Sicher kein „Christenclub“

Ausgerechnet im mehrheitlich muslimischen Sarajevo, wo die Osmanen lange herrschten, hat der türkische Ministerpräsident Erdogan seinem Frust über die Europäische Union freien Lauf gelassen: Wenn die EU die Türkei nicht aufnehme, verliere sie selbst und werde zu einem „Christenclub“. Dass der fromme Muslim Erdogan eine Polemik des früheren (gar nicht frommen, sondern kemalistischen) türkischen Regierungschefs Mesut Yilmaz aufgreift, der Helmut Kohl einst vorwarf, die EU zu einem „Christenclub“ zu machen, ist enttäuschend niveaulos. Wer die Europäische Union für einen „Christenclub“ hält, hat vermutlich beide nicht verstanden: die EU und das Christentum.

Erdogan, der in der Türkei seine Kämpfe mit den laizistischen Kemalisten austrägt, weiß ganz genau, wie säkular die Politik in Europa ist. Er dürfte auch wissen, dass Skepsis und Ablehnung der türkischen EU-Vollmitgliedschaft nicht religiös begründet sind. Bereits heute leben in der Europäischen Union weit mehr Muslime als in Istanbul. Wozu also diese billige Polemik, noch dazu in einem stark muslimisch geprägten Land Südosteuropas?

Die zunehmend zögerliche Haltung der EU-Kommission gegenüber der Türkei rührt daher, dass es bei der Umsetzung der formalen Kriterien hapert. Die wachsende Ablehnung der politischen Klasse Europas gegenüber der türkischen EU-Mitgliedschaft hat zwei Gründe: die innenpolitischen Spannungen in der Türkei und die Einsicht, dass der Beitritt dieses riesigen Landes die EU einfach überfordern würde. Die EU wuchs seit 2004 von 15 auf 27 Mitgliedstaaten. Sie sehnt sich nach Ruhe und Konsolidierung, traut sich die Integration eines kleinasiatischen Staates mit 75 Millionen Menschen einfach nicht zu. Das sind die Fakten. Alles andere ist Polemik und Propaganda. sb