Stoiber liest

Edmund Stoiber hat der Union, ja mehr noch, den Volksparteien insgesamt mit einer „Fremden Feder“ für die gestrige Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Leviten gelesen. Inhaltlich anspruchsvoll und vor allem völlig unprätentiös. Hier – das spürt man – geht es weder um Besserwisserei noch darum, dass sich einer ins Rampenlicht zurückschreiben will, aus dem er viel zu früh gedrängt wurde. Hier geht es um Sorge. Sorge um den Zustand der Union, der Volksparteien insgesamt, der Demokratie.

Die Volksparteien liefen Gefahr, die Menschen nicht mehr zu erreichen und ins Lager von Protestparteien und der Nichtwähler zu treiben. Grund dafür sei, dass übergeordnete Themen – Stoiber nennt hier „Nation, christliche Grundsätze und Familie“ – deutlich zu kurz kämen. Vor allem junge Wähler, von denen viel mehr wertkonservative Einstellungen besäßen, als gemeinhin gedacht, stoße dies ab. Recht hat er. Denn die viel beklagte Politikverdrossenheit unserer Tage ist in Wirklichkeit eine Politikerverdrossenheit. Es fehlt an Politikern, die Überzeugungen auch dann vertreten, wenn es schwierig und unbequem wird. An Strategen, die aus der Masse der Taktiker, die ihr Fähnlein je nach Wind ständig neu ausrichten, herausragen. Warum das so wichtig, ja unverzichtbar ist? Weil diejenigen, die regiert werden, von denen die sie regieren, nicht in erster Linie wissen wollen, ob sie von ihnen profitieren, sondern ob sie ihnen vertrauen können. Stoiber formuliert dies weniger offensichtlich, weniger vorwurfsvoll und garniert es mit mit Strauß-Zitaten. Auch das zeigt, Stoiber geht es um die Sache, nicht um Schelte. Für einen Politiker ist das heute so ungewöhnlich, dass man nur hoffen kann, dass der Einspruch auch von jenen gehört wird, die ihn am nötigsten haben. reh