Würzburg

Sehnsucht nach Charisma

Ist Sebastian Kurz die neue konservative Leitfigur in Europa? Besonders in Deutschland sehen viele Christdemokraten in ihm ein Vorbild. Ein Interview mit Politik-Professor Tilman Mayer.

Sebastian Kurz: Wunschfigur deutscher Christdemokraten
Kanzlerdämmerung: Viele Christdemokraten wünschen sich einen Merkel-Nachfolger mit dem Profil von Sebastian Kurz. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Herr Professor Mayer, der Wahlsieg von Sebastian Kurz strahlt bis nach Deutschland aus. Sie haben ihn einmal als „aufgeklärten Konservativen“ bezeichnet. Wie ist das zu verstehen? Hebt dieses Profil ihn tatsächlich so stark ab, dass er zu einer Leitfigur für die konservativen und christdemokratischen Parteien in ganz Europa werden könnte?

Kurz verfügt über eine gewisse Aura. Sein Charisma spricht junge Wähler an, wirkt aber auch bei Älteren. Die Konservativen haben ja immer mit dem Problem zu kämpfen, dass konservativ zu sein eher negativ bewertet wird. Es heißt dann „stockkonservativ“ und der Eindruck entsteht, das Ganze sei irgendwie altbacken. Dieses Bild hat Kurz verändert. Das ist sozusagen das Aufgeklärte an ihm. Es liegt vor allem darin, wie er Politik macht. Kurz ist eine moderne Erscheinung. Die Art und Weise, wie er sich öffentlich in Szene setzt, wirkt nicht aufgesetzt. Gleichzeitig signalisiert er den Wählern: Ich bin kein Spieler, sondern ein Macher, der auch den Mut hat, Strukturen zu verändern. Das ist an sich schon ein Modell auch über Österreich hinaus. Es hängt aber letztlich davon ab, ob sich in den einzelnen Ländern Personen finden, die über die gleichen politischen Talente verfügen wie er.

Sie heben den Mut bei Kurz als besondere Eigenschaft hervor.

"Kurz hatte [...] den Mut, alles
auf eine Karte zu setzen und seine
Partei [...] völlig umzukrempeln"

Ja, in der Tat. Man muss noch einmal genauer die Vorgeschichte betrachten. Kurz ist sehr jung in wichtige Ämter gekommen und konnte hier Erfahrungen sammeln. Er hätte es sich einfach machen und in dieser Position verharren können. Kurz hatte aber den Mut, alles auf eine Karte zu setzen und seine Partei, die ÖVP, völlig umzukrempeln. Das hätte auch anders laufen können. Etwa wenn die alte Funktionärsriege in der Partei die Entwicklung hin zur „Liste Sebastian Kurz“ blockiert hätte. Allerdings muss man auch die besondere Situation in Österreich betrachten: Die FPÖ befand sich auf einer unglaublichen Erfolgsspur, sie war drauf und dran, den Kanzler zu stellen. Kurz hat durch seine klare Position in der Flüchtlingspolitik der FPÖ die Themen abgenommen. Seine Botschaft war: Es gibt eine Alternative zur bisherigen Politik in Migrationsfragen. Aber wir sind, anders als die FPÖ, die seriöse Alternative. Diese Linie hat er konsequent durchgezogen und auch nach der Ibiza-Affäre entsprechend reagiert. Mit dem Erfolg, dass er FPÖ-Wähler abwerben konnte.

Wird er dieser Linie auch bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen treu bleiben? Viele rechnen ja mit einem Schwarz-Grünen Bündnis. Dann wäre es aber auch mit seinem Image als konservativer Hoffnungsträger vorbei und die alten FPÖ-Wähler könnte er dann wohl auch nicht halten. Gleichzeitig muss er aber ja auch eine Mehrheit für eine Regierung finden. Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Zwickmühle?

Kurz kann in der Migrationspolitik jedenfalls keine Wende vollziehen, weil er dann genau die Wähler vergraulen würde, die ihm zum Sieg verholfen haben. Und in dieser Frage vertreten die Grünen eben genau die entgegengesetzte Position. Es kommt dann auf die Verhandlungen an. Die Grünen haben im Moment natürlich mit ihren 14 Prozent eine starke Position. Sie haben von der Debatte über den Klimawandel profitiert. Wenn auch das Thema nicht so populär ist wie in Deutschland. Ich kann mir vorstellen, dass es zu einem Schwarz-Grünen Bündnis kommt, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Kurz seine Flüchtlingspolitik ändert. Zunächst muss er glaubhaft mit allen Parteien Verhandlungen führen. Dabei muss er deutlich machen, dass er weiß, wie sehr er von ehemaligen FPÖ-Wählern profitiert hat und dass er deren Themen auch weiterhin berücksichtigt. Wenn sich nach den Verhandlungen zeigen sollte, dass nur mit den Grünen eine Koalition möglich ist, wird er sagen, dass er nicht anders könne. Denn anders käme keine regierungsfähige Mehrheit zustande. Und so steht er wieder für Stabilität. Die Alternative zu ihm wäre das Chaos.

"Die Grünen haben im
Moment [...] mit ihren 14 Prozent
eine starke Position"

Der Blick nach Deutschland: Viele in der CDU und der CSU würden Kurz wohl gerne nacheifern. Aber gibt es in der Union überhaupt eine Persönlichkeit, die mit Kurz vergleichbar wäre?

Friedrich Merz wird ja von vielen so eine Qualität zugeschrieben. Aber er ist nicht so jung wie Kurz. Er war lange raus aus dem politischen Geschäft. Es ist zweifelhaft, ob er die notwendige Dynamik zeigen würde. Jens Spahn ist wiederum ein bisschen zu jung. Anders als Kurz hat er nicht schon sehr früh Ministererfahrungen sammeln können. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass die Union ähnlich wie die ÖVP reformierbar wäre. Es müsste eben nur die richtige Persönlichkeit diese Aufgabe in Angriff nehmen. So eine Person kann man sich aber nicht backen.

Aber vielleicht herbei wählen. Die Junge Union hat vorgeschlagen, den nächsten Kanzlerkandidaten in einer Urwahl zu bestimmen. Geht das schon in die Kurz-Richtung?

Wenn die Junge Union damit auf eine Mehrheit für Merz setzt, wäre das ein machtpolitisches Spiel. Ob das aufgeht bleibt die Frage. Grundsätzlich sollte in einer Volkspartei so viel Vertrauen bestehen, dass die Delegierten entscheiden dürfen. Oder gleich das Parteiführungsorgan. So wie es die SPD macht, zeigt sich ein Misstrauen gegenüber der Parteispitze. Aber es gibt modische Tendenzen, die, wie das Paar an der Spitze, nicht mit Vernunftgründen zu tun haben, man kann sich dem Trend nicht verschließen.

Lange Zeit hieß es, das Modell Volkspartei habe sich überlebt. Spricht der Kurz-Sieg nicht dafür, dass die Volksparteien doch eine Chance haben zu überleben?

"Die Volksparteien benötigen eine
Strukturreform und die kann nur ein Politiker
umsetzen, der dabei politische Führung zeigt"

Das ist eine gute Frage. Er zeigt zumindest, dass der Abstieg der Volkspartei auch aufgehalten werden kann. Es hängt aber eben an der Führungsperson. Es muss eine Persönlichkeit sein, die über leadership verfügt. Die Volksparteien benötigen eine Strukturreform und die kann nur ein Politiker umsetzen, der dabei politische Führung zeigt.

Wir schauen immer nur auf die Union. Aber wäre das Modell Kurz nicht auch auf die andere große Volkspartei, die SPD, übertragbar?

Theoretisch schon. Sigmar Gabriel etwa hatte die nötige Angriffskraft. Da hätte er was draus machen können.

Zur Person:
Tilman Mayer, Jahrgang 1953, lehrt seit 2001 als Professor für Politikwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn. Schwerpunkte politische Ideengeschichte, Parteienforschung, Demoskopie und der demografische Wandel. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft für Deutschlandforschung. Für den Fernsehsender Phoenix kommentiert er regelmäßig das aktuelle politische Geschehen.