Verfrühter Jubel

Gestiegene Geburtenzahlen in Deutschland zeigen keine Trendwende an. Von Jürgen Liminski

Jubel im Establishment: Die Geburtenzahlen für 2014 sind gestiegen, es wurden 33 000 Kinder mehr geboren als im Jahr zuvor. Das bedeute einen Anstieg der Geburtenziffer auf 1,47 Kinder pro Frau, der höchsten seit der Wiedervereinigung, wie das Statistische Bundesamt mitteilt und mit diesem Vergleich auch einen historischen Flair mitliefert. Jetzt beeilen sich auch Wissenschaftler zu betonen, dass sie diesen Wert schon erwartet hätten, so ein Forscher des Max Planck-Instituts in Rostock und natürlich läge das vor allem an der familienfreundlichen Politik. Das freut die Familienministerin, die es sich nicht nehmen lässt, persönlich zu betonen, dass dies ein Ansporn sei, „weiter gute Familienpolitik zu machen“.

Es ist kein Geheimnis: Deutschland braucht mehr Kinder. Da darf man sich über jedes geborene freuen. Und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der 33 000 Kinder seine Existenz einer erhöhten Zahl an Krippenplätzen verdankt. Das wiederum ist eher traurig, weil die Existenz von solchen Faktoren nicht abhängen sollte. Und weil Krippen nachweislich nicht gut sind für Kinder; nur zehn Prozent der Kitas erfüllen qualitative Standardnormen. Gesunde, normale Mütter sind in puncto Kindeswohl eben nicht zu toppen. Aber, so brutal das klingt: Existieren ist besser als abgetrieben. Es wird interessant sein zu vergleichen, ob parallel zu den gestiegenen Geburtenzahlen auch die Zahl der Abtreibungen gesunken ist.

Steht Deutschland jetzt vor einer Trendwende bei den Geburtenquoten? Die numerisch verbesserte Infrastruktur ist nur ein Element des generativen Verhaltens. Ein weiteres, über die Jahrzehnte hinweg zu beobachtendes Element ist, was der renommierteste Demograph Deutschlands, Herwig Birg, das „demographisch-ökonomische Paradoxon“ nennt. Es besagt in den Worten von Birg: „Je rascher die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes voranschreitet und je höher der Lebensstandard steigt, desto niedriger ist die Geburtenrate“ (Die alternde Republik und das Versagen der Politik, 2014, S. 24).

Fast jede vierte Frau bleibt lebenslang kinderlos

Dieses Paradoxon ist weltweit zu beobachten. Demnach müssten die Zahlen zwar weiter sinken, denn Deutschland wachse wirtschaftlich und das sozio-ökonomische Niveau steigt. Dabei handelt es sich um einen langfristigen Trend, zu sehen und zu messen an der weiter ansteigenden Zahl der lebenslang kinderlosen Frauen (derzeit fast jede Vierte), bei der Deutschland nach wie vor Weltmeister ist. Kurzfristig aber schlagen jetzt, 2014, die Enkel der Babyboomer statistisch zu Buche, denn die Kinder der Babyboomer, der besonders geburtenstarken Jahrgänge von 1960-1964, bekommen selber Kinder und haben diese Geburten wegen der krisenhaften Zeiten bislang nur zurückgestellt.

Das zeigt der Anstieg des sogenannten Erstgebärendenalters, es liegt bei knapp 30 Jahren. Insgesamt ist es wie bei einem altmodischen Waschbrett: Das Brett hat Rillen, die man mit Jahrgängen vergleichen kann und da geht es immer wieder mal leicht nach oben; über das ganze Brett beziehungsweise über mehrere Jahrzehnte gesehen aber geht es doch nach unten.

Der Familienforscher Stefan Fuchs setzt in einem Kommentar des Idaf (Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie) den Akzent auf die „mit 1,86 Kindern wesentlich höheren Geburtenraten der Ausländerinnen“. Generell seien „die Geburtenraten ausländischer Frauen wesentlich, um den jüngsten statistischen Anstieg der Geburtenraten zu verstehen: Die Auswertungen des Zensus 2011 haben ergeben, dass die Geburtenraten der Ausländerinnen deutlich unterschätzt werden, was Folgen für die Gesamtgeburtenrate hatte. Für das Jahr 2011 musste die Geburtenrate deshalb von 1,36 auf 1,39 hochgesetzt werden. Für die Vergangenheit vor 2011 wurde die Korrektur aber nicht vorgenommen, die Geburtenraten vor 2011 sind daher (sehr wahrscheinlich) unterschätzt und dadurch erscheinen die Geburtenraten ab 2011 relativ hoch.“ Auch ist der Anteil der Ledigen vor allem bei Männern stetig gestiegen, und da Kinder vor allem in Ehen geboren werden, ist zu vermuten, dass es sich bei den Geburtenzahlen 2014 nur um ein Zwischenhoch handelt. Dafür spricht auch, dass die Jahrgänge 1935, 1945, 1955, 1965 einen kontinuierlichen Rückgang der „endgültigen Kinderzahlen“ aufweisen. Das ist die Zahl der Kinder, die eine Frau bis zum 50. Lebensjahr zur Welt gebracht hat. Eine Trendwende wäre erst zu erwarten, wenn auch jüngere Frauen wieder öfter Kinder bekämen und so die Wahrscheinlichkeit von zweiten und dritten Geburten sich erhöhte. Deutschland fehlen schlicht die kinderreichen Familien.

Wirtschaftliche und politische Krisen schaffen Unsicherheit. Das ist schlecht für die Familienplanung. Dank ihres wachsenden Arbeitsmarktes hatten es die Deutschen da jahrelang besser als zum Beispiel die Spanier und Franzosen, und das war auch für die Geburtenrate vorteilhaft. Aber das sind eben die Rillen im Waschbrett, eine Rillenhöhe aber sagt noch keine Trendwende voraus. Erst recht nicht, wenn die wirtschaftliche Gesamtlage sich wieder einzutrüben droht. Der Jubel im Establishment ist verfrüht, wahrscheinlich sogar hohl.