Tödliche Medienverwahrlosung

Medienverwahrlosung ist eines der Schlagworte, die jetzt nach dem Amoklauf von Winnenden gefallen sind. Gemeint ist damit einerseits die Art der Berichterstattung über den Vorfall, andererseits aber auch der Medienkonsum an Gewaltfilmen und Gewaltspielen bei jungen Menschen, der sie in ihrer seelischen Entwicklung gefährden kann.

Gewalt aber kann erst dann auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sich eine Gesellschaft entblößt, sich nackt macht, worin die Redewendung von der nackten Gewalt ja ihren tieferen Sinn hat – sei es in der Pornografie, sei es in dem zeitgenössischen massenhaften Verlangen, alle intimen Inhalte der einzelnen menschlichen Existenz über Internet, Handy oder neue Fernsehformate der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dort zu konsumieren, der körperliche und seelische Striptease also.

Jetzt ist in der nach oben offenen Medienverwahrlosungsskala ein weiterer Höhepunkt erreicht worden. Ein Star des Fernsehformats „Big Brother“, wo sich Menschen in ein Haus sperren lassen, woraus ihr Leben rund um die Uhr von Kameras beobachtet und ans Publikum übertragen wird, hat in England sein Sterben am Krebs öffentlich zelebriert. Die 27-jährige Jade Goody vermarktete ihren Tod in den Medien, um ihren zwei jungen Söhnen das spätere Leben zu finanzieren. Mehr als eine Million Euro soll sie bisher eingenommen haben. Der menschliche Körper, die Intimsphäre wird durch Angebot und Nachfrage der Medien noch in der intimsten Stunde des Todes zu einer Ware, indem er öffentlich ausgestellt wird – um damit Geld zu verdienen und den Voyeurismus des Publikums zu bedienen. Winnenden und der Fall Goody zeigen: Wir können und dürfen der Öffentlichkeit nicht jedes Opfer bringen, sonst tötet die Medienverwahrlosung künftig immer mehr Menschen. sei