München

Ungarn hat das erste Loch in den Vorhang geschnitten

Ungarn spielte vor 30 Jahren eine wichtige Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs. Daran ist nun in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche erinnert worden.

Ungarns Grenzöffnung: DDR-Übersiedler
Mit dem Taxi fuhren diese Übersiedler am 11.09.1989 von Budapest zur österreichischen Grenze. Über 10.000 Übersiedler kamen in den ersten 24 Stunden nach der Öffnung der ungarischen Grenze über Österreich in die bayerischen Auffanglager. Foto: Wolfgang Kumm (zu dpa-Serie Mauerfal... Foto: Wolfgang Kumm (dpa)

Die Beziehung zwischen Ungarn und Deutschland schien in den letzten Jahren wieder getrübt zu sein. Vor allem während der Flüchtlingskrise standen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán als Antipoden gegenüber. Dabei verbindet die Länder eine gemeinsame Geschichte. Beim Fall des Eisernen Vorhangs hat Ungarn eine entscheidende Rolle gespielt. Von Ungarn ging eine Entwicklung aus, die später in der Deutschen Einheit münden sollte. „Ungarn hat den ersten Stein aus der Mauer gebrochen“, sollte später Helmut Kohl erklären. An diese Ereignisse vor 30 Jahren und ihre Bedeutung für die deutsch-ungarische Freundschaft ist am Donnerstag bei einer Festveranstaltung in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche erinnert worden. Dazu hatte der Generalkonsul von Ungarn in Bayern, Gábor Tordai-Lejkó, in Zusammenarbeit mit dem Malteser Hilfsdienst eingeladen.  

"Ungarn hat eine wichtige und leider
häufig unterschätzte Rolle beim
Fall des Eisernen Vorhangs gespielt"
Ludiwg Spaenle, bayerischer Beauftragter für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe

„Ungarn hat eine wichtige und leider häufig unterschätzte Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs gespielt. Das Paneuropäische Picknick am 19. August 1989 zum Beispiel hat es rund 700 Bürgerinnen und Bürgern aus der DDR ermöglicht, über die Grenze zwischen Ungarn und Österreich ihren Weg in die Freiheit zu finden“, erklärt Ludwig Spaenle (CSU) gegenüber der Tagespost, der in seiner Eigenschaft als Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe dort eine Festrede gehalten hat.

„Zudem hat Ungarn bei der Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft bereits vor dem Fall der Mauer eine wichtige Funktion wahrgenommen - dies angesichts der politischen Rahmenbedingungen im Warschauer Pakt nicht ohne Risiken“, so Spanele weiter.

Wichtige Brücke bei der Erweiterung der EU

Mit Blick auf die Entwicklung der deutsch-ungarischen Freundschaft stellte er fest: „Die deutsch-ungarischen sowie die bayerisch-ungarischen Beziehungen waren um und nach der Wende sehr eng. Vor allem waren und blieben sie nicht nur auf die politische Ebene beschränkt. Es gab Schulpartnerschaften und Schüleraustausche, es gibt Städte- und Gemeindepartnerschaften und bereits unmittelbar nach der Wende zahlreiche Joint-Ventures zwischen Unternehmen in Deutschland und Ungarn. Ungarn war bei der Erweiterung der EU eine wichtige Brücke zwischen dem ,alten‘ Westeuropa sowie Mittel- und Osteuropa. Hier gibt es vielfältige Anknüpfungspunkte für eine Neubelebung - auch im politischen Dialog. Die Teilnahme von Bundeskanzlerin Merkel an der Erinnerungsfeier an das Paneuropäische Picknick macht die Chancen deutlich. Es geht um den Blick nach vorn.“

Ein Volk, das solidarisch und barhmerzig ist

Der Präsident des Ungarischen Malteser-Caritas-Dienstes, Pater Imre Kozma, bezog sich in seiner Ansprache auf die Hilfe der Malteser für die Menschen aus der DDR, die in die Bundesrepublik flüchten wollten. Er machte deutlich, dass die Ungarn ein Volk seien, das solidarisch und barmherzig sei. Auch aus  den Erfahrungen und der Hilfe, die geflohene Ungarn nach dem gescheiterten Aufstand gegen das kommunistische Regime 1956  in Deutschland gemacht hatten. So sei es ganz selbstverständlich gewesen, 1989 auch den Deutschen zu helfeb. 1989 war für Pater Kozma  ein „Jahr der Wunder“, bei denen der Malteser-Caritas-Dienst in bindung mit Maltesern aus iDeutschland und Österreich den Flüchtlingen aus der DDR habe helfen können. Es gab insgesamt vier  Aufnahmelager des Malteser-Caritas-Dienstes, in denen insgesamt rund 48.600 Menschen versorgt worden sind. Das Soproner Picknick und schließlich die Öffnung der Grenze durch die ungarische Regierung für die Bürger der DDR seien wichtige Schritte hin zum endgültigen Fall des Eisernen Vorhanges gewesen, so Pater Kozma.

Constantin von Brandenstein-Zeppelin, der Ehrenpräsident der deutschen Malteser und Bundesauslandsbeauftragte des Malteser Hilfsdienstes e. V., nannte  in seiner Ansprache 1989 ein „Jahr der Barmherzigkeit und Wende", das noch heute für die Deutschen Grund für Dankbarkeit an die Ungarn liefere. Mit der Hilfe für die Bürger aus der DDR und der Grenzöffnung durch die ungarische Regierung habe Ungarn das erste Loch in den Eisernen Vorhang geschnitten

DT/sesa

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