Seelisches Katastrophengebiet

Das Leben in Gaza wirkt weiterhin traumatisierend, sagt der Psychiater Eyad Sarraj

Eyad Sarraj (65) studierte Medizin in der ägyptischen Metropole Alexandria und Psychiatrie in London. Er ist Präsident des „Gaza Community Mental Health Program“. Derzeit engagiert er sich in der palästinensisch-internationalen Kampagne, die seit 12. Juni 2007 andauernde Blockade von Gaza zu beenden. Johannes Zang sprach mit ihm in Gaza-Stadt.

Vor genau einem Jahr hat der Kampf zwischen Hamas und Fatah im Gaza-Streifen zur Machtübernahme der Hamas geführt. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Als die Hamas militärisch die Kontrolle übernahm, war das Ausmaß an Brutalität unter den Palästinensern so groß wie noch nie: Menschen wurden vom 15. Stock in die Tiefe gestoßen, Verwundete wurden in Krankenhäusern erschossen, Menschen wurden auf unglaubliche Weise gefoltert.

Gehörten die Initiatoren dieser Brutalitäten zu Fatah oder Hamas?

Es gab Täter auf beiden Seiten. Hunderte Menschen haben ihre Knie verloren, weil man ihnen in die Kniescheibe schoss. Viele Menschen sind deshalb verkrüppelt. Es ist ein Teil unserer Menschlichkeit, zuzugeben, dass die Israelis nicht so bösartig und brutal zu uns waren, wie wir es zu uns selbst waren. Das alles erklärt, in welcher Verfassung wir nunmehr sind: Von der Nakba (arab. für Vertreibung 1948) über die Besatzung, die Folterungen und so weiter, gibt es angehäufte Schichten von Traumata.

Wie würden Sie die heutige seelische Verfassung in Gaza beschreiben?

Gaza kann heute mit fünf D beschrieben werden: Ein D steht für „despair“ (Verzweiflung), wegen des zweiten D: „deprivation“ (Mangel). Dann kommt „dependency“ (Abhängigkeit). Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind auf Nahrungsmittelspenden angewiesen, und dies langfristig. Dazu kommt „disintegration“ (Auflösung). So vieles fällt auseinander: das politische System, der Verwaltungs- und Sicherheitsapparat, der Stammesverband, die Moral. Die Menschen klagen über einen Verlust der Sitten. Dazu kommen noch Wellen von „defiance“ (Trotz). Heute befinden wir uns in einem Zustand der Verzweiflung.

Haben Sie seriöse Erhebungen darüber, wieviele Menschen im Gaza-Streifen traumatisiert sind?

Wir leben in einem seelischen Katastrophengebiet. Hundert Prozent der Menschen in Gaza sind betroffen. Natürlich kommen 70 Prozent von ihnen mit ihrem Leben irgendwie zurecht. Sie sind gastfreundlich, sie sind nett, sie lächeln dir zu, aber in ihrem Innern haben sie ein Problem. Nach Schätzungen und Studien leidet ein Drittel der Bevölkerung unter Problemen, die wir PTSD, posttraumatisches Stress-Syndrom nennen. Diese Menschen haben mehr als acht Symptome.

Können Sie diese nennen?

Die Symptome reichen von Ängstlichkeit, Depression, Phobien, Verhaltensstörungen, Erinnerungen, Alpträumen bis zur Vermeidung. Menschen sagen beispielsweise: Ich mache einen Bogen um eine Straße, in der ich geschlagen wurde.

Wenn ein so großer Teil der Bevölkerung traumatisiert ist, wie geht man damit um?

Wir fangen gänzlich unkonventionell an. Wir gehen zu den Menschen, bilden Ärzte, Berater und Lehrer aus. Natürlich behandeln wir auch Menschen in unserer Klinik, wenn sie es brauchen. Aber ein Großteil der Arbeit geschieht draußen. Und wir müssen zugeben, obwohl wir einigen Einfluss auf die Kultur haben, dass die Umgebung weiterhin in hohem Maße traumatisierend ist, und zwar die ganze Zeit. Zum zweiten ist dieser Ort so überbevölkert. Und zum dritten haben wir nicht genügend Personal. Wollte man helfen, dann bräuchte man eine Armee an Psychiatern und Psychologen. Alles, was wir haben, sind 100 Menschen.