Türkei als „einzige solide Pforte nach Osten“

„Niemand muss sich vor uns fürchten“, betonte Erdogan in Wien und rief die Türken in Österreich auf, sich nicht zu assimilieren

Wien (DT/sb) Etwa 14 000 in Österreich lebende Türken versammelten sich am Donnerstagnachmittag in Wien, um Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit tausenden türkischen Fähnchen zuzujubeln. Rund 6 000 Menschen demonstrierten gleichzeitig mit Fahnen kurdischer, alevitischer, türkischer und auch kommunistischer Organisationen gegen Erdogans „Privatbesuch“ in Österreich. Die befürchteten Zusammenstöße blieben weitgehend aus.

In seiner bereits im Vorfeld heftig debattierten Rede betonte der türkische Ministerpräsident, er sei nicht gekommen, um die österreichische Innenpolitik „durcheinander zu bringen“. Die Türken in Europa seien die „Enkel von Sultan Süleyman dem Prächtigen“, aber sie seien gekommen, um die Herzen der Wiener zu gewinnen. „Niemand muss sich vor uns fürchten“, sagte Erdogan in Anspielung auf die kritischen Stimmen vor seinem Wien-Besuch. Für Europa sei die Türkei „eine wichtige Alternative, ein Ausweg“ und „die einzige solide Pforte nach Osten“. Erdogan, der seit über einem Jahrzehnt in Ankara regiert, betonte unter dem Jubel seiner Anhänger: „Die Türkei ist nicht mehr die alte Türkei.“ Das Land sei heute nicht mehr arm, sondern stark.

In Österreich leben 115 000 Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft, 1 700 türkisch-österreichische Doppelstaatsbürger sowie etwa 150 000 Österreicher türkischer Abstammung. An sie alle richtete Erdogan die gleiche Botschaft wie bereits am 24. Mai bei seinem Besuch in Köln: „Ich habe die Grüße von 77 Millionen Bürgern der Türkei im Gepäck. Als Volk waren wir immer stolz auf euch.“ Sie sollten sich in die Gesellschaft integrieren und gut Deutsch lernen, sich aber nicht assimilieren. Die Türkei habe für Deutschland, Österreich und die anderen Länder Europas „Botschaften des Friedens und der Freundschaft“, so der Ministerpräsident. „Ihr könnt auf diese Türkei stolz sein.“ Das Selbstbewusstsein der Auslands-Türken zu stärken und ihre Bindung an das Herkunftsland zu festigen, war offenbar ein Anliegen des Regierungschefs, der ausrief: „Niemand kann uns zwingen, uns für unsere Kultur und unsere Geschichte zu schämen.“ Erdogan sprach lange über den wirtschaftlichen Aufschwung in der Türkei, über die rückläufige Inflation und die sinkende Staatsverschuldung. Den europäischen Medien riet er, „sich von ihren antitürkischen Vorurteilen zu befreien“.

Kritik am Besuch Erdogans übten nicht nur die meisten Zeitungen Österreichs, sondern mehrfach auch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), der in der Regierung auch für Fragen der Integration zuständig ist. Kurz kritisierte am Donnerstag, „dass der türkische Premier den Wahlkampf in unser Land getragen hat“. Offiziell nämlich galt Erdogans Kurzbesuch dem zehnjährigen Jubiläum der „Union der Europäischen Türkischen Demokraten“ (UETD), einem der AKP nahestehenden Verein für Auslands-Türken. Tatsächlich jedoch erweckte Erdogan den Eindruck, die im Ausland lebenden türkischen Staatsbürger auf die Präsidentschaftswahlen am 10. August einzustimmen. Auch wenn eine offizielle Bestätigung noch aussteht, wird in der Türkei angenommen, dass Erdogan bei diesen Wahlen kandidieren wird. Am Freitag reiste der türkische Regierungschef nach Paris weiter.