Ursachen des Rassismus

Ferguson zeugt von der Fehlstellung der US-amerikanischen Gesellschaft. Von Friedrich von Westphalen

Afro-Amerikaner protestieren in Ferguson gegen die Erschießung Michael Browns. Foto: dpa
Afro-Amerikaner protestieren in Ferguson gegen die Erschießung Michael Browns. Foto: dpa

Noch immer ist ungeklärt, was sich im Einzelnen tatsächlich in der Nacht zum 9. August in der US-amerikanischen Kleinstadt Ferguson (Missouri) ereignete, als der weiße Polizist Darren Wilson den unbewaffneten Afro-Amerikaner Michael Brown mit sechs Schüssen tötete. Zeugen sagen, der Getötete habe sich mit erhobenen Händen dem Todesschützen genähert. Darren Wilson will gleichwohl „Angst um sein Leben“ gehabt haben. Juristisch ist das der Klassiker: Notwehr, zumindest Putativnotwehr, sagt der Todesschütze. Zahlreich sind jedoch inzwischen die Sympathiekundgebungen im Internet für den Polizisten Darren Wilson; Spenden werden eingesammelt (mehr als 60 000 Dollar sollen es sein), weil Strafverteidigung in Amerika sehr teuer ist.

Seit dem 9. August kennt alle Welt den Namen der Stadt; seitdem beherrschen Abend für Abend die aus Ferguson gesendeten Nachrichten und Bilder die Medien: Demonstrationen, gewalttätige Konfrontationen, Ausschreitungen, Hass und Verbitterung, eine bis an die Zähne bewaffnete Polizeitruppe. Gummigeschosse und Tränengas waren lange Zeit gegenüber den immer wieder auch bedrohlich randalierenden Demonstranten die bevorzugten Einsatzinstrumente. Der von verschiedener Seite – vor allem den Kirchen – durchgeführte Versuch, nachhaltig Frieden zwischen den Kombattanten zu stiften und Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen zu erreichen, um dem Rassismus in Ferguson Einhalt zu gebieten, ist bislang noch nicht gelungen. Die verbale Intervention Obamas hat daran so wenig geändert wie das Entsenden der Nationalgarde. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass sich die Fronten nach dem Besuch des amerikanischen Justizministers Holder – zumindest vorläufig – beruhigen und begradigen.

Man kann in dieser gewalttätigen Konfrontation zwischen Vertretern weißer und schwarzer Hautfarbe ein lokales Syndrom sehen: Von 53 Polizisten sind immerhin 50 weißer Hautfarbe. Und es ist immer ein politischer Skandal, wenn im lokalen Parlament, wie in Ferguson, keine ausreichende Zahl von Repräsentanten der Afro-Amerikaner Sitz und Stimme haben. Wenn dann ein weißer Polizist einen jungen Afro-Amerikaner im Dienst erschießt, sind die seit langem gärenden Vorurteile schnell in Gang gesetzt und brechen sich in gewalttätigen Auseinandersetzungen Bahn: Die Polizei ist eben immer die den Afro-Amerikanern überlegene Ordnungsmacht; sie ist bewaffnet, Gasmasken und Schutzhelme inklusive. Irakveteranen sagten, sie selbst seien im Kampf gegen Saddam Hussein nicht so gut gerüstet gewesen wie die Polizei in Ferguson.

Auf der anderen Seite: Zwei Drittel der Bevölkerung von Ferguson sind schwarz. Sie sind in der Regel arm, vor allem die Jugendlichen sind ohne Berufsausbildung und Perspektive, oft zur Kriminalität neigend, randalierend, brandschatzend und plündernd, wie man sehen konnte, wohl weil die Sinnlosigkeit des Alltags unerträglich wird. Dort, wo sie wohnen, ziehen die weißen Bürger fort. Segregation in Reinkultur. Die von der weißen Polizei in Ferguson durchgeführten Verkehrskontrollen betreffen daher auch überproportional Afro-Amerikaner. Die bei Verstößen fälligen Bußgelder füllen das Budget der Polizeistation, gedeckt vom Wohlwollen des weißen Bürgermeisters von Ferguson.

Der Zorn, die Wut der Afro-Amerikaner in Ferguson sind nachvollziehbar und verständlich. Sie fordern vor allem Gerechtigkeit für den Tod von Michael Brown und die Bestrafung des Täters. Das rechtfertigt nicht die brutale Gewalt der Konfrontation, das Plündern und Marodieren, wie es in den letzten Wochen stattfand. Es rechtfertigt aber auch nicht den teils sehr unverhältnismäßigen Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen auf Seiten der Polizei. Dass auch zwei Journalisten des Springer-Konzerns – trotz ihres Pressestatus – vorübergehend grundlos inhaftiert wurden, sei der Vollständigkeit halber aufgeführt. Ein wohlwollendes Zeugnis für Pressefreiheit ist dies nicht.

Die Afro-Amerikaner fordern – und dies alles weist über Ferguson als lokales Ereignis hinaus – eben auch das Ende von dem, was der amerikanische Präsident Barack Obama in die Worte fasste: Es ist wahrscheinlicher, dass ein junger Afro-Amerikaner im Gefängnis landet, als dass er eine gediegene Ausbildung erfährt. In Amerika – man mag es drehen und wenden wie man will – hat sich sicherlich seit 1968, als Detroit und 1992, als Watts (Los Angeles) als Folge von bürgerkriegsähnlichen Rassenunruhen brannten, sehr viel im öffentlichen Leben zugunsten der Schwarzen geändert. Doch der Grundbefund ist nach wie vor der gleiche: Noch immer bekennt sich mehr als die Hälfte der weißen Amerikaner dazu, abwertend und verächtlich über Schwarze zu denken und zu sprechen. Dieses Denkmuster hat sich tief in die Hirne der amerikanischen Bürger eingegraben und ist, wenn auch subtil, Rassismus und Diskriminierung: Der eine hat Macht und Einfluss, ist reich, aber weiß, der andere ist arm, schwarz, kinderreich, aber dennoch oft ohne „richtige“ Familie. Er ist, weil er arm ist, in allen Beziehungen stark sozial benachteiligt. Die noch immer nicht überwundene Finanzkrise tut hier seit 2008 ihr Übriges, um diesen Zustand zum Nachteil der schwarzen Bevölkerung zu perpetuieren. Sie traf überproportional die Armen (Hauskredite, die platzen). Der daraus geborene – diskriminierende – Rassismus, für den Ferguson nur ein Beispiel ist, ist eben auch Ausweis für die immer konturenschärfer hervortretende Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft. Die Reichen – das ist fast ein ehernes Gesetz – werden immer reicher, die Armen und Schwarzen haben praktisch keine Chance.

Daran hat auch die Präsidentschaft Obamas nichts geändert. Auch die gesetzliche Krankenversicherung „Obamacare“ hat die Gräben zwischen den Weißen und Schwarzen nicht zuschütten können. Die Ungleichheit zwischen – wir sprechen hierzulande von einer „Gerechtigkeitslücke“ – schlägt sich in allen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen nieder. Gravierende Einkommensunterschiede, wie sie zwischen Weißen und Schwarzen bestehen, lassen die Armen eher sterben, beeinträchtigen ihre seelische Gesundheit, steigern ihren Drogenkonsum; die Abwesenheit der Väter ist die Regel und die Kriminalität Folge mangelnder Anerkennung.

Auf der anderen Seite: Wer aufsteigt, zieht um; wie der Vater, so der Sohn. Es ist eben eine Ungleichheit ab der Geburt. Und daran wird sich auf Sicht kaum etwas ändern. Denn im Hintergrund von Ferguson steht die Frage, wie eine Gesellschaft mit einer immer weiter wachsenden, sich verstärkenden und auch verschärfenden Ungleichheit und dem dadurch sich aufstauenden Potenzial von Rassismus und Diskriminierung umgeht. Denn das hohe Maß an Ungleichheit in einer – freien – Gesellschaft, ist immer auch eine radikale Herausforderung für ein Mehr am Gleichheit und Gerechtigkeit. Diese zu verwirklichen ist aber nur möglich, wenn die tiefen Gräben, die die amerikanische Gesellschaft spalten, Schritt für Schritt zugeschüttet werden.

So gesehen ist das, was wir gerade in Ferguson erleben, nur ein Indiz für eine schwerwiegende Fehlstellung einer eigentlich der Freiheit und der Gerechtigkeit verpflichteten Gesellschaft. Für die Verwirklichung der Gerechtigkeit sind – nach europäischen Vorstellungen – primär Staat und Politik zuständig. Wir nennen das „soziale Marktwirtschaft“ und bezeichnen damit den inzwischen ein wenig in Vergessenheit geratenen Idealzustand des „rheinischen Kapitalismus“. Doch in den USA herrscht nahezu unangefochten das Dogma des „freien Kapitalismus“, des Liberalismus der Chicagoer Wirtschaftswissenschaft. Dieser aber weist den Staat nachdrücklich zugunsten des freien Marktes in Schranken. Deshalb ist es nur eine Frage des Datums, wann das nächste „Ferguson“ uns erreicht.