"Sind christliche Nation"

Religiöse Diskriminierung? Ungarns Regierung verteidigt ihre Hilfe für verfolgte Christen. Ein Gespräch mit Staatssekretär Tristan Azbej. Von Oliver Maksan

Hilfe für verfolgte Christen in Ungarn
Chefsache: Premier Orban empfängt regelmäßig Vertreter verfolgter Gemeinschaften, hier den syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Ephrem II. (mitte) und den Erzbischof von Mossul, Nikodemus. Foto: Ungar. Generalkonsulat München

Herr Staatssekretär, Ungarn war 2016 das erste Land, das Hilfe für verfolgte Christen zum Regierungsziel erklärte und eine dafür zuständige Behörde einrichtete. Kritiker werfen Ihrer Regierung vor, Christen zu bevorzugen und damit auf religiöser Grundlage zu diskriminieren . Was wenden Sie dagegen ein?

Das ist ein komplettes Missverständnis. Ja, es stimmt, wir helfen verfolgten Christen. Das ist tatsächlich eine Priorität der Regierung. Wir helfen aber nicht nur Christen, sondern auch anderen Bedürftigen. Durch die Programme der UNO und EU unterstützen wir die Notleidenden nach Bedürfnis, unabhängig von ihrer Religion. Unsere Hilfe ist also nicht exklusiv, sondern explizit für Christen, und wir haben auch speziell für sie gedachte Programme. Aber selbst die explizit für Christen angelegten Programme dienen nicht nur ihnen. In Erbil im Nordirak beispielsweise unterstützen wir eine Klinik, die von der chaldäischen Kirche betrieben wird. Sie wird aber auch von islamischen, jesidischen Flüchtlingen und intern Vertriebenen besucht, unter ihnen in großer Anzahl Musliminnen, die sich lieber von katholischen Schwestern als von männlichen Ärzten behandeln lassen.

Geht es Ungarn mit der Hilfe für Christen nicht auch darum, sich als christliches Bollwerk im Unterschied zum als liberal und post-religiös wahrgenommenen Westen Europas zu präsentieren?

Das ungarische Volk hat den Mut zu sagen, dass wir eine christliche Nation sind. Dazu gehört heute in Europa viel Mut. Liberale Kräfte missverstehen das gerne. Natürlich ist der Staat säkular, aber die Gesellschaft ist nicht wertneutral. Die christliche Soziallehre prägt unsere Nation bis heute. Daraus erwächst unserer Meinung nach auch eine Verpflichtung gegenüber den Gemeinschaften, die in Ländern leben, aus denen das Christentum stammt. Und diese Verantwortung nimmt unsere Regierung wahr.

Die humanitäre Hilfe ist also auch ein Mittel zum politischen Zweck?

Sie können gerne über die Motive spekulieren. Aber relevanter ist doch, was dabei herauskommt. Wir wollen kurzfristig Leben und langfristig Gemeinschaften retten. Wir sehen uns als Land christlicher Kultur in der Verantwortung für die am meisten verfolgte Religion der Welt. In mehr als 80 Ländern werden Christen diskriminiert oder verfolgt.

"Nur die Christen hatte niemand im Blick
auf Regierungsebene. Hier hat der Westen versagt."
Tristan Azbej, ungarischer Staatssekretär für die Unterstützung der verfolgten Christen

Die großen internationalen Organisationen haben das aber nicht auf dem Fokus. Die verwundbarste Gruppe braucht also Hilfe. Wenn wir ihnen nicht helfen, werden sie verschwinden. Also helfen wir. Übrigens erwarten auch die Christen vor Ort Hilfe von den christlichen Ländern. Zum Beispiel im Irak oder Nigeria werden die Muslime von großen sunnitischen oder schiitischen Ländern unterstützt. Nur die Christen hatte niemand im Blick auf Regierungsebene. Hier hat der Westen versagt.

Ungarn leistet einerseits humanitäre Hilfe. Kritiker sehen die Grenzpolitik Ihres Landes gleichzeig als zutiefst inhuman an. Wie passen humanitäre Hilfe und Stacheldraht an den Grenzen zusammen?

Ja, wir haben unsere Grenzen geschlossen und ein rationelles, aber strenges Asylregime eingeführt. Gleichzeitig haben wir das Volumen unserer humanitären Hilfe gesteigert. Wir wollen Migration durch humanitäre Hilfe vorwegnehmen, also das Übel an der Wurzel packen. Unkontrollierte Massenmigration verursacht nur Probleme. Einerseits wird sie durch eine humanitäre Krise in den Herkunftsländern verursacht und andererseits schafft sie neue Probleme in den Zielländern. Ein Teufelskreis. Wir wollen ihn durchbrechen, in dem wir die Hilfe zu den Menschen bringen und nicht die Menschen zur Hilfe.

Hat Ungarn Partner bei den Hilfsprogrammen für Christen?

Ja, unser Beispiel findet Nachahmer. Die US-Regierung beispielsweise hat 2017 angekündigt, dass Hilfe für Christen eine Priorität der US-Hilfspolitik sein werde. Dabei stand Ungarn offensichtlich Pate. Neben Polen hat auch Italien Gelder spezifisch für Christen bereitgestellt. Auch Kanzler Kurz in Österreich hat das getan. Wir hoffen, dass auch andere Regierungen folgen. Wir möchten eine Koalition für verfolgte Christen etablieren. Wir hoffen natürlich auch, dass nach den jüngsten Europa-Wahlen die nächste Kommission dem Thema auch Priorität einräumt.

Sie haben jetzt Länder genannt, die vor allem ihre migrationskritische Politik eint. Gibt es oder planen Sie auch eine Zusammenarbeit mit Ländern wie Deutschland?

Unsere wichtigsten Partner haben uns darüber berichtet, dass es in Deutschland nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht möglich ist, Gelder direkt an kirchliche Organisationen vor Ort zu geben, wie wir das tun. Das macht eine Zusammenarbeit nicht hoffnungslos, doch schwierig.

Wie steht die katholische Kirche zu Ihrer Arbeit?

Ich durfte dem Heiligen Vater letzten September unsere Arbeit vorstellen. Begleitet wurde ich dabei von jungen Christen aus Krisenregionen, die mittels von uns gewährter Stipendien in Ungarn studieren, um nach Ihrer Rückkehr ihren Heimatländern bei der Entwicklung helfen zu können. Der Heilige Vater war beeindruckt von der Initiative. Und es gab auch andere Fälle, wo wir deckungsgleiche Positionen vertraten. Auf dem Rückflug von Panama hat Papst Franciskus dann gesagt, dass es am besten sei, Menschen zu helfen, in ihrer Heimat bleiben zu können.

Dennoch gibt es migrationspolitisch keinen Konsens zwischen Ungarn und dem Vatikan.

Der Heilige Stuhl und Ungarn haben in der Migrationspolitik keine völlig identische Position. Der Dissens wird aber auch übertrieben und verzerrt. Der Heilige Stuhl betont stärker das Willkommen von Migranten. Ungarn wiederum ist gegen illegale Massenmigration, wie wir sie 2015 erlebt haben. Gleichzeitig helfen wir natürlich Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen entsprechend unserer internationalen und moralischen Verpflichtungen.

Was hat denn Ihre Hilfe verfolgten Christen bisher konkret gebracht? Im Irak zum Beispiel.

Die christliche Gemeinschaft im Irak ist sicher stark vom Verschwinden bedroht. Würden sie verschwinden, wäre das die Schande unserer Generation. Wir versuchen ihnen Hoffnung zu geben, indem wir uns an den Aufbauprogrammen in der Ninive-Ebene beteiligen, von wo die Christen vom IS vertrieben wurden. In Teleskof etwa konnte mit unserer Hilfe der Wiederaufbau abgeschlossen werden. 1 000 von 1 300 geflohenen Familien sind zurückgekehrt. Aus Dankbarkeit heißt der Ort heute „Teleskof Tochter Ungarns“. Andere unterstützen wir humanitär, bis sie in ihre Häuser zurückkehren können.

Häuser allein werden die Präsenz nicht sichern. Es braucht auch Sicherheit. Intervenieren Sie auf diplomatischer Ebene zugunsten der Christen im Irak?

Ungarn hat sich im Nordirak mit 200 Soldaten am Kampf der Koalition gegen den IS beteiligt. Das ist angesichts der Größe unserer Streitkräfte beträchtlich. Der Sieg über den IS kam auch den Christen zugute. Aber natürlich ist Ungarn im Nahen Osten aus geopolitischer Sicht keine relevante Macht. Wir können deshalb keinen Druck auf Regierungen ausüben, sondern nur Diskussionen führen und ein gutes Beispiel geben durch unsere humanitäre Hilfe. Der syrisch-orthodoxe Patriarch brachte dieses Vorgehen auf den Punkt: Ungarn ist ein kleines Land mit einem großen Herzen.

Was bekommt Premierminister Orban von Ihrer Arbeit mit?

Der Premierminister lässt sich persönlich unterrichten. Er hat uns zudem beauftragt, jeden Monat einen Termin mit einem Kirchenführer aus den betroffenen Ländern zu organisieren. Obwohl unser Premierminister einen vollen Terminkalender hat, findet er immer Zeit dafür. An seinem bilateralen Treffen mit Donald Trump, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Mitte Mai war die Unterstützung der Christen einer der Verhandlungspunkte.

"Die ungarische Regierung hat insgesamt
27 Millionen Euro seit 2016
für verfolgte Christen ausgegeben"

Die ungarische Regierung hat insgesamt 27 Millionen Euro seit 2016 für verfolgte Christen ausgegeben. Darunter fallen nicht nur Hilfsprojekte für verfolgte Christen im Nahen Osten, sondern auch Nigeria.

Tristan Azbej ist seit 2017 Staatssekretär für die Hilfe für verfolgte Christen. Er ist direkt dem Büro von Premierminister Viktor Orban zugeordnet. Azbei hat vorher unter anderem an der ungarischen Botschaft in Tel Aviv geabeitet. Zuvor hat er sich in der Regierungspartei Fidesz engagiert und dort unter anderem in der Parlamentsfraktion gearbeitet.