Statt Freiheit und Demokratie kamen Krieg und Tod

Eine ordensübergreifende Initiative setzt sich für den Frieden im Südsudan ein. Von Carl-Heinz Pierk

Jahrestag der SPLA-Gründung
Der südsudanesische Präsident Salva Kir (M.) nimmt an den Feierlichkeiten zum 34. Jahrestag der Gründung der Sudanesischen Befreiungsarmee SPLA teil. Foto: dpa
Jahrestag der SPLA-Gründung
Der südsudanesische Präsident Salva Kir (M.) nimmt an den Feierlichkeiten zum 34. Jahrestag der Gründung der Sudanesisch... Foto: dpa

Es ist ein Kampf ums Überleben. Durch die anhaltende Dürre in Ostafrika sind aktuell mehr als zwölf Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Wasserquellen versiegen, Ernten fallen nahezu aus, Saatgut ist nicht erhältlich und Tiere verenden. Die Lage in Somalia ist besonders dramatisch, aber auch in Äthiopien und Kenia kämpfen Millionen von Menschen mit dem Hunger.

Im Südsudan droht die nächste Katastrophe. Dort ist die Ursache nicht der Klimawandel, sondern der Bürgerkrieg. Dabei hatte der jüngste Staat der Welt am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit mit ausgelassener Freude und hoffnungsvoller Zuversicht gefeiert. Öl und Bodenschätze versprachen Wohlstand, die Menschen hofften auf Freiheit und Demokratie. Was kam, waren Kampf, Tod, Verzweiflung. Im Dezember 2013 führte ein politischer Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Vize-Präsidenten Riek Machar zum Bürgerkrieg, zur Auseinandersetzung zwischen den Kämpfern der Ethnien Dinka und Nuer. Zu den Dinka gehört Präsident Salva Kiir, sein Rivale und Ex-Vizepräsident Riik Machar entstammt den Nuer. Sie streiten vor allem um die Macht im Land. Die Bevölkerung haben sie damit ins Elend getrieben: In den vergangenen Monaten verließen 1,6 Millionen Südsudanesen ihre Heimat, innerhalb des Landes befinden sich 1,9 Millionen Menschen auf der Flucht.

Die Zahl der südsudanesischen Flüchtlinge in Uganda hat im Mai laut UN-Flüchtlingsorganisation 900 000 überschritten. Seit dem erneuten Ausbruch schwerer Gewalt im Süden des Südsudan im Juli 2016 sind allein 630 000 Menschen nach Uganda geflohen. In keinem anderen afrikanischen Land leben derzeit mehr Flüchtlinge als in Uganda. Das Land hat 2016 mehr Flüchtlinge aufgenommen als die gesamte Europäische Union. Die Menschen leben in riesigen Flüchtlingssiedlungen. Jede Woche kommen etwa 2 000 weitere Flüchtlinge in Uganda an. Mehr als 80 Prozent der südsudanesischen Flüchtlinge in Uganda sind Frauen und Kinder.

Bereits früh gab es Warnungen vor einer Versorgungskrise im Südsudan. Stefanie Frels, Expertin für den Südsudan beim Kindermissionswerk „Sternsinger“, war im Südsudan und ist durch ihre Projektpartner laufend über die Situation vor Ort informiert. Sie sagte im Interview mit Radio Vatikan: „Bedingt durch mehr Kämpfe an den großen Verbindungsstraßen sind Versorgungsstränge behindert und zum Erliegen gekommen, sodass vor allem die Zahl der hungernden Kinder massiv ansteigt.“ Frels spricht von 1,1 Millionen Kindern, die derzeit Hunger litten. Insgesamt geht man von davon aus, dass im Südsudan 5,5 Millionen Menschen von Nahrungsmangel betroffen sind: das ist die Hälfte der Bevölkerung. „Das Land ist extrem anfällig. Wenn nicht an den Ursachen, die nicht von außen kommen, sondern landesspezifische Konflikte sind, gearbeitet wird, ist der Südsudan ein Pulverfass, das jederzeit wieder explodieren kann“, warnt Stefanie Frels.

Bislang sind alle Versuche, Frieden zu schaffen, gescheitert. Der Krieg macht keine Atempause. Auch der von der Regierung des Südsudan angekündigte Nationale Dialog scheint nichts anderes als eine Farce zu sein. Davon ist der Afrika-Experte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius, überzeugt. Er mahnt einen umfassenden Friedensprozess an, um ein Massensterben in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land zu verhindern. „Ein Dialog, an dem niemand teilnehmen will, ist weder glaubwürdig noch Erfolg versprechend“, kritisierte Delius. „Neben den meist allein am Verhandlungstisch sitzenden Warlords müssen auch die politischen Parteien, Kirchen, Frauengruppen und andere gesellschaftliche Kräfte für einen vertrauensvollen Dialog gewonnen werden. Der Regierung gelingt das nicht, da sich immer mehr Persönlichkeiten enttäuscht abwenden.“

Krieg, fehlende medizinische Versorgung und Mangelernährung bestimmen die Lage im Südsudan. Immer schwieriger wird es für internationale Hilfsorganisationen, den Menschen in ihrer Not zu helfen. Etliche Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter wegen der Gefahr für Leib und Leben zurückgezogen. Ein Land im Chaos.

„Die Regierung hat die Kontrolle verloren, selbst über ihre eigenen Kräfte“, urteilt Schwester Yudith Pereira Rico. „Die Stämme hassen sich nicht, vielleicht kämpfen sie traditionell um Kühe. Aber das hier ist ein politischer Kampf. Es geht um Macht und Wohlstand.“ Die spanische Ordensfrau, eine studierte Ingenieurin der Agrarwissenschaften, arbeitet seit Jahren im Südsudan und vertritt ein Projekt, das innerhalb der katholischen Kirche seinesgleichen sucht: Eine ordensübergreifende Initiative, in der Männer und Frauen verschiedener Kongregationen gemeinsam für den Frieden arbeiten. „Solidarity with South Sudan“, Solidarität mit Südsudan, nennt sich das Projekt. Anstatt dass jede Ordensgemeinschaft ihr eigenes Projekt im Südsudan aufbaut, schließen sie sich zusammen und leben auch gemeinsam in ordensübergreifenden Kommunitäten.

Die Jesuitenmission hat im Südsudan drei Projektpartner, deren Arbeit sie unterstützt. Dies sind die Ostafrikanische Provinz der Jesuiten, der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) und die ordensübergreifende Initiative „Solidarity with South Sudan“. Alle drei Organisationen sind nach wie vor im Südsudan aktiv. Dabei richten sich der Umfang der Arbeit und die Einsatzfähigkeit nach der jeweiligen Sicherheitslage vor Ort.

Inhalt der Arbeit sind neben der Pastoral- und Friedensarbeit vor allem Bildungsprojekte wie die Ausbildung von Lehrkräften, Krankenpflegekräften und Hebammen, Gesundheitsprojekte und Landwirtschaft sowie die Flüchtlingshilfe. Also Maßnahmen zur langfristigen Entwicklung des Landes. Aufgrund der Knappheit von Nahrungsmitteln in großen Teilen der Region leisten die Einrichtungen der Jesuiten und von Solidarity aber seit einigen Monaten auch akute Hunger-Nothilfe.

Das Pastoralprogramm konzentriert sich auf Friedens- und Versöhnungsarbeit. „Wir sehen, wie ein Krieg Leben in Sekunden zerstören kann, aber den Herzen der Menschen neue Kraft zu geben, das ist sehr schwierig und dauert lange“, weiß Schwester Yudith. „Gemeinsam leben, lernen und diskutieren, das ist der beste Weg, eine friedliche Zukunft für alle zu schaffen“, meint die Ordensschwester, die zwischenzeitlich in Rom für „Solidarity with South Sudan“ aktiv ist. Sie hat ein überzeugendes Argument: „Unsere Gemeinschaften sind gemischt: Männer und Frauen, Jung und Alt, verschiedene Kulturen und Hautfarben sowie Ordensgemeinschaften. Wir leben die Vielfalt. Und wenn unsere Schülerinnen und Schüler uns sehen, denken sie sich: Wenn diese Leute das hinbekommen, schaffen wir es auch!“

„Wir hoffen, dass unser Engagement die Lage im Land verändern kann“, meint Schwester Yudith. Sie selbst hat, zum Schutz vor Kugelhagel in einer Kirche auf dem Boden liegend, die grausige Dimension des Krieges erfahren. Dennoch: „Der Südsudan braucht unsere Solidarität“, sagt Schwester Yudith. „Wir werden bleiben.“