Würzburg

Seelsorge im Wandel. Was trägt, wenn alles wankt?

Schwierige Zeiten für Priester und Gläubige: Wo kirchliche Strukturen reformiert werden, bleibt oft kein Stein auf dem anderen. Sieben goldene Regeln zur Stärkung des geistlichen Immunsystems.

S.1 Titel Kirche Foto: Adobe Stock

Wie geht es der Kirche?“ So fragte Pachomius, der ägyptische Mönchsvater, zwei seiner Mönche. Sie waren gerade aus der Metropole Alexandria heimgekehrt. Seit Monaten hatten Pachomius Gerüchte um Arius und seine Leugnung der Gottheit Christi umgetrieben, betrübt und zu Fasten und Gebet angehalten. Der Zustand der Kirche bedrückte ihn zutiefst. Zudem war der tapfere Bischof Athanasius ins Exil geschickt worden, und der Mönchsvater empfand diese Entfernung eines starken und unerschrockenen Hirten als eine „Ungerechtigkeit am Volk Gottes“. Die Neuigkeiten der zwei Mönche waren nun noch bestürzender als seine Befürchtungen. Alles wankte in der Kirche. Pachomius aber begriff nun, das war eine Prüfung, jedoch keine Katastrophe. Dabei half ihm der Blick auf die feste „Schutzmauer der Ordnung“ Gottes: „Jede Prüfung sollen wir ertragen, denn sie kann uns nicht schaden. Der böse Feind hat zwar einigen von uns übel mitgespielt, die sich eine Zeitlang außerhalb der Schutzmauer der Ordnung gestellt haben, doch Gott hat schließlich uns alle gerettet. Auch vor Bischof Athanasius ist der Feind machtlos, denn Gott hilft ihm in seinem Glauben.“

„Wie geht es der Kirche?“ Wie damals im vierten Jahrhundert, so treibt diese Frage viele Gläubige und Priester auch im 21. Jahrhundert um. Und zwar nicht nur für die Kirche als ganze, sondern auch für die Kirche vor Ort, also die Pfarrei. Denn da bleibt derzeit in vielen Bistümern kein Stein mehr auf dem anderen. Lang, lang ist‘s her, da war die Pfarrseelsorge der solideste und zuverlässigste Ort der Pastoral. Das hat sich gründlich geändert. Mancherorts entstehen überdimensionale Gebilde, eher Bürokratiemonster als eine Gemeinschaft von Gläubigen. Ob dadurch die Abwanderung ganzer Generationen aus den Gemeinden nicht noch beschleunigt wird? Was gilt also noch? Wie geht es weiter? Hat die Pfarrei überhaupt noch Zukunft? Für viele aufrechte Katholiken stellt ihr Zustand eine regelrechte Prüfung dar. Wie Pachomius in der arianischen Krise empfinden sie Lähmung, Traurigkeit und Ratlosigkeit: Wo sind die Athanasius-Gestalten, also echte Pfarrernaturen, die mit klarem Blick und fester Hand Glaube und Evangelisierung voranbringen? Geschieht durch willkürliche Versetzungen nicht vielfach „Ungerechtigkeit am Volk Gottes“? Wie oft gibt man ihm Steine von leeren Phrasen anstelle des nahrhaften Brotes des Glaubens! Oder man nimmt gerade den Treuen ihre Beheimatung vor Ort. Das vertraute Haus der Heimatgemeinde scheint in einen Trümmerhaufen verwandelt. Was trägt, wenn alles wankt? Für Pachomius wurde die Lage zur Prüfung, die reinigt, vertieft und neu die „Schutzmauer der Ordnung“ erkennen lässt. Sieben geistliche Leitsätze seien dafür genannt.

1Rette deine Seele! Das alte Motto der Volksmissionen ist oft verunglimpft worden, doch nie war es so aktuell wie heute. Auch im worst case: Die Kirche kann und muss ich nicht retten, wohl aber mich selbst. Nur dafür habe ich eine letzte Verantwortung. Man könnte das Herrenwort aktualisieren: „Was nutzt es einem Menschen, wenn er in tausend Foren die Wunden der Kirche bloßlegt, dabei aber an seiner Seele Schaden nimmt?“ Gerade für seelsorgerlich Tätige ist das eine reale Gefahr. Oft sind sie so sehr mit dem Zustand der Kirche, mit Vorgängen in Rom, mit Entwicklungen im Heimatsbistum und mit den düsteren Aussichten vor Ort beschäftigt, dass sie ganz übersehen, für das eigene Seelenheil Sorge zu tragen. Was also tue ich gegen Verbitterung, gegen bloßen Dienst nach Vorschrift, gegen Selbstgerechtigkeit und ungerechtes Urteil? Was tue ich für meinen Glauben, genauer für die Immunstärkung meiner Beziehung zu Gott, damit ich nicht der ungläubige Wolf im rechtgläubigen Schafspelz werde? Kämpfe ich wirklich gegen den alten Adam, gegen Gewohnheitssünden und versteckte Versuchungen, gegen das Erkalten der ersten Liebe, gegen die Gefahren von Alkohol und Internet, gegen falsche Selbstbelohnungen mit sinnlichen Genüssen und gegen den großen Abfall?

2 Tu deine Pflicht! Die Schutzmauer der Ordnung der Kirche gibt mir in meinem Amt als Pfarrer, Vikar, Mitglied des Pfarrgemeinderats oder natürlich auch einfach als Gläubiger bestimmte Pflichten vor. Das ist etwa Predigt und Katechese, Sorge für Kranke und Sterbende, Messe – wenn möglich täglich – und Sakramente, auch zuverlässige Verwaltung und manches andere. Diese Pflichten sind möglichst gut und gewinnend zu erfüllen, also etwa nicht die Predigt erst auf den letzten fünf Metern bis zum Ambo entstehen lassen. Für die Pflichtaufgaben kann man sich bereits in den Jahren der Ausbildung Routine und Souveränität aneignen, also etwa für Predigt, Religionsunterricht oder Sakramentenspendung. Dadurch hält man auch in Stresszeiten hohes Niveau und Qualität, auch ohne alles in Ruhe vorbereiten zu können. Pflichten ernst nehmen heißt also nicht, es sich mit dem Minimum genug sein lassen, sondern zu wissen, was meine Aufgaben sind. Infantil wäre es zu sagen: Andere in der Kirche spielen verrückt, da brauche ich es auch nicht mehr so genau zu nehmen. Nein, fallen auch tausend zu deiner Seite, du bleibe fest und aufrecht, dann wirst du zum Leuchtturm für viele.

3 Konzentriere dich auf das Mögliche! Die neuen Strukturen der Seelsorge, die Großpfarreien ebenso wie manche Vorgaben von Bistum oder Bischofskonferenz, habe ich nicht zu verantworten. Manches mag ich kritisch sehen. Dennoch, Pfarreien und andere seelsorgerische Orte sind dadurch keine No-Go-Area geworden. Immer noch bieten sie viele Möglichkeiten, Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen mit Christus in Berührung zu bringen. Was hindert mich als Priester, zündend zu predigen? Warum sollte ich als Gläubiger nicht einige Freunde zu einem Hausgebet oder einem Gebetskreis einladen? Übrigens, Chancen zu nützen motiviert viel mehr, als Unmöglichem nachzutrauern. Lieber der Spatz einer kleinen, aber feinen Stunde für den Herrn in der Hand als die Taube des ganz großen Aufbruchs einer ganzen Gemeinde auf dem Dach.

4 Sei zu allen freundlich, herzlich und anteilnehmend! Seelsorge in großen Einheiten muss den Funken überspringen lassen, sonst erstickt sie im Keim. Einsame Aktionen meinerseits, mit denen ich höchstens einige ganz Getreue anlocke, entfachen höchstens ein Strohfeuer. Manche setzen aufs offensive Zeugnis, sie drängen anderen ihre Überzeugungen auf und wollen so Macht über die Herzen gewinnen. Die meisten Menschen bleiben demgegenüber kalt. Ihre Herzen wollen gewonnen und nicht erobert werden. Gewinnen kann man aber nur durch ein gewinnendes Auftreten. Sympathie weckt, wer mit anderen sympathisch ist, das heißt mitfühlt, mitgeht, aufmerksam ist und nicht mit der Tür ins Haus fällt. Das ist wirklich ein guter Hirte. Wir haben so viele Erstbegegnungen, etwa anlässlich von Sakramenten. Wie schön wäre es, wenn viele Menschen dabei angenehm von uns überrascht wären. Das ist nicht alles, aber ohne das wird alles nichts.

5 Triff Entscheidungen, aber triff sie nach dem größeren geistlichen Nutzen! Wir können nicht mehr alles machen, weder personell noch finanziell. Wir können nicht alle Erwartungen erfüllen: nicht alles, was gestern noch selbstverständlich war; erst recht nicht alles, woran man sich einfach über viele Jahre gewöhnt hat. Wir müssen entscheiden. Das tut weh und fällt dementsprechend schwer. Bequemer ist das Aussitzen, das „Nach uns die Sintflut“-Syndrom, aber auch das Rosinenpicken: Ich wähle das, was mir am meisten Spaß macht. Meine Lieblingstätigkeit, der Weg des geringsten Widerstandes, der Rückzug ins warme Nest ganz unter meinesgleichen. Nein, es muss entschieden werden, aber nach dem größeren geistlichen Nutzen. Also stets fragen, was jeweils mehr „den Seelen hilft“, wie die ersten Jesuiten sagten. Dieses Kriterium hält manche Überraschungen bereit. So kann es durchaus nötig sein, auf Familien- oder Vereinsfesten als gern gesehener Gast scheinbar viel Zeit zu „verplempern“, um dadurch aber in der Breite bekannt zu werden und so Türen des Vertrauens zu öffnen.

6 Teile deine Zeit etwa je zu einem Drittel auf in Routine, Ressource und Reserve! Routine, das sind die Pflichtaufgaben. Sie routiniert und effizient anzugehen lässt uns nicht in den Pflichten ertrinken, sondern hält uns den Rücken frei für anderes. Eines davon sind die Ressourcen. Ressourcen, also wieder aufsprudelnde Quellen, das ist das, was der Heilige Geist in einer Gemeinde bewegt. Wenn sich da etwas tut, darf ich nicht sagen: Dafür habe ich keine Zeit. Keine Zeit für sechs, sieben Jugendliche, die nach der Firmung zusammenbleiben wollen, um ihren Glauben zu vertiefen? Keine Zeit, wenn einige Gläubige sich eine Stunde Anbetung am Herz-Jesu-Freitag wünschen? Schließlich Reserve. Das ist der Spielraum für das Unvorhergesehene, das Gespräch mit einem Obdachlosen, mit einem Mitarbeiter in einer akuten Ehekrise oder ganz schlicht die Einsicht: „Dafür muss ich jetzt beten.“

7 Handle in allem als Diener Christi und nicht als Herr der Kirche! Mein Gott, es gibt fast keine Weihe- oder Primizpredigt, in der nicht das Dienen beschworen wird. Was hat es genützt? Die Stunde ist aber da, da wir uns nicht zähneknirschend zu Dienern degradieren lassen müssen, sondern aufatmen dürfen: Der Herr der Kirche, der Herr und Lenker auch meiner Gemeinde, ist Christus und nicht ich. Er sorgt für alles vor und tut das in unübertroffener Weisheit und Liebe. Wie wunderbar, denn für Tausende von Seelen dazusein, das kann kein Mensch aus eigener Kraft. Dabei hat Christus mir die Gnade erwiesen, ausgerechnet mich anzuheuern: „Komm, du da, ich kann dich gebrauchen.“ Gebrauchen vielleicht nur zum Kartoffelschälen, zum Saubermachen oder auch bloß, um an meinen vielen Schwächen zu beweisen, dass er auch mit zwei linken Händen das Rechte tun kann. Ein Diener setzt seinen ganzen Stolz da hinein, die ihm zugewiesenen Aufgaben möglichst gut zu erfüllen. Er tut nicht stattdessen bloß das, was Lust, Laune oder der Dickkopf ihm diktieren. Mehr noch, vielleicht haben wir den Mut, uns in den Augen unseres Herrn besonders auszeichnen zu wollen. Das tun wir nicht durch spektakuläre Aktivitäten, die auf katholisch.de gelobt werden, sondern indem wir die Lebensweise Jesu teilen und bereit sind zu Armut, niedrigen Diensten, Opfer, Verachtung oder sogar Verfolgung. Dann sind wir wirklich seine Getreuen, auch wenn wir in den Augen der Menschen keine großen Erfolge vorweisen können. Denn „wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron‘ des ew‘gen Lebens nicht davon.“

Der Verfasser lehrt Pastoraltheologie in München.