Tierschutz vor Menschenwürde

Die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage zeichnet ein ernüchterndes Bild der embryonalen Stammzellforschung. Von Stefan Rehder

Tierversuche sind teuer. Deswegen sollen als Testsysteme vermehrt die aus Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen zum Einsatz kommen. Foto: dpa
Tierversuche sind teuer. Deswegen sollen als Testsysteme vermehrt die aus Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen z... Foto: dpa

Mit fast 100 Millionen Euro fördert allein der Bund die Stammzellforschung in Deutschland. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten „Antwort der Bundesregierung“ (Bundestags-Drucksache 17/5654) auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der SPD und Bündnis 90/Die Grünen hervor. Auf die von der katholischen Kirche abgelehnte, von Stammzellforschern und Politikern jedoch regelmäßig für unverzichtbar erklärte Forschung mit embryonalen Stammzellen entfallen dabei lediglich 3,8 Millionen Euro. Mit nur neun geförderten Projekten stellt die embryonale Stammzellforschung, für deren Ermöglichung der Gesetzgeber 2002 eigens das „Gesetz zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit Einfuhr und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen“ erließ, den kleinsten Zweig der Stammzellforschung dar. Für die Forschung mit den ebenfalls ethisch umstrittenen induzierten pluripotenten Stammzellen (38 Projekte) vergibt der Bund derzeit Fördermittel aus Steuergeldern in Höhe von 15,9 Millionen Euro. Die meisten Fördermittel entfallen jedoch auch neun Jahre, nachdem der Gesetzgeber in Deutschland die Forschung mit den aus getöteten Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen ermöglichte, auf die ethisch unbedenkliche, von Wissenschaftsfunktionären jedoch regelmäßig als stark limitiert dargestellte Forschung mit adulten Stammzellen. Nach Darstellung der Bundesregierung fördert der Bund hier derzeit 85 Projekte mit rund 72,8 Millionen Euro. Auf die noch junge, ethisch ebenfalls unbedenkliche Forschung mit Stammzellen, die aus dem Nabelschnurblut von Neugeborenen (13 Projekte) gewonnen werden und die eine Sonderform der Forschung mit adulten Stammzellen darstellt, entfallen zusätzlich 4,2 Millionen Euro.

Auch wenn die Bundesregierung in ihren Antworten auf die nicht weniger als 53 Fragen umfassende „Kleine Anfrage“ von SPD und Bündnis 90/Die Grünen gleich mehrfach darauf hinweist, dass in vielen der geförderten Projekte mehrere verschiedene Zelltypen zum Einsatz kommen, so lässt sich aus der Aufschlüsselung der Fördergeldervergabe doch ablesen, welchen Stellenwert die Forschung mit den in den Medien gern als „Alleskönnern“ enthusiastisch gefeierten embryonalen Stammzellen tatsächlich besitzt.

Die Wissenschaft setzt, nachdem mit der Novellierung des Stammzellgesetzes 2008 auch die letzten als einschränkend empfundenen Hürden beseitigt wurden, offenbar weiterhin vor allem auf die Forschung mit den in den Medien stets als minderwertig dargestellten adulten Stammzellen.

Doch damit nicht genug: Von dem ursprünglich behaupteten Ziel der embryonalen Stammzellen, nämlich der Entwicklung von Therapien für bislang unheilbare Krankheiten, scheint sich der Forschungszweig längst verabschiedet zu haben. So heißt es in der Antwort der Bundesregierung: „Im Stammzellregister“ des Robert-Koch-Instituts, das nach dem Stammzellgesetz die Genehmigungen für den Import embryonaler Stammzellen aus dem Ausland erteilen muss, fänden sich „zurzeit keine Projekte, die auf eine absehbare Anwendung von humanen embryonalen Stammzellen zur Therapie gerichtet sind“. „Anwendungsbezogene Forschungsvorhaben mit humanen embryonalen Stammzellen“ zielten „eher auf Wirkstoff-Screening und pharmakologische Tests für die Entwicklung neuer Medikamente.“

Im Klartext heißt das: Statt auf die einst vollmundig in Aussicht gestellte Entwicklung von Therapien von Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose, mit denen zur Jahrtausendwende eine „Ethik des Heilens“ beschworen und der Protest von Bischöfen und Lebensrechtlern gegen die Nutzung menschlicher Embryonen als Rohstofflieferanten aus dem Feld geschlagen wurde, konzentrieren sich die Forscher auf die Entwicklung von toxikologischen und pharmakologischen Testsystemen auf der Basis embryonaler Stammzellen.

Bereits der Mitte Februar veröffentlichte „Vierte Erfahrungsbericht der Bundesregierung über die Durchführung des Stammzellgesetzes“ (Bundestags-Drucksache 17/4760 gab hierzu zu Protokoll: „Sowohl Tierschutzgründe als auch die in der Regel hohen Kosten von Tierversuchen“ hätten in der Vergangenheit zur Entwicklung von Alternativmethoden geführt, „die in vielen Fällen auf tierischen oder menschlichen Zellkulturen basieren“. Es sei davon auszugehen, dass „stammzell-basierte Testsysteme eine wesentlich höhere Datenqualität und bessere Übertragbarkeit auf den menschlichen Organismus“ böten, als die bislang existierenden Systeme. Darüber hinaus könne „durch Etablierung von Hochdurchsatzverfahren ein Einsatz stammzellbasierter Testsysteme zur Testung einer großen Zahl verschiedener Substanzen bereits in frühen Entwicklungsphasen möglich werden“.

Zu dem von der Bundesregierung gezeichneten Bild über die Lage der embryonalen Stammzellforschung passt, was der liberale US-amerikanische Bioethiker Arthur Caplan von der Universität Pennsylvania in diesen Tagen bekannte. In einem Streitgespräch, das die aktuelle Ausgabe des US-amerikanischen Online-Journals „Öffentlicher Diskurs: Ethik, Recht und Allgemeingut“ dokumentiert, gibt der meist zitierte Bioethiker zu: „Die embryonale Stammzellforschung war komplett überzogen im Hinblick auf ihre Versprechungen. Dabei haben die Leute das gleich gewusst. Das habe ich mir insgeheim selbst oft sagen müssen, obwohl ich diese Forschung unterstütze.“

Ein vergleichbares Szenario droht bei der derzeit debattierten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Da diese keine gesunde Kinder garantieren kann, und daher Eltern, die ein solches unbedingt haben wollen, weder eine pränatale Diagnostik noch eine spätere Abtreibung sicher erspart, dürfte ihr Mehrwert, vor allem in der Produktion sogenannter krankheitsspezifischer Stammzellen liegen.

Wie es in der Antwort der Bundesregierung heißt, seien weltweit inzwischen rund 1 300 embryonale Stammzelllinien etabliert worden. Bei 166 von ihnen handelt es sich um sogenannte krankheitsspezifische Stammzelllinien, die mit einer einzigen Ausnahme alle aus Embryonen entnommen wurden, an denen im Rahmen einer in-vitro-Fertilisations-Behandlung eine PID durchgeführt wurde.“