Stammzellimporte steigen an

Siebter Erfahrungsbericht zur Durchführung des Stammzellgesetzes vorgelegt. Von Stefan Rehder

"Stephen Hawking: Rätsel der Stammzellen"
Ethisch hoch umstritten: Die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. Foto: dpa
"Stephen Hawking: Rätsel der Stammzellen"
Ethisch hoch umstritten: Die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. Foto: dpa

Die Bundesregierung hat ihren „Siebten Erfahrungsbericht über die Durchführung des Stammzellgesetzes“ (Bundestagsdrucksache 18/ 12761) vorgelegt. Der 40-seitige Bericht umfasst den Zeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2015. Demnach hat die beim Robert-Koch-Institut angesiedelte Zentrale Ethik-Kommission für Stammzellforschung (ZES) in den Jahren 2014/2015 17 neue Anträge auf den Import embryonaler Stammzellen des Menschen genehmigt. Damit steigt die Zahl der deutschen Forschern genehmigten Importen embryonaler Stammzelllinien seit dem Inkrafttreten des umstrittenen Gesetzes im Jahr 2002 auf 105. In 19 weiteren Fällen hätten Forscher, so der Bericht weiter, eine Ausweitung bereits erteilter Genehmigungen beantragt.

Laut dem 2002 verabschiedeten Stammzellgesetz ist die Forschung mit embryonalen Stammzellen in Deutschland grundsätzlich verboten. In als Ausnahmen deklarierten Fällen können Forscher in Deutschland jedoch den Import im Ausland gewonnener embryonaler Stammzellen beantragen. Über die Bewilligung der Anträge entscheidet jeweils die ZES. Seit 2002 gibt es allerdings keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem Forschern der Import embryonaler Stammzellen verweigert wurde.

Humane embryonale Stammzellen werden aus menschlichen Embryonen gewonnen, die ursprünglich für künstliche Befruchtungen erzeugt wurden, dann aber für eine solche aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr benötigt wurden.

Seit der Ermöglichung der Präimplantationsdiagnostik (PID) steigt die Zahl solcher „verwaisten“ Embryonen auch in Deutschland an. Der Grund: Für die erfolgreiche Durchführung einer PID, bei der ein im Labor erzeugter Embryo noch vor dem Transfer in die Gebärmutter auf genetische Auffälligkeiten untersucht wird, wird international die Erzeugung von sieben bis zwölf Embryonen für erforderlich erachtet.

Ursprünglich wurde in Deutschland nach der sogenannten „Dreierregel“ verfahren. Nach dieser durften bei künstlichen Befruchtungen maximal drei Embryonen erzeugt werden. Damit sollte verhindert werden, dass durch künstliche Befruchtungen eine Vielzahl „überzähliger Embryonen“ entsteht.

Die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen ist ethisch hoch umstritten. Der Grund hier: Bei der Entnahme der embryonalen Stammzellen wird der Embryo zerstört. Weil das in Deutschland seit 1991 geltende Embryonenschutzgesetz (ESchG) jede Verwendung von Embryonen verbietet, die nicht ihrem Erhalt dienen, sollte das Stammzellgesetz Wissenschaftlern die Forschung embryonalen Stammzellen ermöglichen, ohne dass dafür in Deutschland Embryonen getötet werden.

Wie in dieser Zeitung berichtet, wollen Wissenschaftler um den Rechtsmediziner Jochen Taupitz das jedoch ändern. Sie fordern, dass verwaiste Embryonen, die ursprünglich zu reproduktiven Zwecken erzeugt wurden, künftig der Forschung zur Verfügung gestellt werden können. Dafür müsste das ESchG geändert werden. Das schreibt nämlich in Paragraf 2, Absatz 1 unter der Überschrift „Missbräuchliche Verwendung menschlicher Embryonen“ vor: „Wer einen extrakorporal erzeugten oder einer Frau vor Abschluss seiner Einnistung in der Gebärmutter entnommenen menschlichen Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Laut dem Stammzellgesetz müssen die mit dem Import embryonaler Stammzellen verfolgten Forschungsziele „hochrangig“ sein. Auch darf sich der angestrebte Erkenntnisgewinn nicht anders als durch die Forschung mit embryonalen Stammzellen erzielen lassen. Ferner müssen die zu klärenden Fragestellungen zuvor im Tierversuch vorgeklärt worden sein.

Laut dem Bericht der Bundesregierung arbeiten in Deutschland derzeit 75 Arbeitsgruppen in 53 Forschungseinrichtungen mit aus dem Ausland importierten humanen embryonalen Stammzellen. Weltweit sollen nach Angaben des Human Pluripotent Stem Cell Registry derzeit mehr als 3 000 Zelllinien aus humanen embryonalen Stammzellen verfügbar sein.