Unter der Peitsche der Islamisten

Das westafrikanische Mali hat sich von einem Vorzeigestaat zu einem internationalen Krisenherd entwickelt Von Carl-Heinz Pierk

Fortbewegungsmittel der Dschiadisten in Mali: Pick-up mit schwerem Geschütz. Foto: dpa
Fortbewegungsmittel der Dschiadisten in Mali: Pick-up mit schwerem Geschütz. Foto: dpa

Das westafrikanische Mali galt lange als demokratischer Vorzeigestaat in Afrika. Heute steht das Land am Abgrund: Seit einem Militärputsch und der Offensive von aus Libyen heimgekehrten Tuareg im Frühjahr 2012 ist das Land geteilt. Den Norden, ein Gebiet so groß wie Frankreich, kontrollieren mittlerweile Islamisten mit angeblich besten Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Kaida. Gleichzeitig kämpfen die Menschen seit Jahren ums Überleben: Die durchschnittliche Lebenserwartung der etwa 14,5 Millionen Einwohner, darunter 300 000 Angehörige des Berbervolkes der Tuareg, liegt bei nur 53 Jahren. Das 1,2 Millionen Quadratkilometer große Land am Südrand der Sahara ist einer der wichtigsten Baumwoll-Produzenten Afrikas. Dürreperioden haben der Landwirtschaft aber nachhaltig geschadet. 60 Prozent des Landes sind von Wüste bedeckt.

Inzwischen entwickelt sich das westafrikanische Land zu einem Krisenherd der Weltpolitik. Im vergangenen Winter war nach der Rückkehr von Tuareg-Söldnern aus Libyen im Norden Malis ein Aufstand gegen die Zentralregierung ausgebrochen. Unzufriedene Soldaten stürzten Ende März die Regierung in der Hauptstadt Bamako. Anschließend brachten die Tuareg-Rebellen innerhalb weniger Tage gemeinsam mit Islamisten den gesamten Norden unter ihre Kontrolle.

Auspeitschungen, Steinigungen und Amputationen

Die Islamisten vertrieben die Tuareg-Rebellen, ihre einstigen Verbündeten, seitdem aus den größten Städten und riefen das islamische Recht der Scharia aus. Der malische Interims-Präsident Dioncounda Traoré hat faktisch nur die Kontrolle über den Süden des Landes. Hunderttausende Menschen sind in den Süden sowie die Nachbarländer geflüchtet.

Der Konflikt in Mali bedroht inzwischen die Stabilität Afrikas. Auch Europa und die USA fürchten ein neues Afghanistan im Sahel. Verhindert werden soll ein islamischer Gottesstaat, in dem Terrorgruppen wie Al Kaida eine sichere Basis haben – so wie es Afghanistan vor dem westlichen Militäreinsatz ab 2001 war. Augenzeugen im Norden Malis berichten von einem Zustrom islamistischer Kämpfer in den Städten Gao und Timbuktu. In Gao, etwa 1 200 Kilometer nördlich von Bamako, wurden mehr als hundert Fahrzeuge mit ausländischen Kämpfern gezählt. Die Pickups seien mit automatischen Waffen ausgerüstet, hieß es. Die Dschihadisten kommen nach unbestätigten Berichten aus dem Sudan, aber auch aus Algerien, Pakistan, Ägypten und dem Jemen.

In der Sahelzone spielt sich eine Tragödie ab, deren tatsächliches Ausmaß nur zu erahnen ist. Es kommt zu Auspeitschungen, Steinigungen, Amputationen von Gliedmaßen – außerdem zerstören die Islamisten weiterhin Mausoleen, die zum Weltkulturerbe gehören. Auch Teile der zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt von Timbuktu wurden zerstört. Überall weht die schwarze Fahne der Islamisten. Schwer bewaffnete Männer mit Turbanen und langen Bärten fahren auf Pick-Up-Geländewagen durch die Straßen. Zwar sind 90 Prozent der Menschen im Norden Malis Muslime. Der dort praktizierte Islam galt jedoch immer als besonders gemäßigt. Alkohol- und Rauchverbote sowie das Tragen des Schleiers für Frauen waren nahezu unbekannt. Heute bestimmt die Islampolizei, wie die Menschen hier zu leben haben: nach den strengen Gesetzen der Scharia.

Der Norden Malis, die „Islamische Republik Azawad“, wird terrorisiert von seinen neuen Herrschern – von radikalen Islamisten der Gruppe „Ansar Dine“ („Verteidiger des Glaubens“) oder der „Mujao“, der „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“. Die Islamisten kaufen mit Geldern aus Drogenhandel und Lösegeldforderungen Kinder, um sie als Kämpfer auszubilden. Das berichtete ein ranghoher Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Auch soll es Listen von unverheirateten Frauen geben, die schwanger sind oder ein Kind geboren haben. Sie leben in ständiger Angst vor der zu erwartenden Scharia-Strafe.

Dabei will die Welt nun nicht länger zuschauen. Ein „westafrikanisches Afghanistan“ soll es nicht geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte auf einer Bundeswehrtagung in Strausberg die grundsätzliche Bereitschaft der Bundesregierung erklärt, deutsche Soldaten an einer Ausbildungsmission für malische Streitkräfte teilnehmen zu lassen, wenn die Voraussetzungen geklärt seien. Eine mögliche Beteiligung deutscher Streitkräfte hängt jedoch von der genauen Klärung aller Voraussetzungen ab. Hier steht die internationale Gemeinschaft erst am Anfang. Mit welchem Auftrag deutsche Soldaten also in die Wüste geschickt werden sollen, ist umstritten. So wird die Lage in Mali auch Thema beim nächsten Treffen der Außen- und Verteidigungsminister der Europäischen Union am 19. November sein. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton soll bis dahin ein Einsatzkonzept vorlegen. Auf Basis dieser Ergebnisse sowie des Berichts des Generalsekretärs der UN kann die Bundesregierung feststellen, ob und wie die Voraussetzungen für eine deutsche Beteiligung gegeben sind. Derzeit wird die Unterstützung der Streitkräfte in dem nordafrikanischen Land durch Training und Ausbildung diskutiert. „Es geht eventuell auch darum, wie wir logistisch, technisch und auch finanziell helfen“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Allerdings müssten alle internationalen Operationen in Mali unter afrikanischer Verantwortung stehen. Auch die politische Unterstützung der Nachbarländer, vor allem Algeriens, sei notwendig.

Hollande: „Frankreich wird nicht intervenieren“

Frankreich, zu dessen ehemaligem Kolonialreich auch Mali gehörte, hat in der südmalischen Hauptstadt Bamako bereits eine Abhörzentrale eingerichtet. Einige Hundert der inzwischen nur noch fünftausend in Afrika stationierten französischen Soldaten sind in umliegende Länder verlegt worden. „Wir können materielle Unterstützung bieten, wir können ausbilden, aber Frankreich wird nicht intervenieren“, hatte Präsident François Hollande bekräftigt. Die international anerkannte Übergangsregierung lehnte zunächst jede fremde Intervention ab, auch die von der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten Ecowas avisierte 3 000-Mann-Truppe. Die Rückeroberung des Nordens sollte ausschließlich die Aufgabe der malischen Armee sein – die allerdings weder personell noch materiell dazu in der Lage sein dürfte.

de Maiziere: Malis Armee in „erbarmungswürdigem Zustand“

Das Land hat nur knapp achttausend schlecht ausgerüstete Soldaten, ein paar Panzer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und ein einziges Jagdflugzeug. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere spricht von einer Truppe im „erbarmungswürdigen Zustand“. Diese Erkenntnis scheint mittlerweile auch im offiziellen Bamako angekommen zu sein. Übergangspräsident Dioncounda Traoré spricht nun von der „vollständigen Zusammenarbeit“ seiner Regierung mit den ausländischen Partnern. Ohne Transport- und Kampfflugzeuge aus dem Westen aber hätten die Truppen des Staatenbunds 15 westafrikanischer Länder wohl kaum eine Chance, ihre Aufgabe zu erfüllen.

In den vergangenen Monaten hat Mali einige der Auflagen der Afrikanischen Union (AU) erfüllt. So trat ein Übergangspräsident an die Stelle der Junta, der eine Regierung bildete, in der auch die Opposition vertreten ist. Der AU-Sicherheitsrat hob daher inzwischen den vorübergehenden Ausschluss Malis auf und hat das Land wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Die Afrikanische Union rief die Regierung Malis dazu auf, „so schnell wie möglich nationale Strukturen zu schaffen, um mit den bewaffneten malischen Gruppen im Norden des Landes, die dazu bereit sind zu verhandeln, eine politische Lösung der Krise zu finden“.

Vorerst aber scheinen die Perspektiven sehr bedrohlich, wenn die Islamisten weiter ungestört ihren Gottesstaat etablieren. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßt daher ein militärisches Eingreifen zur Befreiung des Nordens, erklärte der Sekretär der Bischofskonferenz von Mali, Pfarrer Edmondo Dembele, gegenüber dem Fidesdienst. „Die Einwohner des Nordens leiden unter den Übergriffen der Islamisten und üben Kritik an der zögernden Haltung der Behörden in Bamako. Sie wünschen sich ein rasches Eingreifen mit dem Ziel der Befreiung. Aber auch im Süden leiden die Menschen unter der Krise im Norden. Das ganze Land ist betroffen und wünscht sich die Befreiung des Nordens von den islamistischen Gruppen“, so Pfarrer Dembele.