„Schwere Belastung für Ökumene“

Reaktionen auf EKD-Chef – Algermissen: Kirchen werden in entscheidenden Fragen politisch auseinanderdividiert. Von Stefan Rehder

EKD-Chef Nikolaus Schneider. Foto: dpa
EKD-Chef Nikolaus Schneider. Foto: dpa

Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, hat die Äußerungen des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, zur seelsorgerischen Begleitung von Suizidwilligen scharf kritisiert. Gegenüber der „Tagespost“ sprach Algermissen am Freitag von einer „schweren Belastung für die Ökumene“. Es zeige sich einmal mehr, dass wir neben gravierenden theologischen Fragen auch auf die drängenden bioethischen Probleme unserer Zeit keine gemeinsamen Antworten mehr geben können, hob der Bischof hervor.

Katholische und evangelische Kirche seien bioethisch weiter voneinander entfernt denn je und offensichtlich nicht mehr in der Lage, in einer zunehmend gottlosen Gesellschaft gemeinsam Zeugnis für das Leben zu geben. Das habe sich bereits in der Diskussion um die embryonale Stammzellforschung oder die Präimplantationsdiagnostik gezeigt und werde nun auch in Fragen des Lebensendes deutlich. „Die Folgen sind dramatisch“, sagte Algermissen. Die Kirchen werden in entscheidenden Fragen des menschlichen Lebens politisch auseinanderdividiert.

„Das schwächt das Zeugnis der Christen und macht es politisch zunehmend bedeutungslos.“ Als Bischof, der sich dem ökumenischen Dialog seit vielen Jahren verpflichtet wisse, leide er schwer unter dieser Entwicklung.

Deutliche Kritik an Schneiders Einlassungen zur pastoralen Begleitung von Suizidwilligen übte auch der Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) Martin Lohmann: „Eine Unterscheidung zwischen christlicher Lehre und Pastoral ist schon an sich schief und schräg. Schließlich basiert die christliche Lehre auf dem geoffenbarten Gottes- und Menschenbild, dem zufolge der Mensch Ebenbild Gottes ist“, sagte Lohmann gestern dieser Zeitung. „Ein Christ hat daher niemals das Recht, sich zum Mittäter zu machen, wo es um die Verletzung der Würde eines anderen Menschen geht. Die Menschenwürde ist nicht temporär ausknipsbar“, so der BVL-Vorsitzende weiter.

Der EKD-Ratsvorsitzende hatte Anfang der Woche in seinem Jahresbericht an die EKD-Synode, die vom 1. bis 7. November in den Maritim-Hotels des Ostseebades Timmendorfer Strand stattfand, für erhebliches Aufsehen und Irritationen mit Äußerungen zur seelsorgerischen Begleitung von Suizidwilligen gesorgt. In einer mit „Gottsuche in Grenzsituationen des Lebens“ überschriebenen Passage seines Berichts betonte Schneider zunächst, Christen sollten Sterbenden Mut zuzusprechen, ihr Lebensende in Gottes Hand zu legen, sagte dann aber: „Gleichwohl wird es Situationen geben, in denen auch Christen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihnen einen mitfühlende und seelsorgerliche Begleitung nicht verweigern.“ Auf irritierte Nachfragen aus dem Kreis der Synodalen ruderte Schneider nicht etwa zurück, sondern stellte vielmehr klar: „Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig.“ Stehe es „Spitz auf Knopf“, „dann sind wir für die Menschen da und nicht für die Sauberkeit unserer Position“, so der 65-Jährige, der auch Präses der rheinischen Protestanten ist.

Am 19. November wird Schneider im „Haus der EKD“ in der Berliner Charlottenstraße zusammen mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) über einen vom Bundeskabinett verabschiedeten Gesetzentwurf diskutieren, der nur die gewerbsmäßige Förderung von Selbsttötung unter Strafe stellt. Die Veranstaltung steht unter dem Titel: „In Würde sterben – an der Hand oder durch die Hand eines anderen?“