Schwieriger Weg zur Einheit

Nach 3 000 Toten: Ein Versöhnungsrat soll der Elfenbeinküste Frieden bringen. Von Carl-H. Pierk

Ein bei Kämpfen zerstörtes Gebäude in Abidjan. Schlimmer noch wiegen die tausenden Toten und Verletzten. Foto: dpa
Ein bei Kämpfen zerstörtes Gebäude in Abidjan. Schlimmer noch wiegen die tausenden Toten und Verletzten. Foto: dpa

Die Lage in der Elfenbeinküste hat Züge eines kaum entwirrbaren gordischen Knotens. Einfach durchschlagen, wie dies Alexander dem Großen nachgesagt wird, lässt sich dieser Knoten sicherlich nicht. Der Streit um Land, politische Manipulation, ethnische Unterschiede: Der offiziell als Wahlsieger anerkannte Alassane Ouattara wird sich an der zweiten Version der Alexanderlegende versuchen und den Pflock einfach aus dem Knoten ziehen, sodass der sich von selbst auflöst.

Alassane Ouattara, nach mehr als fünf Monaten nach der Präsidentschaftswahl als neuer Staatschef vereidigt, spricht vom Beginn einer „neuen Ära der Versöhnung und der Einheit“ zwischen den Einwohnern des westafrikanischen Staats. Der Machtkampf zwischen dem alten Präsidenten Laurent Gbagbo und dem neu gewählten Präsidenten Alassane Ouattara hatte das Land an den Rand des Abgrunds getrieben.

Der Weg zu Frieden und Versöhnung in der Elfenbeinküste freilich ist noch lang und beschwerlich. Auch nach dem Ende der Kämpfe bricht noch immer ab und zu Gewalt aus. Es gibt immer noch ethnische Spannungen, Plünderungen und Vertreibungen in weiten Teilen des Landes. Und nach und nach werden auch Massengräber entdeckt. UN-Menschenrechtsexperten rechnen damit, dass es noch weitere Funde geben wird, die den Versöhnungsprozess in dem tief gespaltenen Land weiter erschweren könnten. Vermutlich sind Anhänger des gestürzten Gbagbo die Täter – sie sollen ihre Opfer einen Tag nach der Festnahme des abgewählten früheren Präsidenten getötet haben. Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl hatte der neue Präsident eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Sie geht heute (Samstag) zu Ende.

Kriegsverbrechen werden beiden Seiten vorgeworfen

Nach dem Willen von Ouattara soll nun möglichst schnell eine Wahrheits- und Versöhnungskommission ihre Arbeit aufnehmen. Als Vorbild gilt die „Truth and Reconciliation Commission“ (TRC), die 1996 in Südafrika von Nelson Mandela eingesetzt wurde. Sie sollte die Verbrechen der Apartheid-Ära aufarbeiten. Immer wieder wird die Idee einer solchen Kommission nach Kriegen oder Auseinandersetzungen in afrikanischen Staaten ins Spiel gebracht. Auch nach dem Bürgerkrieg in Liberia wurde eine Kommission gegründet. In der Elfenbeinküste ernannte der Präsident Charles Konan Banny zum Vorsitzenden der „Commission pour le dialogue, la vérité et la réconciliation“ (Wahrheits- und Versöhnungskommission). Eine Personalentscheidung, die bereits Kritik hervorrief. Banny war zwischen 2005 und 2007 ausgerechnet Premierminister von Laurent Gbagbo. Gab es keine neutrale Persönlichkeit?

Ziel ist es, die während des Bürgerkriegs von beiden Seiten begangenen Verbrechen aufzuklären und vor allem im Dialog der verschiedenen ethnischen Gruppen miteinander zu einer Versöhnung darüber zu gelangen. Gbagbos Truppen und Milizen wie auch Ouattaras Truppen werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Jede der einstigen Konfliktparteien versucht nun, der Gegenseite die Verantwortung für die schlimmsten Massaker und Verbrechen zuzuweisen. Nach UNO-Schätzungen sind mindestens dreitausend Menschen ums Leben gekommen. Noch ist unklar, was mit Menschen passiert, die sich zu ihrer Schuld bekennen. Soll ihnen vergeben werden oder soll ein reguläres Gerichtsverfahren folgen? Schon der südafrikanischen Kommission wurde vorgeworfen, die Opfer der Gewalttaten zu vernachlässigen. Denn wer aussagte, kam damit häufig automatisch in den Genuss einer Amnestie.

Gerade jetzt, wo es um Versöhnung geht, kann die katholische Kirche mit ihren Missionsorden eine zentrale Rolle im Versöhnungsprozess einnehmen. Wo es um Versöhnung geht, ist ihre Sozialarbeit gefragt. „Afrika steh auf“, hatte die zweite Afrika-Synode im Oktober 2009 jenen Ländern zugerufen, in denen Gewalt herrscht. Religion sei eine Kraft des Guten für Frieden und Versöhnung, es sei Zeit, „Gewohnheiten zu ändern aus Liebe zu den Generationen von heute und morgen“. Auch in der Elfenbeinküste kann die Kirche Sauerteig für Versöhnung sein.