Surfbrett und Synagoge

Der Staat Israel wird sechzig Jahre alt – Seine Menschen sind so gegensätzlich wie die Landschaft – Noch immer zerrissen von inneren und äußeren Konflikten

Tony Judt, Direktor des Remarque-Instituts an der Universität New York, hat vor zwei Jahren Israel als das Land bezeichnet, „das nicht erwachsen werden will“. Israel, urteilte Judt, selbst Jude, benehme sich wie ein pubertierender Jugendlicher: „sicher, dass ihn keiner versteht und alle gegen ihn sind, schnell gekränkt und schnell im Austeilen“.

In den vergangenen sechzig Jahren hat das kleine Land genug ausgeteilt und eingesteckt: dem Ersten Israelisch-Arabischen Krieg von 1948/49 folgte ein kleinerer Krieg 1956, diesem der legendäre Sechs-Tage-Krieg 1967, darauf der Yom-Kippur-Krieg 1973, zwei Libanonkriege und zwei Palästinenseraufstände, „Intifada“ genannt – abgesehen von dem andauernden Kleinkrieg im Westjordanland und im Gaza-Streifen, bestehend aus Razzien, Luftangriffen, Bodenoffensiven. Und auf den israelischen Autobahnen setzt sich der „Krieg“ in gewisser Weise fort. Die Zahl der israelischen Verkehrstoten seit 1948 übersteigt die Zahl aller in Kriegen gefallenen Israelis. Studien zeigen zudem, dass israelische Soldaten, die in den besetzten palästinensischen Gebieten Dienst leisten, verstärkt zu häuslicher Gewalt neigen. Krieg herrscht auch in den eigenen vier Wänden.

Ist Israels Geschichte wirklich nur eine Geschichte von Krieg und Unfrieden? Israel, Teil des christlichen Heiligen Landes, ist auch für Juden, Muslime, Drusen und Bahai heiliger Boden. Ein kleines Land mit großer Naturvielfalt: mit Wüste und Wasserfällen, Meeren und Seen, Ebenen und Hügelland. Eingebettet in diese Landschaft liegen israelische Kibbuze – die typischen Gemeinschaftssiedlungen, die Menschen aus der ganzen Welt anziehen. Unmittelbar neben Orangenplantagen und Kuhställen wird an ausgefeilten Lösungen für die Computerbranche getüftelt. Als seien das der Gegensätze nicht genug, kommen auch die Bewohner Israels aus der ganzen Welt: Zu etwa achtzig Prozent Juden – aus Indien und Deutschland, Äthiopien und Argentinien, Russland und Südafrika. Sie sind säkular, konservativ, orthodox oder ultraorthodox. Sie sprechen hebräisch, russisch, jiddisch oder englisch. Sie sind stolz auf ihren Staat oder lehnen ihn ab – wie manche Ultraorthodoxe, da nur der Messias nach seinem Kommen den Staat Israel gründen dürfe.

Das restliche Fünftel der Bevölkerung sind Drusen und Araber; letztere sind Muslime und Christen. Und als seien das der Minderheiten noch nicht genug, hat Israel auch noch Beduinen und Tscherkessen. Ist es ein Armutszeugnis, dass der Staat Israel in sechzig Jahren nur einen einzigen arabischen Minister vorweisen kann? Friedensorganisationen sehen das jedenfalls so.

Was lässt sich über die vergangenen sechzig Jahre in Zahlen sagen? Beim Blick auf die Statistik steht das Land gut da: Israel erwirtschaftet laut CIA-Factbook pro Kopf ein Bruttoinlandsprodukt von 29 000 US-Dollar (Deutschland: etwa 35 000 Dollar), während der palästinensische Wert bei 1 100 Dollar liegt. Israel erfreut sich mit knapp acht Prozent Arbeitslosigkeit einer weit geringeren Arbeitslosigkeit als die palästinensischen Nachbarn, für die drei- bis fünfmal so hohe Werte vorliegen. 97 Prozent der Israelis können lesen und schreiben (Palästinenser: 92 Prozent) und im Durchschnitt besucht ein Israeli 15 Jahre schulische Einrichtungen (Deutschland: 16; Palästina: 13). Was die Lebenserwartung betrifft, erfreuen sich die israelischen Männer mit 79 und die Frauen mit 83 Jahren sogar jeweils eines Jahres mehr als es die Deutschen tun. Auf palästinensischer Seite erreichen Männer im Durchschnitt nur 72 und Frauen 75 Jahre. Die israelische Säuglings- und Kleinkindersterblickkeit liegt nur etwas höher als in Deutschland, aber deutlich niedriger als in den palästinensischen Gebieten. Das sind beeindruckende Zahlen, vor allem, wenn man mitbedenkt, dass das kleine Land in den 90er Jahren etwa eine Million russischer Einwanderer integrieren musste.

Es wird wohl noch lange dauern, bis das Land erwachsen wird

Doch ist Israel, sechzig Jahre nach seiner Gründung, immer noch zerrissen – von äußeren und inneren Konflikten. Noch immer konnte kein Friede mit Syrien, dem Libanon und den Palästinensern erreicht werden, noch immer stehen sich säkulare und religiöse Juden unversöhnlich gegenüber. Während die einen etwa Homosexuellen-Paraden in Jerusalem möchten, wollen letztere eine Trennung von Männern und Frauen in Bussen, was kürzlich in der israelischen Presse die Frage aufwarf, ob hier nicht „jüdische Taliban“ am Werke seien. Die israelische Psychiaterin Ruhama Marton sieht im gemeinsamen palästinensischen Feind bislang den Kitt für die jüdisch-israelische Gesellschaft. „Der Preis für den inneren Frieden ist die Vermeidung des Friedens mit den Palästinensern.“

Israel – das Land könnte vielfältiger kaum sein. Oder sollte man zerrissener sagen? Israel ist Surfbrett und Synagoge, Disco und Dabke, der arabische Nationaltanz, Handy und Hacke.

Für den Jubeltag, der nach dem jüdischen Kalender in diesem Jahr auf den 8. Mai fällt – offiziell erfolgte die Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 –, haben „Freunde Israels“ eine Internetseite erstellt, auf der man dem Land eine persönliche Glückwunschkarte schicken kann. Denn es gebe „Millionen von Menschen, die sich mit dem israelischen Volk an seinem diamantenen Jubiläum freuen“, sagt Ari Flynn, der Präsident von „Freunde Israels“. Sein Mitarbeiter Aharon Grundman klagt, die Welt sei voll mit Menschen, „die Israel einzig dafür hassen, dass es existiert“. Egal, was Israel tue, viele Menschen fänden immer etwas an Israel auszusetzen.

Das haben auch israelische Friedensgruppen. Norma Musih von „Zochrot“ (Erinnern) wird deshalb den Jubeltag anders feiern als die meisten Israelis. Mit arabischen Flüchtlingen und Vertriebenen des Krieges von 1948/49 wird sie deren zerstörte Dörfer besuchen. Für die Israelin „ist das ein sehr guter Tag, um anzufangen, den Zionismus beiseite zu lassen“. Ihr Gesinnungsgenosse Professor Jeff Halper weiß auch schon, wie die Welt Israel dabei helfen könnte. Man müsste nur zu Israel sagen: „Wir lieben Dich. Wir tun alles zu deiner Sicherheit. Und nun hast du ein Jahr Zeit, die Besatzung zu beenden.“ Damit könnte Israel endlich auch seine Militärausgaben senken. Während Deutschland gerade einmal 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für das Militär aufwendet, sind es in Israel 7,3 Prozent.

Man kann Israel zu seinem 60. Geburtstag nur „Mazal tov“, gutes Glück wünschen, und endlich die Politiker, die es mutig zum Frieden mit den umliegenden arabischen Nachbarn führen, die seit 2002 immer wieder ihre Friedensinitiative vorgetragen haben. Damit, um mit Tony Judt zu sprechen, das Land bald erwachsen werde.