Testosteron

Warum dem alten Cicero plötzlich der Gaul so durchgeht

Von Johannes Seibel

Testosteron ist ein Sexualhormon, das den Mann auf Triebtrab bringt, was an dieser Stelle nicht näher entfaltet werden soll. In Fragen des Schutzes der Privatsphäre halten wir es altmodisch. Dennoch mag ein Blick auf die Nebenwirkungen des körpereigenen Dampfmachers gestattet sein, weil diese sehr wohl von öffentlichem Interesse sind. Lässt Testosteron doch Haar und Bart kräftig sprießen, Memmen Muskeln wachsen und dominante Verhaltensweisen zur evolutionären Überlebensregel werden. Bei Tieren löst es nach gezielter Überdosierung gar ein imponierendes Imponiergehabe aus – sagen die Verhaltensbiologen. Zumindest schließen sie das aus der Beobachtung des Unterschiedes von mächtigen, aggressiven Hengsten und sanften, angepassten Wallachen nach einer Kastration samt anschließender Hormonzufuhr an ein und demselben männlichen Pferd.

Eine Erkenntnis, die auch deshalb von öffentlichem Belang ist, weil sie beinahe alles erklärt. Dem erstaunten Publikum beispielsweise, warum der bisher so liberal-konservativ feine, wiewohl klug unangepasste „Cicero“ in Windeseile in ein rauflustiges, cholerisches politisches Magazin zu mutieren droht, das eher den Namen „Nero“ verdient, seitdem Michael Naumann neuer Chefredakteur ist, der mit seiner ersten Amtshandlung Papst Benedikt XVI. zur persona non grata erklären ließ, an dem kein anständiger deutscher demokratischer Feuilletonist mehr irregehen dürfe.

Wie gesagt, dass Naumann hier der Gaul dermaßen durchgallopiert und die christenfressenden Fetzen fliegen, was das bunte Papier hergibt, ist schnell erklärt, wenn man in Brehms Tierreich zurückkehrt und sich erinnert, in welchem Rudel er das Führen lernte. Bingo – er hat das einst als Minister unter einem gewissen Gerhard Schröder getan, und der war vor allem für eines bekannt: für jede Menge Testosteron.