Schlechter geht es kaum noch

Nordkorea: Nach Kim Jong Ils Tod hoffen Nachbarn auf stärkere Berechenbarkeit. Von Reinhard Nixdorf

Tausende trauern in Pjöngjang um den verstorbenen Diktator Kim Jong Il. Der Alleinherrscher regierte ein bitterarmes Land, das international isoliert ist. Foto: dpa
Tausende trauern in Pjöngjang um den verstorbenen Diktator Kim Jong Il. Der Alleinherrscher regierte ein bitterarmes Lan... Foto: dpa

Zeit seines Lebens wollte der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il sein Land zur Wirtschaftsnation machen, die es auch mit Südkorea aufnehmen konnte. Doch schlechter als jetzt kann es in Nordkorea kaum gehen, egal ob sich sein Nachfolger Kim Jong Un an der Macht hält oder nicht: Rund sechs Millionen Nordkoreaner sind nach Angaben der Vereinten Nationen von Hunger bedroht und unterernährt. Ausländische Delegationen beobachten immer wieder, wie Menschen an Straßenböschungen und Bahntrassen nach essbaren Wurzeln und Blättern suchen. Rund 430 000 Tonnen Nahrungsmittelhilfe sind nach Angaben der Weltorganisation erforderlich, um den Nordkoreanern das Überleben zu sichern.

Um mehr als zwei Drittel sank die Industrieproduktion des Landes in den vergangenen zwanzig Jahren. Deviseneinnahmen bezog Nordkorea zuletzt vor allem aus internationalem Terrorismus und Drogenhandel. Militär-Ausgaben hatten stets Vorrang: Trotz seiner hungernden Bevölkerung leistet sich Nordkorea mit über 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Armeen Asiens. Während Zehntausende an Unterernährung zugrunde gingen, zog Pjöngjang ein eigenes Atomprogramm auf. Nach Kim Jong Ils Tod hoffen die Nachbarn vor allem auf ein berechenbares Nordkorea – nicht auf die Wiedervereinigung mit Südkorea: So denkt man auch in Seoul – aller Einheits-Rhetorik zum Trotz. Bis zu neunhundert Milliarden Euro müssten aufgebracht werden, um die Einkommen im Norden wenigstens auf die Hälfte des Niveaus im Süden zu heben. Das würde den eigenen Wohlstand gefährden, fürchten viele Südkoreaner: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Südkorea mehr als siebzehnmal höher als im Norden – in Westdeutschland war dieser Wert vor der Vereinigung nur doppelt so hoch wie in der DDR.

Südkorea würde bei aller Verhärtung der Beziehungen gern eine wirtschaftliche Öffnung sehen, die die Stabilität des Nordens garantiert und dessen Wachstum fördert. Ein gemeinsames Projekt ist der Industriepark Kaesong unmittelbar an der entmilitarisierten Zone. Dort arbeiten vierzigtausend Nordkoreaner zu bescheidenen Löhnen für südkoreanische Unternehmen, an denen der nordkoreanische Staat beteiligt ist. Auch China drängt Pjöngjang zu ökonomischer Liberalisierung und befürwortet ein Ende des Atomprogramms, das aus der Sicht Pekings die Stabilität in Ostasien gefährdet. Die nordkoreanische Halbinsel aber soll geteilt bleiben. Nordkorea dient China als Puffer gegen die amerikanische Präsenz in der Region. Und Nordkorea nutzt die Rivalität der beiden Großmächte für seine Zwecke aus – etwa wenn es darum geht, sich des Beistands der Veto-Macht China im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu versichern.

Versuche Pekings, in Pjöngjang ein ihm genehmeres Regime zu installieren, sind gescheitert. Pjöngjang indes ist über solche Pläne im Bilde und misstraut auch Peking. Dennoch hält China zusammen mit Südkorea die ineffiziente nordkoreanische Wirtschaft am Leben, aus Angst vor den Flüchtlingsströmen, die ein Kollaps Nordkoreas auslösen könnte. Wesentliche Konsumgüter, vor allem hunderttausende Tonnen von Getreide und Reis sowie große Mengen Öl zu Freundschaftspreisen, kommen aus China.

Auch von einer Freundschaft Nordkoreas mit Russland kann keine Rede mehr sein, seit Moskau 1990 die Finanzhilfe strich, die die nordkoreanische Wirtschaft bis dahin am Leben gehalten hatte. Seither ist es auch mit dem öffentlichen Verteilungssystem vorbei, das jedem Nordkoreaner jahrzehntelang subventionierte Getreiderationen sicherte. Zwischen 1996 und 1997 soll es eine schwere Versorgungskrise mit einer Million Hungertoten gegeben haben. Moskau interessiert sich vor allem für das ökonomisch lohnendere Südkorea.

Immerhin verfügt Nordkorea über ökonomisches Potenzial: Das Land ist reich an Rohstoffen, die wegen der fehlenden Infrastruktur aber bislang nicht ausreichend gefördert werden konnten. Zudem könnte Nordkorea das Projekt einer Öl-Gas-Pipeline nützen, die Russland von Sibirien nach Südkorea leiten will. Denn Russland setzt bei der Entwicklung des dünn besiedelten Sibiriens auf die koreanische Halbinsel, nicht auf China oder Japan, mit dem noch immer der Streit um die Kurilen schwelt. Vielleicht könnte Russland deshalb zum Paten einer koreanischen Wiedervereinigung werden. Wenn Pjöngjang den Bogen auch künftig überspannt, könnte für die Nachbarstaaten die Wiedervereinigung mit Südkorea zum kleineren Übel werden, das dem Fortbestand dieses Regimes vorzuziehen wäre.