Vereint unter der Scharia

Islamisten versagen Syriens wichtigstem Oppositionsbündnis die Anerkennung. Von Oliver Maksan

Ein syrischer Metallarbeiter baut einen Granatwerfer für Anti-Assad-Rebellen. Foto: dpa
Ein syrischer Metallarbeiter baut einen Granatwerfer für Anti-Assad-Rebellen. Foto: dpa

Erneut hat die syrische Opposition ein Beispiel ihrer Zerstrittenheit geliefert. Kein Jahr ist es her, seit sich Oppositionsgruppen in der Syrischen Nationalen Koalition zusammengeschlossen haben. Im November 2012 war das vom Westen und den Golfstaaten anerkannte wichtigste Oppositionsbündnis in Katar gegründet worden. Kürzlich ist mit Ahmed Tomeh an der Spitze auch eine Übergangsregierung eingesetzt worden, die in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten die staatliche Ordnung wiederherstellen sollte. Etwa 100 Staaten weltweit sehen in dem Bündnis die einzig legitime Vertretung des syrischen Volkes.

Jetzt haben 13 islamistische Gruppen am Dienstag in einer Videobotschaft mitgeteilt, dass sie weder die Autorität der Syrischen Nationalen Koalition noch die der von ihr eingesetzten Übergangsregierung anerkennen. Zur Begründung führten die Islamisten, von denen mehrere Gruppen zuvor der Syrischen Nationalen Koalition angehört hatten und ihre kampfstärksten Verbände bildeten, an: „Alle Gruppen, die im Ausland geformt wurden und nicht in das Land zurückgekehrt sind, vertreten uns nicht.“ Tatsächlich wird dem in Istanbul angesiedelten Oppositionsbündnis immer wieder vorgeworfen, keinen ausreichenden Bezug zu den Vorgängen in Syrien selbst zu haben und als abgehobene Exilregierung zu agieren. Von Bedeutung ist die islamistische Stellungnahme deshalb, weil sie militärisch mächtige Gruppen wie die berüchtigte, Al-Kaida nahestehende Al-Nusra-Front umfasst. Hinzu kommen auch Vertreter der Freien Syrischen Armee. In ihrer Stellungnahme fordern die Islamisten eine Einigung der militärischen und zivilen Kräfte der Opposition in einem „islamischen Referenzrahmen“. Die Scharia müsse die einzige Quelle der Gesetzgebung im künftigen Syrien sein. Die Interessen der Umma, der islamischen Glaubensgemeinschaft, müssten über denen einzelner Gruppen stehen, so die Erklärung weiter.

Damit zeichnet sich eine weitere Spaltung der Anti-Assad-Opposition in ein islamistisches und nicht-islamistisches Lager ab. Teile der Opposition wie einzelne Vertreter der Freien Syrischen Armee scheinen sich zu islamisieren. Ausschlaggebend für das sich in der Stellungnahme ausdrückende Selbstbewusstsein ist dabei die militärische Stärke der islamistischen Opposition.

In einer Untersuchung hatte das in London ansässige Institut IHS Jane's kürzlich vorgerechnet, dass weite Teile der etwa 100 000 Kämpfer umfassenden Anti-Assad-Opposition Islamisten seien, allerdings unterschiedlicher Radikalität. Circa 10 000 Kämpfer seien radikale Dschihadisten, häufig aus dem Ausland und mit einer Nähe zur globalistischen Ideologie Al-Kaidas. Etwa 30–35 000 Kämpfer seien zwar harte Islamisten, aber anders als bei der ersten Gruppe sei ihr Fokus ausschließlich auf Syrien gerichtet. Weitere 30 000 Oppositionskämpfer seien zwar moderater, aber gehörten nichtsdestotrotz Gruppen an, die einen islamischen Charakter trügen. Nationale und säkulare Kämpfer bildeten somit nur eine kleine Minderheit innerhalb der in cirka 1 000 Gruppen zerfallenden militärischen Opposition gegen Assad. Wie sehr die Opposition zersplittert ist, zeigt sich auch an zunehmenden Kämpfen unter den Aufständischen. Erst vergangene Woche war es in der syrisch-türkischen Grenzstadt Asas zu blutigen Zusammenstößen zwischen Einheiten der Freien Syrischen Armee und der Al-Kaida nahestehenden Gruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien gekommen. Vertreter von Al-Kaida haben in den vergangenen Wochen zudem in der Latakia-Provinz gezielt Vertreter der Freien Syrischen Armee liquidiert.

Für religiöse Minderheiten wird das Leben in Syrien derweil zunehmend schwieriger. Wie Beobachter dem römischen Fidesdienst berichten, haben 36 islamische Rechtsgelehrte (Ulema) in Duma, einem der größten Vororte von Damaskus, einen Rechtsspruch (Fatwa) erlassen, der besagt, dass sunnitische Gläubige die Güter, Wohnungen und Häuser von Christen, Drusen und Alawiten und anderer Minderheiten, die „sich nicht zur sunnitischen Religion des Propheten bekennen“, beschlagnahmen dürfen. Der Rechtsspruch ruft auch dazu auf, jede Art von Beziehung zu Einwohnern von Damaskus zu unterbrechen, die die Revolution „verraten oder im Stich gelassen haben“. Das beschlagnahmte Eigentum, so der Rechtsspruch, soll in Teilen „für den Kauf von Waffen“, zu anderen Teilen für Waisen, Arme, Angehörige von Märtyrern und Witwen zur Verfügung gestellt werden. „Wir fordern unser Volk dazu auf, an unseren islamischen Traditionen festzuhalten und das Haus Gottes regelmäßig zu besuchen, damit wir unsere Seele und unsere Gesellschaft schützen“, so die Fatwa abschließend. Mit Material von Fides