Schiiten rücken auf Mossul vor

Hilfsorganisationen fürchten um das Leben hunderttausender Zivilisten – Türkei ringt um ihr diplomatisches Verhältnis zu Bagdad

Die vom Iran unterstützten Milizen rüsten zum Sturm auf Mossul. Sunniten fürchten schiitische Racheakte. Foto: dpa
Die vom Iran unterstützten Milizen rüsten zum Sturm auf Mossul. Sunniten fürchten schiitische Racheakte. Foto: dpa

Mossul/Istanbul (DT/dpa) Schiitische Milizen haben westlich der nordirakischen IS-Hochburg Mossul nach eigenen Angaben mehr als 40 Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht. Sie rückten weiter an die noch von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gehaltene Stadt Tel Afar heran, wie der Parlamentsabgeordnete und Sprecher der Milizen, Ahmed al-Asadi, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur sagte. Der Einsatz der vom Iran unterstützten Milizen bei der Offensive auf Mossul ist höchst umstritten. Die Sunniten im Irak lehnen eine Teilnahme der schiitischen Gruppen an der Operation strikt ab. Viele Sunniten fühlen sich von der Mehrheit der Schiiten diskriminiert. Sie befürchten Racheakte und eine weitere Machtausdehnung der Schiiten.

Tel Afar liegt rund 70 Kilometer westlich von Mossul an einer wichtigen Verbindungsstraße nach Syrien, wo der sunnitische IS noch immer große Gebiete kontrolliert. Die Mehrheit der Einwohner der Stadt sind Turkmenen. In der Vergangenheit kam es in Tel Afar häufiger zu gewaltsamen Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten. Im Osten Mossuls gingen nach Angaben der irakischen Armee die Kämpfe zwischen Eliteeinheiten und IS-Kämpfern weiter. Zahlreiche Extremisten hätten sich in dem Ort Gogdschali in Häusern verschanzt, sagte ein Verantwortlicher des Militärs, der nicht genannt werden wollte. Die irakische Armee hatte am Dienstag erstmals seit Beginn der Offensive vor mehr als zwei Wochen Mossuls Stadtgrenze überquert.

Die Offensive auf Mossul bedroht nach Ansicht von Hilfsorganisationen das Leben von hunderttausenden Zivilisten. Nach dem Vorstoß irakischer Sicherheitskräfte auf das Stadtgebiet bereite man sich jetzt auf das Schlimmste vor, erklärte der Irak-Direktor der Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC), Wolfgang Gressmann, am Mittwoch. „Das Leben von 1,2 Millionen Zivilisten ist in großer Gefahr.“ Jetzt sei der Moment der Wahrheit gekommen. Die Hilfsorganisation Save the Children fordert einen Fluchtkorridor für die Menschen aus Mossul. Unter den 1,5 Millionen Zivilisten seien 600 000 Kinder. Da die Kämpfe zunähmen, werde es für Familien immer schwieriger, die Stadt zu verlassen. Höchst besorgt zeigt sich Save the Children auch angesichts von Berichten, die Terrormiliz IS missbrauche tausende Zivilisten als menschliche Schutzschilde. „Unschuldige Zivilisten zu schützen, muss in der Schlacht Priorität haben“, hieß es. Seit Beginn der Offensive vor mehr als zwei Wochen sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) rund 18 000 Zivilisten vertrieben worden. Der NRC warnte, die Nothilfelager in der Region füllten sich schnell. Hilfsorganisationen rechnen mit bis zu einer Million Flüchtlingen durch die Offensive.

In der Diskussion um die Stationierung türkischer Truppen in der nordirakischen Region Baschika hat die Türkei Gesprächsbereitschaft signalisiert. „Das waren Spannungen, die nicht hätten sein sollen, aber wir setzen unsere diplomatischen Bemühungen fort, um das in Ordnung zu bringen“, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Mittwoch vor Journalisten im südtürkischen Antalya. In der Region Baschika im Irak sind türkische Soldaten stationiert, die dort Kämpfer der kurdischen Peschmerga und sunnitische Milizen ausbilden. Die Militärpräsenz hatte das türkisch-irakische Verhältnis zuletzt belastet. Bagdad fordert den Abzug der Truppen, Ankara lehnt das ab. Cavusoglu drückte aber auch seinen Unmut über die Präsenz der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK im Irak aus. Seit Jahren „besetze“ die PKK irakischen Boden, meinte Cavusoglu. „Du schaffst es nicht, eine Terrororganisation zu bekämpfen, du bist schwach“, sagte er an die Adresse Bagdads. Das Hauptquartier der PKK liegt in den nordirakischen Kandil-Bergen. PKK-Kämpfer sind außerdem im Sindschar-Gebirge präsent. Im eigenen Land geht die Türkei mit einer Militäroffensive gegen die PKK vor.