Stille Nacht

Trotz mancher Verbesserungen hat die Gesellschaft noch immer keinen Weg gefunden, mit dem Tod still geborener Kinder würdevoll umzugehen. Von Michaela Skott

„Was bleibt, ist eine große Sprachlosigkeit“: Eltern von „Sternenkindern“ werden häufig mit ihrer Trauer alleine gelassen. Foto: dpa
„Was bleibt, ist eine große Sprachlosigkeit“: Eltern von „Sternenkindern“ werden häufig mit ihrer Trauer alleine gelasse... Foto: dpa

Der Vormittag ist grau und regnerisch, als sich Peggy Hildburg in einem Elterncafé in Schwerin auf das Kissen setzt. Draußen huschen eilig die Menschen vorbei. Weihnachten naht, vieles muss noch erledigt werden. Hierhin, zwischen stillenden Babys, krabbelnden Kleinkindern, lachenden Müttern – mitten ins Leben also – ist die 28-Jährige gekommen, um über den Tod zu sprechen. Still geborene oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder eignen sich nicht für Gespräche in geselliger Runde. Auf die Frage: „Wie alt wäre dein Sohn jetzt?“ antwortet Peggy: „Marvin ist viereinhalb“. Dieser Antwort sind Kraft, Schmerz und der Wunsch anzumerken, über ihr ältestes Kind nicht in der Vergangenheit zu sprechen.

In der 21. Woche rät der Arzt zur Feindiagnostik

Schätzungen zufolge wird rund ein Drittel aller Schwangerschaften nicht ausgetragen. Aber mit Marvin soll es klappen. Dafür nimmt sie die 20 Wochen Übelkeit gerne in Kauf. Die Diagnose „Hyperemesis gravidarum“ ist 2010 noch nicht bis zu ihren behandelnden Ärzten vorgedrungen. Ständige Übelkeit, Erbrechen, Ernährung über eine Sonde. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, die Einweisung auf eine psychiatrische Station. In der 20. Woche wird dann endlich alles besser.

Doch Peggy ist nun, trotz ihrer 24 Jahre, eine Risikoschwangere. Der Gynäkologe empfiehlt eine Feindiagnostik. 21. Woche. Doch Peggy freut sich: Babyfernsehen – endlich! Es dauert lange, der Arzt arbeitet still. Die Mutter betrachtet ihr Baby auf dem Monitor. Der Arzt die Geräte. Er bittet sie zu warten. Dann diese Worte: „Ihr Baby ist nicht lebensfähig“. Peggy hört, was der Diagnostiker sagt, aber verstehen kann sie es nicht. „Aber er bewegt sich doch! Er reagiert, wenn Papa mit ihm spricht! Er lebt doch! Das habe ich dem Arzt immer wieder gesagt“, erzählt Peggy, noch immer erschüttert.

Die medizinische Definition von Leben und ihre eigene passen nicht zusammen. „Das habe ich nicht verstanden.“ Bis heute nicht. Ihr Sohn, so erklärt ihr der Arzt, habe ein Dandy-Walker-Syndrom und einen Hydrocephalus, im Volksmund „Wasserkopf“ genannt. Dort, wo eigentlich das Kleinhirn sein sollte, ist eine Zyste. Nicht überlebensfähig. Mit der Diagnose und einem munteren Baby im Bauch verlässt Peggy den Raum. Bricht kurz darauf in der psychiatrischen Abteilung, in der sie noch wegen der schweren Schwangerschaftsübelkeit eingewiesen war, zusammen. Die Ärzte müssen ihr Beruhigungsmittel geben. Ihr Mann kommt, so schnell er kann. Für die junge Familie beginnt ein Alptraum. Es folgen weitere Untersuchungen. Ein Humangenetiker berät die beiden. Rät aufgrund der Diagnose zur Einleitung und damit zum Abbruch der Schwangerschaft. Dass man auch das Baby auch so lange austragen kann, bis die Schwangerschaft vorzeitig auf natürlichem Weg endet – diese Möglichkeiten werden nur am Rande erklärt. „Heute weiß ich es – und ich kann es mir nicht verzeihen. Marvin hätte entscheiden müssen, wie lange er bei uns bleibt.“ Der Konflikt ist groß. Sie und ihr Mann wachsen in dieser Zeit als Paar noch enger zusammen.

„Für uns Ärzte steht in erster Linie die Anteilnahme am Schicksal dieser Frauen im Vordergrund“, sagt Dr. med. Stephan Henschen, Gynäkologe und seit drei Jahren Chefarzt der Klinik, in der Peggy damals entbunden hat. „Neben dem freudigen Ereignis der Geburt eines gesunden Kindes gehört für uns jedoch auch das vorzeitige Versterben noch im Bauch oder kurz nach der Geburt zur Normalität. Den betroffenen Familien gilt unser Mitgefühl. Sie brauchen Raum für einen würdigen Abschied und zur Trauerarbeit.“ Der Arzt ist selbst mehrfacher Vater.

Peggy und André entscheiden sich für eine vorzeitige Einleitung der Geburt. In der 25. Woche ist es soweit. Die Mittel, die die Wehen einleiten sollen, schlagen nicht sofort an. Alles zieht sich hin. Unter der Absurdität der Ereignisse entstehen völlig normale Momente einer Geburt. André, der werdende Vater, wird zum Schlafen nach Hause geschickt und fast zu spät zurückgerufen. Als Marvin still geboren wird, schreit im Kreißsaal nebenan ein Baby sein erstes Mal. André bricht zusammen, er weint unaufhörlich. Völlig verzweifelt sagt er immer wieder: „Es tut mir so leid“. Immer wieder wiederholt er diesen Satz, hält es zunächst nicht aus, bei seinem Sohn zu bleiben.

Im Mutterpass steht „Missed Abortion“ – Fehlgeburt

„Dann war ich da. Allein. Im Kreißsaal. Mit meinem toten Baby auf der Brust. Und hab ihm immer wieder gesagt: Wach doch auf! Er sah so perfekt aus“, erzählt Peggy. Marvin wacht nicht auf. Er ist 27 cm groß und wiegt 495 Gramm. Nach deutschem Recht ist Marvin keine Person. „Missed Abortion“ steht im Mutterpass: Fehlgeburt. Peggy Hildburg verliert damit im Jahr 2010 trotz der Geburt noch jeden Anspruch auf Mutterschutz. Erst ab einem Gewicht von 500 Gramm oder wenn ein Kind bei der Geburt, egal wie lange, noch lebt, konnte damals die Mutter diesen gesetzlichen Schutz in Anspruch nehmen, sich im Wochenbett ausruhen, die Begleitung einer Hebamme würde bezahlt. Vor dem Gesetz hatte sie kein Baby und war selbst keine Mutter. Nicht einmal eine Geburtsurkunde erhielt sie. Ein doppelter Schlag. Am Tag nach der Geburt wird Peggy entlassen. Bauch und Arme leer. In der Tasche ein Mutterpass mit einem Foto ihres Sohnes und seinen Fußabdrücken. Als ihre Oma von den Ereignissen erfährt, erleidet sie einen Schlaganfall. Immer wieder sagt sie: „Das Baby ist weg“. Erst dann erfährt Peggy, dass sowohl ihre Großmutter als auch ihre Mutter sogenannte Sternenkinder geboren haben. Später werden die Frauen in der Trauer um den Enkel auch zur Trauer um ihre eigenen Kinder finden. Gemeinsam mit ihrer Schwägerin kehrt Peggy wenig später zurück zur Klinik. Sie holen ihren toten Sohn in einem kleinen Pappsarg ab und bringen ihn zum Friedhof. Am Seiteneingang des Krematoriums nimmt ihnen jemand die Kiste ab. Kein würdiger Abschied. Keine Beileidsbekundung. Die Tür schließt sich. Marvin ist endgültig fort. Gute Wünsche und Anteilnahme wird es auch sonst keine für die Familie geben.

Was bleibt ist eine große Sprachlosigkeit im Freundeskreis. Niemand weiß, wie man mit so etwas umgeht. Freundschaften zerbrechen daran. „Ihr seid doch noch jung...“ Da ist er, dieser verhasste Satz. Als wäre es egal, welches Kind man bekommt und ob überhaupt. „Nur wenige haben verstanden, dass ich dieses Baby, unseren Sohn vermisse!“, sagt Peggy. Über die Sprachlosigkeit und eine schlechte Fotoaufnahme kommt die Hobbyfotografin ins Handeln. Wie andere Mütter auch, würde sie gerne von der Geburt berichten, Fotos zeigen, stolz sein... „Das Foto, das wir haben, können wir niemanden wirklich zeigen.“ Dabei ist ihr gerade dieses Bild so wichtig.

Das bestätigen weitere Frauen. Zum Beispiel Anja, deren Sohn während der Geburt verstarb: „Ich kann mich nicht bildlich an Timm erinnern.“ Damals sei alles so schnell gegangen. Die Sprachlosigkeit herrscht oft auch auf professioneller Ebene. Niemand erklärt, weshalb es gut und wichtig ist, sich in Ruhe von seinem Kind zu verabschieden, womöglich die Freunde und die Familie dazu zu holen, es taufen zu lassen, Bilder zu machen. Erinnerungen, die von nun an für ein ganzes Leben reichen müssen.

Kein gesetzlicher Anspruch auf Mutterschutz

Peggy Hildburg gründet deshalb auf Facebook die Gruppe „Sternenkinder“. Sie will Eltern einen Raum für Trauer und Kindern einen Namen geben. Sie will informieren. Und sie vernetzt sich. Sie engagiert sich als Fotografin bei „dein-sternenkind.eu“. Rund 300 Fotografinnen und Fotografen bieten dort deutschlandweit Eltern die Möglichkeit, sie während dieser Stunden kostenlos zu begleiten. Sie arbeitet bei der Klinikaktion „Schmetterlingskinder“ mit und näht kleinste Babysachen, die die Krankenhäuser in einer besonderen Kiste vorhalten für Eltern, deren Kinder viel zu früh still geboren werden.

Es geht um Würde. Auch und gerade bei diesen Abläufen. Sie lernt Familie Martin kennen, die sich mit einer Petition letztlich erfolgreich dafür einsetzen, dass auch Kinder unter 500 Gramm, egal in welcher Woche und auf welche Weise sie zur Welt kamen, im Stammbuch der Familie eingetragen werden. Seit Mai 2013 gibt es nun diese Möglichkeit. Kinder, die bisher nirgends auftauchten, können nun offiziell einen Namen erhalten. Juristisch betrachtet ändert sich jedoch wenig. Sind die Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm still zur Welt gekommen, gibt es nach wie vor keinen Anspruch auf Mutterschutz oder Hebammenbegleitung im Wochenbett.

Ein zunächst also kleiner und dennoch wichtiger Schritt: „Das hat uns Würde gegeben“, sagt Peggy, die nach Marvin zwei Mädchen zur Welt bringt.

Die erste Folgeschwangerschaft ist stark angstbesetzt. Sie ist in therapeutischer Behandlung. Eine „natürliche Geburt“ zuhause kann sie sich unter gar keinen Umständen vorstellen. Anders bei der nächsten Schwangerschaft. Ihre jüngste Tochter wird nun bald ein Jahr alt. Peggy Hildburg ist inzwischen Mutter dreier Kinder. Auch Trauerkinder lernen laufen und irgendwann, da wachsen der Trauer Flügel. Dennoch: „Marvin war nicht, er ist. Er fehlt mir jeden Tag.“

Im vergangenen Jahr kamen 4 084 Kinder tot zur Welt oder verstarben in den ersten vier Wochen nach der Geburt. Kinder wie Marvin wegen der fehlenden rechtlichen Anerkennung als juristische Personen nicht mit eingerechnet. Oft ist die Todesursache nicht bekannt. Nur wenige Eltern entscheiden sich für eine Obduktion.