So haben Christen gewählt

Union und SPD verlieren bei Katholiken an Zustimmung – AfD und Linke wurden vor allem von Konfessionslosen gewählt. Von Sebastian Sasse

Stimmzettel - Bundestagswahl 2017
Bei den Katholiken belegte die Union mit 44 Prozent den ersten Rang. Foto: dpa
Stimmzettel - Bundestagswahl 2017
Bei den Katholiken belegte die Union mit 44 Prozent den ersten Rang. Foto: dpa

Es war der spannendste Moment des Kanzlerduells: Sandra Maischberger fragte Angela Merkel und Martin Schulz, ob sie an diesem Sonntag in der Kirche gewesen seien. Die Kandidaten stockten. Martin Schulz erklärte schließlich, dass er bei dem Besuch des Grabes eines Freundes die Friedhofskapelle besucht habe. Die Kanzlerin berichtete, sie sei am Samstag in der Kirche gewesen, der Anlass war der Todestag ihres Vaters, des evangelischen Pfarrers Horst Kasner. Die Szene zeigte, beiden Kandidaten war es ein Anliegen, die Gelegenheit zu nutzen und ein Signal an ihre Wähler zu senden: Uns ist wichtig, unsere positive Beziehung zum Christentum und den Kirchen hervorzuheben. Ist die Botschaft angekommen? Die Forschungsgruppe Wahlen hat nun eine Untersuchung über das Abstimmungsverhalten christlicher Wähler bei der Bundestagswahl vorgelegt, die sie im Auftrag des ZDF durchgeführt hat. Leider haben die Wahlforscher nicht die genauen Motive der Wähler für ihre Entscheidung ausgeführt. Trotzdem ist die Analyse des Ergebnisses aufschlussreich. Es zeigen sich deutliche Unterschiede im Vergleich zum Abstimmungsverhalten der Wähler insgesamt. Aufschlussreich sind auch die unterschiedlichen Akzente, die Katholiken und Protestanten bei ihrer Wahl gesetzt haben.

Beide Volksparteien haben bei den Kirchenmitgliedern deutliche Verluste zu verzeichen. Bei den Katholiken haben acht Prozent weniger als bei der letzten Bundestagswahl für CDU und CSU gestimmt. Bei den evangelischen Wählern haben neun Prozent weniger als 2013 ihr Kreuz bei den Unionsparteien gemacht. Auch die SPD ist von weniger Kirchenmitgliedern gewählt worden: Bei den Katholiken liegen die Verluste bei vier Prozent, bei den Protestanten bei fünf Prozent. Gleichwohl, im Vergleich zum Abstimmungsverhalten insgesamt schneiden die beiden Volksparteien bei den christlichen Wählern besser ab. Allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen: Bei den Katholiken belegt die Union mit 44 Prozent deutlich den ersten Rang. CDU und CSU liegen also bei dieser Wählergruppe trotz ihrer Verluste noch über zehn Prozent über ihrem Ergebnis bei den Wählern insgesamt. Die Unionsparteien sind zwar auch bei den Protestanten stärkste Kraft (33 Prozent) geworden, aber einen besonderen Akzent haben die evangelischen Wähler bei der SPD gesetzt: 24 Prozent von ihnen haben für die Sozialdemokraten gestimmt, bei den Wählern insgesamt hat die Partei nur 20,5 Prozent der Wähler überzeugen können. Die immer noch starke Stellung, die die Union bei den Katholiken einnimmt, wird dadurch unterstrichen, dass die SPD bei ihnen mit lediglich 18 Prozent den zweiten Platz einnimmt. Die Differenz zwischen Union und SPD liegt bei den katholischen Wählern also bei 26 Prozent.

Unterschiedliche Akzente der Konfessionen zeigen sich auch bei den nächsten Plätzen auf der Rangliste: Platz drei nimmt nämlich bei den Katholiken die FDP mit elf Prozent ein. Bei der katholischen Wählerschaft gibt es also eine klare Mehrheit für eine schwarz-gelbe Koalition mit insgesamt 55 Prozent. Erst auf Platz vier liegt die AfD bei den Katholiken mit neun Prozent, bei den Wählern insgesamt hat die Partei mit 12,5 Prozent Platz drei erreicht. Bündnis 90/Die Grünen wurde von acht Prozent der Katholiken gewählt und liegt damit auf Platz fünf. Für „Die Linke“ haben schließlich lediglich fünf Prozent der Katholiken abgestimmt, deutlich weniger also als die Wähler insgesamt (9,2 Prozent).

Bei den protestantischen Wählern teilen sich AfD und FDP mit jeweils elf Prozent den dritten Platz. Bündnis 90/Die Grünen schneiden mit zehn Prozent deutlich besser als bei den Wählern insgesamt ab (8,9 Prozent) und belegen den vierten Platz. Für „Die Linke“ haben schließlich sieben Prozent der Protestanten gestimmt, auch weniger Prozentpunkte als bei den Wählern insgesamt.

Besonders hervorzuheben ist das Abstimmungsverhalten der christlichen Wähler bei den Parteien an den Rändern des politischen Spektrums. Dies wird besonders im Vergleich zu den Wahlentscheidungen der Konfessionslosen deutlich. In dieser Wählergruppe haben sowohl AfD als auch „Die Linke“ überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt. 17 Prozent von ihnen haben für die AfD gestimmt, bei der „Linken“ haben 16 Prozent ihr Kreuz gemacht. Bei den christlichen Wählern hingegen haben beide Parteien einen geringeren Prozent-Anteil erreicht als bei den Wählern insgesamt. Besonders deutlich wird das bei den Katholiken, wo die AfD nur den vierten Platz erreicht. Dieses Ergebnis entspricht auch dem Tenor des Ökumenischen Wahlaufrufs, den der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm Anfang September an die Gläubigen gerichtet haben. Darin hatten sie für ein „weltoffenes Deutschland“ und eine Stärkung der „demokratischen Streitkultur“ plädiert.