Sie kamen zum Gottesdienst und starben im Kugelhagel

Nigeria: Boko Haram metzelt bei Terroranschlägen mehr als 70 Christen nieder. Von Maurice Kwairanga

Spuren der Verwüstung nach den Attacken auf Christen in Nigeria. Foto: dpa
Spuren der Verwüstung nach den Attacken auf Christen in Nigeria. Foto: dpa

Im westafrikanischen Nigeria sind bei zwei Terroranschlägen mehr als 70 Christen getötet worden. Nach Angaben der in Lagos erscheinenden Zeitung „The Vanguard News“ stürmten am letzten Januar-Wochenende mehr als 50 muslimische Extremisten ein Dorf im nordöstlichen Bundesstaat Borno und erschossen 52 Christen. Anschließend steckten sie mehr als 300 Häuser und Geschäfte in Brand. Im ostnigerianischen Bundesstaat Adamawa drangen am selben Wochenende bewaffnete Muslime in eine Kirche ein und töteten mindestens 31 Besucher. Als Täter werden Kämpfer der Terrororganisation Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) vermutet. Boko Haram will einen islamischen Gottesstaat errichten. Der Autor unseres Beitrags, der sich mit dem Anschlag in Chakawa befasst, ist Priester der nigerianischen Diözese Yola.

31 Katholiken, zwei Polizisten sowie eine noch nicht genau bezifferte Anzahl weiterer Personen fanden den Tod, als bewaffnete mutmaßliche Mitglieder der Boko Haram eine katholische Kirche in der Diözese Maiduguri im Dorf Chakawa im nigerianischen Bundesstaat Adamawa überfielen.

Die katholische Gemeinde in Chakawa erwachte fröhlich am Morgen des dritten Sonntags im Jahr 2014, um Gott mit Liedern und Gebeten der Danksagung zu loben und zu preisen, als ihr Katechet den Altarraum betrat, um den Sonntagsgottesdienst zu eröffnen. Der Gemeindepfarrer Jerome Odineze berichtet, dass sich der Angriff ereignete, als die Gemeinde mit dem Gottesdienst gegen 9.05 Uhr begann. Er setzte sich – ohne dass die Sicherheitsbehörden eingriffen – mit der Plünderung und Zerstörung der Häuser von Katholiken bis 14.30 Uhr fort.

Ein anderer Informant sagt, dass nach dem Beginn des Gottesdienstes ein Patrouillenfahrzeug der Armee plötzlich auf das Kirchengrundstück vordrang, Männer in nigerianischer Militäruniform das Gelände umstellten und das Feuer auf die Gottesdienstbesucher eröffneten. Einige Personen – vor allem kräftige Männer – sprangen durch das Fenster der Kirche und entkamen, während Frauen und Kinder sowie ältere Männer kaltblütig niedergeschossen wurden.

Frauen und Kinder kaltblütig erschossen

Ein weiterer Informant erzählte mir, dass das Hauptziel offenbar die katholischen Gottesdienstbesucher gewesen seien, da kein Muslim Opfer des Angriffs wurde. Er sagte, die muslimischen Nachbarn hätten sogar zugeschaut, als die Katholiken umgebracht und ihre Häuser in Brand gesteckt wurden, während weder das Leben noch die Wohnung eines Muslims betroffen war.

Zuvor hatte eine Internetzeitung berichtet: „Einige Einwohner der angegriffenen Stadt, die aus der Region geflüchtet waren, sagten zu Journalisten, dass sie am Morgen während des Sonntagsgottesdienstes von bewaffneten mutmaßlichen Angehörigen von Boko Haram angegriffen wurden.“

„Während des Anschlags auf die Gottesdienstbesucher setzten die Täter Sprengstoff ein, und viele Menschen kamen ums Leben“, berichteten Dorfbewohner über das Martyrium. „Ich kann gar nicht sagen, wie viele Menschen tatsächlich getötet wurden, aber ich habe gehört, dass man etwa 16 Menschen aus der Kirche abtransportiert hat“, so einer der Ortsansässigen, der anonym bleiben wollte. Ein anderer Dorfbewohner gab an, dass einige Häuser von den Angreifern ebenfalls überfallen wurden, die einige Männer als Geiseln nahmen, während zwei wachhabende Polizisten auf der Stelle getötet wurden. „Ich sah, wie einige Leute schrien, dass ihre Verwandten von den Bewaffneten als Geiseln genommen wurden“, sagte der Dorfbewohner, der anonym bleiben wollte, in den Online-Nachrichten.

Mein Gewährsmann teilte mir mit: „Die Situation war dramatisch. Die Menschen befanden sich in der Kirche bei der normalen Sonntagsmesse, als diese Leute in Uniform mit einem Panzerfahrzeug auf das Gelände fuhren. Die Einheimischen dachten zunächst, es seien normale Soldaten bei ihrer gewohnheitsmäßigen Patrouillenfahrt. Die Bewaffneten fingen einfach an, die Leute niederzuschießen. Dann gab es ein schreckliches Chaos. Die Leute rannten wild durcheinander. Manchen gelang es zu entkommen, aber so viele – Frauen wie Kinder – wurden abgeschlachtet. Ihre Häuser wurden in Brand gesetzt. Eine mobile Polizeieinheit, die auf ihrem Routinekontrollgang war, hegte keinen Verdacht, dass da irgendetwas vor sich ging, als sie kurz vor dem Überfall das Militärfahrzeug auf dem Kirchengrundstück sah. Nach dem Massaker an den Gottesdienstbesuchern wandten sich die Angreifer der Polizei zu und töteten zwei der Polizisten. Am 27. Januar wurden 24 der Opfer in Madagali beerdigt, zwei in Gubla und zwei in Mildu. Am 28. Januar 2014 wurden weitere Leichen im Gebüsch unweit des Dorfes entdeckt.“

Der Priester, der für die Kirche des Dorfes zuständig ist, sagte mir, dass insgesamt 31 Katholiken ums Leben kamen, was möglicherweise noch nicht die endgültige Anzahl der Opfer ist. Offenbar wurden einige Opfer noch nicht berücksichtigt, da die erlittenen Traumata von den Leuten noch nicht überwunden sind.

Die Feindseligkeiten der Mitglieder von Boko Haram nehmen zu, und sie haben es geschafft, dreiste Angriffe auf Militäranlagen in Bama und Maiduguri mit schweren Verlusten auf Seiten der Armee durchzuführen. Die Lage scheint sich nicht zu verbessern, auch nicht seit der Ausrufung des Ausnahmezustandes in den Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa, die offensichtlich die Hauptleidtragenden der Gräueltaten dieser militanten Islamisten sind. Es heißt, dass sie die Sicherheitskräfte unterwandert hätten und über hoch entwickelte Waffen verfügten, was sie waghalsig macht, wodurch sie sogar nach Ansicht des Militärs schwer unter Kontrolle zu bringen sind. Woher haben sie den Panzer, die Uniformen und die schweren Waffen? Weshalb schweigen die muslimischen Führer und die traditionellen Herrscher im nördlichen Teil Nigerias über diese nicht enden wollenden Überfälle auf Christen?

Die Vorbereitung zu den Parlamentswahlen im Februar 2015 führt ebenfalls zu zahlreichen Spannungen im Land, da diese Islamisten ein Ende der Regierung von Staatspräsident Goodluck Jonathan fordern, der als Repräsentant der Christen wahrgenommen wird und sich bei der bevorstehenden Wahl nicht noch einmal um eine Wiederwahl bemühen sollte. Zudem ist es nicht gerade hilfreich, wenn der Präsident sonntags häufig Gotteshäuser der Pfingstkirche besucht, wo er einige politische Stellungnahmen abgegeben hat, mit denen er die Islamisten und deren Sympathisanten verärgerte, was ihre Vorwürfe nur bestätigt.

Vor kurzem empfahl der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz von Nigeria, Erzbischof Ignatius Kaigama, dem nigerianischen Präsidenten im Fernsehen, politische Aussagen in Kirchen zu unterlassen, da dies dazu führen könne, Christen zu schaden. In den sozialen Medien herrscht zwischen Muslimen und Christen bereits eine aggressive Atmosphäre.

Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt