucht bewachte. Über die Leinwände flimmern Bilder von der Ankunft des Heiligen Vaters. Hunderttausende klatschen und jubeln, als Franziskus aus dem Helikopter tritt und in das Papamobil steigt. Dann beginnt die rund 40-minütige spektakuläre Fahrt auf der Avenida Atlantica. Mehr als eine Million Menschen entlang des Prachtboulevards und vor der Papstbühne bereiten dem Heiligen Vater einen triumphalen Empfang.

Dabei sah es am Donnerstagmorgen noch danach aus, dass die Feier buchstäblich ins Wasser fällt. Der Himmel öffnete seine Schleusen. Es schüttete wie aus Eimern. Die Pilger hatten auch in den letzten Tagen mit kühlen Temperaturen um die 15 Grad, starkem Wind und Dauerregen zu kämpfen. „Papa Capa, Papa Capa“, rufen Straßenverkäufer an der Copacabana in die vorüberströmenden Pilgermassen. Sie verkaufen gelbe, blaue, rote und weiße Ponchos und Regencapes. Auch mit Regenschirmen und Handschuhen ließ sich in den letzten Tagen ein gutes Geschäft machen. Denn viele Pilger sind nicht vorbereitet auf diese Temperaturen und den Dauerregen. In einigen Straßen steht das Wasser zentimeterhoch. Pilger aus dem Bistum Fulda kommen nur mit viel Glück ohne nasse Füße überhaupt in ihr Quartier. Deshalb legt man sich auch vorsorglich schon Gummistiefel zu: „Wir sind morgens von der Gastfamilie hergekommen. Es hat geschüttet. Ein Teil unserer Gruppe wollte schon gar nicht los“, erzählte Thomas aus Fulda. „Unterwegs stieg das Wasser dann, sodass wir in einem Schuhgeschäft gleich eingekauft haben“, sagt der 27-Jährige. Auch für die kommenden Tage ist keine Besserung vorausgesagt worden. Später wird bekannt, dass die große Abschlussmesse am Sonntag und die Vigilfeier am Samstagabend von Guaratiba an die Copacabana verlegt wurde. Der tagelange Regen hatte den Campus Fidei aufgeweicht und zu einer Schlammlandschaft werden lassen. Wie die Veranstalter diese Verlegung logistisch meistern wollen, ist noch unklar.

Dennoch: Trotz des Verkehrschaos – die Metro fiel vor der Eröffnungsmesse für zwei Stunden komplett aus – und dem grauen Wetter, ist die Stimmung unter den Pilgern gelöst. Seit den Mittagsstunden strömen die Pilgergruppen an den Strand. Stundenlang harren sie an guten Stellen der Strecke aus, um einen möglichst optimalen Blick auf den später vorbeifahrenden Papst zu haben. Um 15 Uhr beginnt das Vorprogramm. Es ist der Beginn einer bombastischen Show zum Empfang des Heiligen Vaters. Christliche Künstler aus Brasilien spielen auf. Von Rock über Pop bis zur Jazz-Musik gehen die dargebotenen Stücke. Zum Glück bleibt es trocken. Mehr und mehr erinnert der Weltjugendtag an eine Strandparty. Was hier bloß los wäre, wenn sich die Sonne mal blicken lassen würde? Vor den Leinwänden tanzen die Jugendlichen. Eine Gruppe von jungen Frauen kreischt laut auf, als ein brasilianischer Künstler auf die Bühne tritt.

„Jetzt ist die Zeit, unser Herz zu öffnen und unseren geliebten Pilger Papst Franziskus zu begrüßen“, schallt es aus den am Strand aufgestellten Lautsprechern. Das Papamobil hat sich in Bewegung gesetzt. „Francesco, Francesco, Francesco“, skandiert eine Gruppe junger Lateinamerikaner. Das Papstmobil hält immer wieder an. Der Heilige Vater streckt den Jugendlichen seine Hand hin. „Das Herz der Welt schlägt jetzt auf diesem Weltjugendtag“, dröhnt es aus den Lautsprechern über den Strand. Mittlerweile sitzt kaum noch jemand in den Bars. Die Begeisterung und der Lärm ist ohrenbetäubend. Der Papst hat die Herzen der Jugendlichen, insbesondere aus Lateinamerika, im Sturm erobert. „Franziskus ist wie wir. Er kennt unsere Probleme und steht uns sehr nahe. Wir sind sehr aufgeregt, ihn zu sehen“, sagt Anna-Lisa aus Taio im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Caterina. „Ich bin sehr gespannt, was er hier in Brasilien alles machen wird.“ Viele Jugendlichen seien verunsichert wegen der stärker werdenden Pfingstkirchen. „In Taio allein gibt es 16 christliche Kirchen. Oft bekommen wir zu hören, dass der katholische Glaube eine Lüge ist“, sagt die 28-Jährige.

Auf der 4 000 Quadratmeter großen Papstbühne geht der Empfang des Papstes weiter. Die Fahnen der Teilnehmerländer verneigen sich vor Franziskus. Verschiedene Gruppen aus den Regionen Spaniens präsentieren Tänze und Lieder. Auch die Geschichte von den drei Fischern, die die Schwarze Madonna von Aparecida aus dem Fluss ziehen, wird vorgespielt. Fünf Vertreter, jeder repräsentiert seinen Kontinent, begrüßen den heiligen Vater. „Im Namen der amerikanischen Jugend, insbesondere der brasilianischen Jugend, möchten wir unsere Freude ausdrücken und Ihnen sagen, dass wir es schön finden, dass Sie hier sind. Seien Sie herzlich willkommen. Wir wollen Ihnen diesen Geschenk überreichen. Es ist ein Zeichen unserer Verbundenheit und unseres Gebetes“, sagt eine junge Frau aus Brasilien stockend und reicht dem Papst einen Zweig. Sie weint vor Freude, ihre Stimme stockt. Franziskus steht auf, geht auf sie zu, umarmt sie, ergreift ihre Hand.

„Heute bin ich gekommen, um euch in diesem Glauben zu bestärken. Den Glauben an den lebenden Christus, der in euch wohnt. Aber ich bin auch gekommen, um selber durch die Begeisterung eures Glaubens bestärkt zu werden“, ruft Franziskus in seiner Begrüßungsrede den Jugendlichen zu. „Mein Herz als Hirte umfängt euch alle mit grenzenloser Zuneigung.“ In der Predigt während des folgenden Wortgottesdienstes ermutigt Franziskus die Jugendlichen, das persönliche Leben ganz Christus anzuvertrauen. „Ich sage euch nachdrücklich: ,Tu Christus dazu‘, nimm Christus in dein Leben hinein und du wirst einen Freund finden, auf den du dich immer verlassen kannst. ,Tu Christus dazu‘ und du wirst die Flügel der Hoffnung wachsen sehen, um den Weg der Zukunft voll Freude zu beschreiben. ,Tu Christus dazu‘ und dein Leben wird voll von seiner Liebe sein, es wird ein Leben sein, das Frucht bringt“, sagte der Heilige Vater. Der Glaube vollbringe in den Herzen der Menschen eine „Revolution“, die den Menschen „tief in unserem Innersten ändert“. „In diesen Tagen wartet er auf dich mit seinem Wort, höre aufmerksam auf ihn und in deinem Herzen wird es von seiner Gegenwart warm werden.“ „Auch du kannst ein froher Zeuge seiner Liebe, ein mutiger Zeuge seines Evangeliums sein, um in diese Welt ein wenig Licht zu bringen.“