„Schnittstelle“ beim Thema Integration

Der Theologe Timo Güzelmansur wird neuer Leiter der Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für christlich-islamischen Dialog. Von Anja Kordik

„Stabwechsel“ an der Spitze von Cibedo, der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle mit Sitz in Frankfurt am Main. Zum 1. Februar übernimmt der Theologe Timo Aytaç Güzelmansur die Geschäftsführung dieser Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz. „Ich bin mir des Vertrauens, das die Bischofskonferenz in mich setzt, sehr bewusst“, kommentiert Güzelmansur im Gespräch mit dieser Zeitung seine neue Aufgabe. „Ich habe schon einige Ideen im Kopf, mit denen ich die Arbeit meiner Vorgänger fortführen möchte, muss aber noch an der konkreten Ausgestaltung arbeiten.“

Informationsplattform für Christen und Muslime

Die Kernaufgabe der Fachstelle umschreibt er knapp: „Der Auftrag von Cibedo geht in zwei Richtungen: nämlich innerhalb der katholischen Kirche über den Islam in seiner Vielfalt und die Traditionen der Muslime aufzuklären, umgekehrt aber auch Muslimen Möglichkeiten zu geben, sich über den christlichen Glauben und die katholische Kirche zu informieren.“ Die Arbeit der Einrichtung reicht über den Dialog zwischen Kirchen und Vertretern islamischer Verbände hinaus weit in den gesellschaftlichen Raum hinein – Cibedo ist zu einer Schnittstelle beim Thema Integration geworden.

Der neue Geschäftsführer Güzelmansur sieht sich selbst als „Brückenbauer“ zwischen den Kulturen und Religionen: Geboren wurde der 35-Jährige in der Türkei, im heutigen Antakya, dem antiken Antiochia. Er studierte Philosophie und katholische Theologie in Augsburg und an der Päpstlichen Universität Gregoriana, war im Anschluss als persönlicher Referent des Bischofs von Anatolien tätig, ehe er 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach Frankfurt zu Cibedo kam und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main promovierte.

Bei der Gründung von Cibedo im Jahr 1978 war das Bewusstsein von der Dringlichkeit eines Dialogs trotz eines wachsenden Anteils muslimischer Bürger in der deutschen Gesellschaft noch schwach ausgeprägt. Seither hat sich vieles zwischen Christen und Muslimen verändert, wie Güzelmansur feststellt: „Die Anfänge der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle gehen ja auf den Orden der Weißen Väter zurück – es war die Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil. Mit der Konzilserklärung Nostra aetate begann eine Wende für den christlich-islamischen Dialog. Die Weißen Väter als Afrikamissionare haben damals die Zeichen der Zeit erkannt und gründeten eine Stelle zunächst in Köln, die sich mit Fragen des Islam auseinandersetzt und um Probleme von Migranten kümmert.“ Aus christlicher Perspektive ging es damals auch darum, sich der Situation der Muslime gerade im sozialen Bereich anzunehmen. Kirchliche Sozialeinrichtungen übernahmen oft die Rolle des Advokaten, um die Interessen der muslimischen Migranten bei sozial-karitativen Problemen zu vertreten. Heute habe man eine andere Situation. „Die muslimischen Mitbürger sind überall in der Gesellschaft präsent. Mittlerweile gibt es in jeder großen oder mittelgroßen deutschen Stadt eine Moschee – teilweise mit Kuppel und Minarett und nicht mehr irgendwo in den Hinterhöfen. Die Wahrnehmung der Muslime und deren Religion ist eine andere geworden, das macht sich auch an den öffentlich geführten Debatten bemerkbar.“

Heute geht es um gesellschaftlich relevante Fragen wie die der akademischen Ausbildung islamischer Religionslehrer und Theologen an deutschen Universitäten. „Diese Entwicklung schlägt sich auch im kirchlichen Leben nieder. So gibt es heute in allen westdeutschen Diözesen einen offiziellen Islamreferenten oder Islambeauftragten – auch das ein Zeichen, dass der Dialog heute mit den Muslimen auf verschiedenen Ebenen geführt wird“, erklärt Güzelmansur.

Auch durch die Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 habe das Bewusstsein von weltweiten Strukturveränderungen zugenommen. Das Schlagwort Globalisierung, lange Zeit rein ökonomisch definiert, wird zunehmend auf alle Bereiche gesellschaftlichen und kulturellen Lebens erweitert. Auf die Frage, wie weit sich diese Entwicklung in der Arbeit von Cibedo spiegelt, entgegnet der neue Geschäftsführer: „In Deutschland gibt es inzwischen nicht nur eine kulturelle Vielfalt, sondern auch eine Vielfalt der Religionen. Die globale Entwicklung bedeutet für Cibedo, dass wir uns nicht nur mit den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Deutschland befassen dürfen. Vielmehr müssen wir uns auch über Ereignisse und Entwicklungen in anderen Ländern informieren, um adäquat reagieren zu können. Es geht darum, das friedliche Zusammenleben in der deutschen Gesellschaft nicht zu gefährden.“

Ein von außen wirkendes Ereignis ist der „arabische Frühling“ und in der Folge das Erstarken islamischer Parteien in einigen Ländern. Die Vielgestaltigkeit des Islam wird hier noch einmal verstärkt deutlich. Auch der eskalierende Konflikt in Nigeria scheint den christlich-islamischen Dialog vor neue Herausforderungen zu stellen. Werden in diesem Zusammenhang neue Fragen an Cibedo herangetragen? Dazu erklärt Timo Güzelmansur: „Im sogenannten arabischen Frühling erleben wir, dass Menschen sich nicht mehr diktatorischen Regimen beugen wollen. Die aktuellen Ereignisse werden teilweise sogar schon mit der Französischen Revolution verglichen. Was nun die Tragweite dieser politischen Entwicklungen für den interreligiösen Dialog und speziell für das Dialoggeschehen in Deutschland betrifft, können wir heute noch nicht abschätzen.“

Wesentlich ist aus Sicht des Cibedo-Leiters, dass der Dialog auf theologischer Ebene fortgeführt und intensiviert wird. Dazu trägt die Einrichtung islamischer Zentren an deutschen Universitäten bei. „Es gibt verschiedenste Dialogkreise, bei denen theologische Themen häufig kontrovers, aber mit wachsendem Interesse diskutiert werden und zu denen Cibedo Beiträge liefert.

Fachstelle setzt lebensnahe Arbeitsschwerpunkte

Auch „praxisbezogene“ Arbeitsschwerpunkte – Schulungen für Erzieherinnen und Lehrer, ferner die Diskussionen um Moscheebauten in Deutschland und nicht zuletzt das Thema der interreligiösen Ehen – gehören zu den Arbeitsbereichen von Cibedo. Die Deutsche Bischofskonferenz hat beispielsweise in verschiedenen Schriften ihre Position zum Moscheebau dargelegt; von den Diözesen gibt es Handreichungen etwa zum Thema christlich-muslimischer Ehen. Einige Materialien wie die Handreichung zum Gebet bei Treffen von Christen, Juden und Muslimen sind inzwischen aktualisiert und den laufenden Entwicklungen angepasst worden. Darin zeigt sich, dass die jeweils aktuelle gesellschaftliche Entwicklung das Dialoggeschehen bestimmt.