Frankfurt

Sprengstoff für den Kirchentag

Im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt im Jahr 2021 begutachten die Bischöfe Ackermann (Liturgiekommission) und Feige (Ökumenekommission) ein Papier, das die allgemeine Interkommunion empfiehlt. Eine kritischer Blick auf vermintes ökumenisches Gelände.

Debatte um Papier zur Interkommunion
Debatte um das Papier "Gemeinsam am Tisch des Herrn": Kann es Zufall sein, dass nach der Handreichung für einen pastoralen Sonderfall nun ein Gutachten die allgemeine Interkommunion empfiehlt? Foto: stock.adobe.com

Im Februar diesen Jahres hat die Mehrheit der deutschen Bischöfe eine „Pastorale Handreichung“ abgesegnet, die den Kommunionempfang von nichtkatholischen Ehepartnern in der katholischen Messfeier für möglich hält und als ökumenisches Hoffnungszeichen begrüßt hat. Eine Minderheit der Bischöfe unter Führung von Kardinal Woelki hat diesen Schritt unter Hinweis auf die geltende Lehre, dass Kommuniongemeinschaft Kirchengemeinschaft voraussetze“, abgelehnt. Vom „Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen“ wurde daraufhin im September ein Papier mit dem Titel „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ vorgelegt. Darin wird grundsätzlich die „wechselseitige Teilnahme an den Feiern von Abendmahl/ Eucharistie als ... theologisch begründet angesehen“. Vorsitzende dieses Kreises sind der Bischof von Limburg, Georg Bätzing, und der jüngst emeritierte evangelische Landesbischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Als wissenschaftliche Leiter fungieren für die katholische Seite Dorothea Sattler und der evangelische Theologe Volker Leppin. Nach eigener Aussage arbeitet der Kreis eigenständig, unterrichte aber die Bischöfe über seine Ergebnisse. Das Dokument wurde weder von der Bischofskonferenz in Auftrag gegeben, noch hat sie bisher offiziell dazu Stellung genommen, es wurde aber von mehreren Bischöfen, darunter der Limburger Ordinarius Georg Bätzing, ausdrücklich begrüßt.

Es soll Druck erzeugt werden

Es kann kein Zufall sein, dass nach der Handreichung für einen pastoralen Sonderfall nun ein Gutachten die allgemeine Interkommunion empfiehlt. Bereits jetzt wird das Papier benutzt, um Druck zu erzeugen. Auf dem ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 solle über alle Konfessionsgrenzen hinweg (endlich) gemeinsam kommuniziert werden dürfen, denn die Experten finden keinen theologischen Grund, der dies noch ausschließen könnte.

In die Berechtigung zur Teilnahme an Abendmahl/ Eucharistie der anderen Konfessionen, sagt das Papier, ist „implizit die Anerkennung der jeweiligen liturgischen Formen sowie der Leitungsdienste” eingeschlossen. Abgekommen ist man damit von dem Weg, die historisch gewachsenen Formen durch eine neu zu erfindende ökumenische Liturgie, wie etwa die sogenannte Lima-Liturgie, ersetzen zu wollen. Gänzlich der lutherischen Auffassung folgt der Arbeitskreis mit der Meinung, dass „die in der Taufe gefeierte Zugehörigkeit zum Leib Christi ein hinreichender Grund dafür (ist), gemeinsam das Abendmahl/ die Eucharistie zu feiern. Da nicht kirchliche Amtsträger, vielmehr Jesus Christus selbst dazu auffordert … soll nicht ausgeschlossen werden, wer sich durch Glaube und Taufe zu Jesus Christus bekennt.“

Was fromm klingt, ist töricht

Hier haben wir bereits das Hauptargument des Textes: „In dem Maße” könnten alle Kontroversen „überwunden werden, wie man den zum Mahl einladenden Christus, der sich in seiner Person vergegenwärtigt und schenkt, als das handelnde Subjekt der Mahlfeier versteht“. Auf dieses fromm klingende Argument hat Kardinal Ratzinger 2003 geantwortet: „So ist auch dieses törichte Schlagwort widerlegt, das die Runde macht: ,Christus lädt ein und dann hat niemand etwas anderes dazu zu sagen!‘ Und wozu lädt er uns eigentlich ein? Er selbst hat sich an uns gebunden. Er ist Fleisch geworden und bleibt es. Er hat sich am Kreuz annageln lassen und bindet sich in den Sakramenten an uns. Er will uns in die Verbindlichkeit seiner Liebe hineinführen“ (Silvesterpredigt, Regensburg 2003).

Zudem versteht der Lutheraner unter Glaube allerdings den Vertrauensglauben entsprechend der Rechtfertigungslehre, der die katholische Kirche bei weitem nicht in allen Teilen zustimmt. In der Rechtfertigung aus Glauben gibt es kein kirchlich vermittelndes Element. Einheit im Bekenntnis der universalen Kirche, Einheit und Unterordnung unter den Papst und unter die Gemeinschaft der mit ihm verbundenen Bischöfe, die eucharistische Ekklesiologie, die Wirksamkeit der Sakramente, das Wesen der Messe als Opfer, die sakramentale Struktur der Kirche, die Mariologie, die Heiligenverehrung, die wirksame Fürbitte für die Verstorbenen usw., all das ist damit hinfällig. Vor allem wird so die sakramentale Dimension der Kirche aufgelöst. Dies drückt das Papier auch klar aus, wenn es sagt: „Unter dieser Voraussetzung (Glaube gemäß Rechtfertigungslehre) können auch jene Autoritäten respektiert werden, für die in der römisch-katholische Liturgie gebetet wird (namentlich die Ortsbischöfe und der Papst).“ Da alles über den Rechtfertigungsglauben hinaus als Menschensatzung gilt, einschließlich Dogma und Konzilsbeschlüsse, hätten die katholischen Autoritäten, wenn sie hier zustimmten, sich und ihre Autorität aufgegeben.

Im Mittelpunkt der ökumenischen Kontroverse stand bisher die Amtsfrage. Hier behauptet das Papier, ein „gemeinsames, differenziertes Verständnis der Apostolischen Sukzession erreicht“zu haben, wodurch es nun möglich sei, das jeweilige „ordinationsgebundene Amt in seinen unterschiedlichen konfessionellen Ausprägungen als apostolisch begründet zu erachten“. Für dieses Ziel wird zuerst der Apostelbegriff relativiert: Hier werden mit dem Begriff „in den neutestamentlichen Schriften nicht nur die zwölf Jünger, sondern auch die Zeugen und Zeuginnen für den auferstandenen Christus bezeichnet“. Sodann wird das bisherige Verständnis der apostolischen Sukzession als unhistorisch abgelehnt: „Die Annahme einer ununterbrochenen Kette der Handauflegungen von den Aposteln bis heute ist von Beginn an apologetisch motiviert und lässt sich historisch nicht nachweisen.“

Ein lutherischer Amtsbegriff

An die Stelle tritt der lutherische Amtsbegriff: Kirche ist da, wo „schriftgemäße Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament kraft des Geistes Gottes geschieht.“ Schriftgemäß heißt für Luther gemäß Rechtfertigungslehre, für die Verfasser des Papiers wohl gemäß Konsens der aktuellen Hypothesenbildung der Exegeten. Dem fügen die Verfasser bezeichnenderweise ein modernes Kriterium hinzu: die Prüfung, „ob die Kriterien der verheißenen Geistwirkung (keine seinsverändernde sakramentale Realität!) bei der Ausübung des Dienstes erfüllt sind“. Damit führt man über das funktionale Denken die Werkgerechtigkeit ein. Über die klassische lutherische Kritik am katholischen Amtsverständnis wird nun das funktionale Amtsverständnis eingeführt. Erster Schritt: Die Handauflegung ist eine „in der Tradition bewährte Zeichenhandlung für die wirksame Bitte (!) um die Geistbegabung der Ordinierten, doch ein nur äußerlich bleibender Ritus (!) garantiert nicht die Wirksamkeit der mit dieser Zeichenhandlung verbundenen Verheißung (!)“.

Ein rein funktionaler Amtsbegriff

Auf die Ablehnung der sakramentalen Weihe folgt nun die dem modernen Zeitgeist entsprechende rein funktionale Amtsbegründung: Dieses Verständnis blickt „nicht primär auf die Frage nach der historisch überlieferten Form der Beauftragung von Menschen mit dem Amt der Gemeindeleitung und dem Vorsitz der Eucharistie, sie schaut vielmehr auf die … erkennbare Fruchtbarkeit der kirchlichen Dienste und Ämter (via empirica)“. Würde dieses Nützlichkeitsargument auf das katholische Verständnis des Ehesakramentes angewendet, gehörte es wie bei den Lutheranern folgerichtig abgeschafft. Nach Meinung der Verfasser entspricht die „Mahlfeier“ dann „dem Willen Jesu“, wenn „alle das Mahl Feiernden das gebrochene Brot essen und aus dem einen Becher trinken“.

Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm
Die interkonfessionelle Kommuniongemeinschaft sei eine Hoffnung auf dem Weg zu dem von Gott gewünschten Ziel der "vollen... Foto: Harald Oppitz (KNA)

Zur Dauer der Realpräsenz der eucharistischen Gestalten wird ausweichend allgemein gesagt: Es ist „die Gegenwart Jesu Christi für die Mahlgaben verheißen, solange ihr stiftungsgemäßer Gebrauch erkennbar ist; von daher ist auch der sorgsame Umgang mit den Mahlgaben (!) begründet“. Dies schließt keineswegs aus, dass die übrigen Hostien nach dem Abendmahl in der Sakristei zurück in die Vorratstüte wandern. Deutliche Kritik wird am katholischen Opferverständnis der Messfeier geübt: Als „Missverständlichkeit bezüglich des Opferbegriffs“ gilt, wenn der Eindruck entsteht, „als opfere die Gemeinde Jesus Christus für Gott, denn es ist vielmehr Gott, der die Gaben der Gemeinde – materiale wie geistige – würdigt (!), sie zur Feier der Lebenspreisgabe Jesu Christi dienen zu lassen“.

Weder wird hier das katholische Opferverständnis richtig wiedergegeben, noch wäre wohl der römische Messkanon noch tragbar, da die eingeforderte „ökumenische Sensibilität“ es gebietet, „so weitgehend wie im Sinne der eigenen Tradition möglich, auf die Anliegen der anderen Konfession Rücksicht zu nehmen“. Neben der Mariologie und der Heiligenverehrung insgesamt wäre davon vor allem jede Art der eucharistischen Frömmigkeit beziehungsweise des Glaubens an die Eucharistie betroffen. Dies kommt im Text nur einmal ausdrücklich vor und dies tendenziös und rein negativ: „Angesichts der im frühen Mittelalter beginnenden eucharistischen Frömmigkeit durch die Betrachtung (!) der gewandelten Hostie verwundert es nicht, dass der mit der Mahlfeier verbundene Aspekt der Gemeinschaftsbildung zunehmend in den Hintergrund trat...“

Hat sich der ökomenische Dialog erledigt?

Die interkonfessionelle Kommuniongemeinschaft, der aus Sicht des Arbeitskreises keine theologischen Gründe mehr entgegenstünden, sei auch eine „Hoffnung auf dem Weg zu dem von Gott gewünschten Ziel“ der „vollen sichtbaren Einheit der Kirche“. Sind alle weiteren ökumenischen Bemühungen damit überflüssig geworden? Sind die Ämter auf obiger Basis, natürlich auch für Frauen, erst einmal anerkannt und die Kommuniongemeinschaft Realität, braucht es doch zum Kirchesein auf der Basis der lutherischen Lehre nichts Weiteres mehr. Nun hat aber das Zweite Vatikanum in Rückbesinnung auf die Zeit der ungeteilten Kirche und die verbindliche eucharistische Ekklesiologie der Väter die enge Verbindung von Kommuniongemeinschaft und Kirchengemeinschaft hervorgehoben. Daran kann dieses Papier nicht vorbeisehen und zitiert darum das Verbot, dass „die Gemeinschaft beim Gottesdienst nicht als ein allgemein und ohne Unterschied gültiges Mittel zur Wiederherstellung der Einheit der Christen“ eingesetzt werden dürfe.

Das Konzil wird jetzt eingeschränkt

Demgegenüber greifen die Verfasser, entsprechend der Argumentationsstrategie der jüngsten Initiative zur Zulassung von nichtkatholischen Ehepartnern zur Kommunion, auf eine Einschränkung des Konzils zurück, wo es heißt: „Die Bezeugung der Einheit verbietet in den meisten Fällen die Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in manchen Fällen.“ Mit dieser auf pastorale Notsituationen zu beziehenden Aussage lässt sich die Interkommunion nicht begründen. Die Verfasser fragen bloß: „Reicht es aus, im Bekenntnis zu Jesus Christus eins zu sein und im theologischen Verständnis der liturgischen Handlung übereinzustimmen, oder bedarf es einer Einheit der Kirchen auf institutioneller Ebene, um gemeinsam Abendmahl/ Eucharistie zu feiern?“ Statt legitimer Lehrentwicklung auf der Basis der Bindung an die Schrift als einem Organ der verbindlichen Tradition der Kirche versteht das Papier Tradition mit Luther nur als menschliche Setzung ohne Verbindlichkeit.

Das Sola-scriptura-Prinzip wandelt sich zur Vorherrschaft der Exegeten, deren pluralistische und relativistische Thesen zum hermeneutischen Schlüssel auch dieses Papiers geworden sind. Damit besitzen die Experten das wahre Lehramt aus vermeintlicher Sachkompetenz heraus und treten dementsprechend „unfehlbar“ auf: „Die schon im Neuen Testament sich abzeichnende Pluralität von liturgischen Feiergestalten und ihrer theologischen Deutung ist wesentlicher Bestandteil ihres Zeugnisses. Gerade in dem so eröffneten Spielraum zeigen sich die theologischen Konturen des Christuszeugnisses, dem die Kirche verpflichtet ist. Dieses eine Christuszeugnis in pluraler Gestalt ist für die neutestamentlichen Texte das Kriterium für eine angemessene Entwicklung der Gottesdienstformen wie auch der Gestaltung des christlichen Abendmahls/ der Eucharistie.“ Damit ist das zweite Hauptargument des Textes benannt: Aufgrund der „fragmentarischen“ Quellenlage wird die Vielfalt der Gestaltungsformen der Mahlfeier im Neuen Testament zur Norm erhoben. Kirche als Normgeber einer legitimen Traditionsentwicklung wird damit abgelehnt und durch den direkt und abstrakt einladenden Christus ersetzt. Womit sich die beiden Hauptargumente verbunden haben. Wie sehr dabei das Wesen des Zueinanders von Christus und Kirche verfehlt wird, hat Kardinal Ratzinger in seiner Ansprache 2003 weiter deutlich gemacht: „Er gibt uns seinen Leib, damit wir mit ihm ein Leib werden. Dazu empfangen wir ihn: dass sein Leib auferbaut wird, dass wir in der lebendigen und verbindlichen Gemeinschaft der Glaubenden stehen, die sich im Miteinander der apostolischen Nachfolge, in der lebendigen Einheit der ganzen Kirche ausdrückt.“

Das Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn. Ein Votum des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen“ ist online abrufbar unter www.uni-muenster.de.
 
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