Schwangerschaft ist keine Katastrophe

Der Staat sollte die Arbeit der Schein-Beratungsstellen überprüfen, meint die Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht, Alexandra Linder. Von Stefan Rehder

Demonstranten der Lebensrechtsbewegung

Frau Linder, am 22. September lädt der Bundesverband Lebensrecht (BVL), dessen Vorsitzende Sie sind, wieder zum „Marsch für das Leben“ nach Berlin ein. Was ist beim 14. Mal anders als sonst?

Zunächst die neue Aktualität des Themas „Abtreibung“. Durch die Debatte um den § 219a StGB wird auch wieder über diese Thematik diskutiert und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist entsprechend hoch. Das ist gut und wichtig, denn da hat sich vieles aufgestaut, was unbedingt angegangen werden muss – darunter die im Gesetz geforderte Prüfung der Entwicklung der Abtreibungszahlen, die sinkende Hilfsbereitschaft, die Konflikte der Frauen, die Arbeit der Schein-Beratungsstellen.

Der Programmablauf ist grundsätzlich so wie er sich in den letzten Jahren bewährt hat: eine Kundgebung mit interessanten Gästen und bewegenden Lebensgeschichten, danach ein Schweigemarsch durch Berlin, zum Abschluss das Angebot eines ökumenischen Gottesdienstes. In diesem Jahr haben wir außerdem mit Koenige&Priester eine sehr bekannte Band eingeladen, die zusätzlich für Aufmerksamkeit sorgt.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie in diesem Jahr?

Von der bisherigen Resonanz her sind wir sehr zuversichtlich, mindestens so viele zu werden wie im letzten Jahr. Es sind viele Sonderbusse angemeldet, wir haben zahlreiche Materialanfragen und öffentlich viel geworben. Im Augenblick hören wir öfter: Eigentlich gehe ich nicht gerne auf Demonstrationen oder eigentlich war mir das immer zu weit zu fahren, aber jetzt muss ich wirklich auch einmal kommen. Die Menschen merken, in welch’ falsche Richtung viele unserer Themen laufen, ob Abtreibung, assistierter Suizid, Organspende, vorgeburtliche Bluttests oder künstliche Befruchtung, und wollen jetzt auch selbst aktiv werden. Und da dies die einzige große zentrale Pro-Life-Demonstration in Deutschland ist, nach dem Vorbild des in vielen Ländern stattfindenden „March for Life“, ist das einfach die beste Gelegenheit, öffentlich zu zeigen, dass eine Mehrheit der Gesellschaft für jedes Leben eintritt und viele Entwicklungen für falsch hält. Gerade dieses Jahr wird genau darauf geschaut, in welche Richtung die Gesellschaft geht. Denn wir erwarten eine parlamentarische Abstimmung zum § 219a, es gibt zwei Landtagswahlen, weitere bioethische Entscheidungen kommen bald auf die politische Tagesordnung.

Mehrere Bündnisse von Abtreibungsbefürwortern haben zu Gegendemonstrationen aufgerufen und ankündigt, den Marsch zu „sabotieren“. Wie ernst nehmen Sie solche Ankündigungen?

Die Gewaltbereitschaft in diesen Kreisen ist generell hoch und wir nehmen diese jährlich gleichen Aufrufe natürlich ernst. Andererseits hat die Polizei in den vergangenen Jahren immer hervorragende Arbeit geleistet, so dass niemand gefährdet ist und wir das Ganze gelassen angehen können. Nebenbei bemerkt: Als Bürger und Wähler lohnt es sich einmal anzusehen, wer diese Bündnisse unterstützt. Das ist schon interessant. Da ist zum Beispiel ein Verein, der in der Schein-Beratung tätig ist und daher gar keine ideologisch geprägte Meinung äußern dürfte. Oder im Bundestag vertretene Parteien, die sich doch eher sachlich als polemisch mit diesen Themen auseinandersetzen sollten.

Es wird erzählt, Ihnen selbst sei einmal eine brennende Bibel vor die Füße geworfen worden?

Ja, das war 2009. Das geschah übrigens passenderweise unmittelbar vor dem August-Bebel-Platz, auf dem es schon einmal Bücherverbrennungen gab. Wäre es eine Thora oder ein Koran gewesen, hätte es mit Sicherheit einen weltweiten Aufschrei gegeben. Zu Recht: Heilige Bücher zu verbrennen, überschreitet jede Grenze des Anstands.

Nicht nur Abtreibungsbefürworter, sondern auch dem Lebensschutz Gewogene werfen Lebensrechtlern inzwischen vor, mit der neuen Rechten zu sympathisieren oder gar zusammenarbeiten. Ist dem BVL jetzt jeder recht?

Der BVL ist seit seiner Gründung überparteilich und überkonfessionell. Wenn uns Parteien, Gemeinden oder Institutionen als Fachreferenten einladen, gehört es zur unserer gesellschaftspolitischen Aufgabe, solche Einladungen auch wahrzunehmen. Die Lebensrechtsbewegung gibt es seit über 40 Jahren; in dieser Zeit haben wir uns eine große, umfassende Sachkenntnis und praktische Erfahrung in allen relevanten Themenbereichen angeeignet. Wenn Parteien auf diese fachliche Expertise zurückgreifen und unsere Anliegen aufgreifen, ist es unser Auftrag, sie zur Verfügung zu stellen, um auf die politische Debatte einzuwirken. Das tun alle Vereine und Verbände, die in solchen Feldern tätig sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir irgendeiner Partei besonders zuneigen oder mit ihr sympathisieren. Demgemäß laden wir auch, wie immer, alle Bundestags-Parteien zum Marsch für das Leben und zur Fachtagung am Tag zuvor ein.

Gestartet wurde der „Marsch für das Leben“ 2002 als „1000-Kreuze-Aktion“, als Schweigemarsch, bei dem den rund 1.000 ungeborenen Kindern gedacht wurde, die – statistisch betrachtet – pro Werktag durch Abtreibung in Deutschland ums Leben kommen. Inzwischen scheint daraus eine Bewegung geworden zu sein, die statt Trauer eine positive Aufbruchsstimmung verbreiten will oder täuscht dieser Eindruck?

Die ersten Veranstaltungen dieser Art hatten den Charakter einer Trauerfeier – für all die Kinder, die keine Trauerfeier und kein Grab bekommen haben. Die Idee kam von den engagierten Gründern des Bundesverbands, darunter Hartmut Steeb und der leider kürzlich verstorbene Manfred Libner. Dieses Gedenken und die Trauer möchten wir keinesfalls abschaffen, vor allem, weil es Teilnehmer gibt, die bewusst „ihr Kreuz“ tragen möchten. Aber Ihr Eindruck ist völlig richtig: Wir möchten den grundlegenden Gedanken der Lebensrechts-Bewegung, dass wir nämlich Positives, Menschenfreundliches vertreten, ebenso und verstärkt in die Demonstration bringen. Das wurde unter den vorigen aktiven Vorständen mit der BVL-Mitbegründerin Claudia Kaminski und danach Martin Lohmann als Vorsitzenden begonnen. Wir bauen das stetig aus. Deshalb haben wir zunehmend schöne Kinderbilder, bunte Schilder, Luftballons, T-Shirts, die diesen Pro-Life-Gedanken versinnbildlichen und zusammen mit unseren Botschaften in die Gesellschaft tragen. Auch werden wir, wie wir es im letzten Jahr erstmalig getan haben, einen Forderungskatalog aufstellen, den die Teilnehmer der Demonstration mit abstimmen können.

Es fällt auf, dass von Jahr zu Jahr der Anteil der jungen Menschen unter den Teilnehmern steigt. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Der Pro-Life-Gedanke – dass wir für etwas stehen und nicht gegen etwas. Leben bedeutet Freude, Hoffnung, Zukunft, Lebendigkeit. Wenn man dem entsprechend Ausdruck gibt, ohne die Ernsthaftigkeit zu vernachlässigen, gibt das eine gute Mischung, von der sich Alt und Jung angezogen fühlen. Hinzu kommt, dass gerade die jungen Leute, die sich natürlich intensiv mit Beziehungen und einer möglichen Familiengründung beschäftigen, die Kämpfe und Diskussionen der letzten Jahrzehnte nicht kennen und sich einfach umfassend informieren möchten. Wir werden zum Beispiel von immer mehr Schulen eingeladen, um sachlich mit den Schülern über diese Thematik zu sprechen. Jugendliche haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden – sie wollen für die Menschen auf die Straße gehen, die ungerecht behandelt werden und deren Menschenwürde nicht ausreichend berücksichtigt wird: zum Beispiel Kinder vor der Geburt, Kinder mit Behinderungen, alte und kranke Menschen. Und nicht zuletzt merken die jungen Leute, dass im gesellschaftlichen Denken etwas Grundlegendes schiefläuft: Die Meinung, eine Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes seien eine Katastrophe; man verbindet überwiegend Probleme damit. Das ist grundfalsch. Frauen, die Kinder bekommen und großziehen, leisten einen unbezahlbaren Beitrag für die Zukunft – sie verdienen höchsten Respekt und jede Unterstützung. Ihnen eine Abtreibung als „gute Lösung“ anzubieten, ist in jeder Hinsicht der falsche Weg.

Beim Kampf um den Erhalt des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a StGB) stehen Sie gegen eine parlamentarische Mehrheit von SPD, Linken, Grünen und FDP. Wie zuversichtlich sind Sie, diesen Kampf trotzdem gewinnen zu können?

Wir glauben an die Vernunft und daran, dass Abgeordnete sich mit der Lage von Frauen im Schwangerschaftskonflikt beschäftigen, statt sich von einer menschenverachtenden Ideologie beeinflussen zu lassen. Was Frauen brauchen, sind in der Tat sachliche und vor allem vollständige Informationen – in den Beratungsstellen fehlt es in der Regel nicht an Abtreibungsadressen, sehr wohl aber an Adressen von Experten, die für die umfassende Beratung wichtig sind: Spezialisten für genetische Besonderheiten, Schuldnerberatungsstellen, Hilfsstellen für Frauen in Ausbildung et cetera. Dazu sind die Beratungsstellen eigentlich laut Schwangerschaftskonfliktgesetz verpflichtet. Man sollte die aktuelle Situation nutzen, um die Beratungsstellen zu überprüfen – auch im Hinblick auf die Vorschrift, dass ihre Beratung dem Schutz des Kindes zu dienen hat. Das letztendliche Ziel der Aktivisten und einiger Parteien ist es, Abtreibung als „Frauenrecht“ zu legalisieren. Der § 219a ist nur ein Versuchsballon. Dass Abtreibung niemandem hilft und sowohl die Frauen im Konflikt als auch die Kinder im Stich lässt und damit eine Kapitulation ist, kann man in den Ländern sehen, in denen das bereits erfolgt ist: Dort steigen die Abtreibungszahlen stetig, die Hilfsbereitschaft für Frauen im Schwangerschaftskonflikt sinkt immer weiter. Ein Parlament, das allen Menschen gegenüber gerecht und menschenwürdig entscheiden möchte, muss sich sehr genau überlegen, ob es eine solche frauen- und kinderfeindliche Entwicklung in Kauf nehmen will.