„Teufelskreis zunehmender Armut“

Dorothée Zimmermann, Westafrika-Expertin bei Misereor, über die Nahrungsmittelkrise in der Sahelzone. Von Clemens Mann

. Foto: Misereor
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Frau Zimmermann, das Welternährungsprogramm WFP der Vereinten Nationen hat erneut rasche Hilfe für die Sahelzone gefordert. Wie dramatisch ist die Situation dort?

Man muss differenzieren. Es sind mehrere Länder von der Krise betroffen, es gibt aber unterschiedliche Ausprägungen. Grundsätzlich gilt für die Sahelregion, dass sich marginalisierte Bevölkerungsgruppen bereits zuvor dauerhaft in einer kritischen Situation befinden. In diesem Jahr ist es aufgrund verschiedener Faktoren besonders dramatisch. Die Regenzeit fiel im letzten Jahr schlecht aus, sodass wenig geerntet werden konnte. Die Märkte reagierten auf die Krisensituation und die erwartete schlechte Ernte, sodass die Preise für Nahrungsmittel drastisch gestiegen sind. Die große Anzahl der Libyenrückkehrer und der Wegfall der Transferzahlungen sind eine weitere Bürde für die Bevölkerung. In Mali kommt außerdem die politische Krise hinzu. Sie verschärft die Situation im Land selbst, aber auch in der gesamten Region, weil Hunderttausende auf der Flucht sind.

In welchen Ländern ist es am schlimmsten?

Niger und Mali sind sicher am schwersten betroffen. Die Trockenheit hat auch massive Auswirkungen auf die mobilen Viehhalter in der Region. Schon früh in diesem Jahr stand kein Futter mehr auf den Weidegründen. Das führte dazu, dass die Viehhalter viel früher als in anderen Jahren gezwungen waren, mit ihren Herden in den Süden zu ziehen. Diese massiven Wanderbewegungen können zu Konflikten mit der sesshaften Bevölkerung dort führen, dann wenn diese ihre Anbauperiode vorbereiten.

Welche Ausmaße hat die Krise erreicht?

In der gesamten Sahelregion geht man von 15 Millionen Menschen aus, die direkt betroffen sind. In Mali sind es schätzungsweise drei Millionen, in Burkina Faso etwa 1,6 Millionen. Im Niger spricht man von fünf Millionen. Die Zahl der akut mangelernährten Kinder ist dramatisch angestiegen. Aber auch vorher waren bereits 10 bis 15 Prozent der Kinder dauerhaft mangelernährt. Die Armen auf dem Land und auch in der Stadt haben kaum die Möglichkeit, sich gegen den Hunger zu wehren. Ihre letzte Strategie in der Krise ist häufig, Produktionsmittel wie Gerätschaft, Vieh oder gar Land zu verkaufen. Sie geraten so in einen Teufelskreis der zunehmenden Verarmung und haben keine Widerstandsmöglichkeiten mehr für eine nächste Krise. Das ist ein echtes Problem. Als Hilfswerk müssen wir hier ansetzen. Es gilt die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu stärken.

Können die Hilfsorganisationen überall problemlos arbeiten?

Nein, in Mali, insbesondere im Norden, ist es sehr gefährlich. Ein humanitäres Arbeiten ist dort nicht möglich. Es herrscht dort ein Klima der Anarchie. Zunehmend kommt es zu Gewalt und schweren Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung durch die unterschiedlichen Besatzer, radikale Islamistengruppen und Tuareg-Rebellen. Immer mehr Menschen entscheiden sich zur Flucht. Eine baldige Lösung ist hier nicht abzusehen. Ein politischer Dialog ist schwer zu führen, weil man gar nicht weiß, mit wem man es zu tun hat. Ein militärisches Eingreifen wäre extrem schwierig. Für die Zivilbevölkerung im Norden ist die Situation dramatisch. Etwas südlicher sieht die Situation zum Glück anders aus. Misereor leistet Hilfe für die Diözese Mopti. Dort wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Allerdings unter großen Einschränkungen.

Ihre Beschreibungen erinnern an die Katastrophe am Horn von Afrika. Ist die Situation in Westafrika schon damit vergleichbar?

Nein, die Lage ist zwar sehr angespannt. Zu einer Hungerkatastrophe wie in Ostafrika ist es aber bisher noch nicht gekommen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sich die Situation für die Menschen bis zur nächsten Ernte noch weiter verschlechtert. Wir befinden uns im Moment in der Trockenzeit, die es zu überstehen gilt. Erste Ernten einer lokalen Hirseart können mit etwas Glück Ende August eingefahren werden. Im Oktober und November ist die Haupterntezeit des Getreides. Hoffentlich ist die Regenzeit gut, sodass eine vernünftige Produktion und Ernte gesichert ist.