„Schande“ rufen sie auf der Straße

Die russische Punkband „Pussy Riots“ ist schuldig gesprochen worden – Lange Zeit stand die russische Kulturelite dem Prozess passiv gegenüber. Von Moritz Gathmann

Abgekartetes Spiel: Das Gerichtsverfahren gegen die drei jungen Frauen der Punkband „Pussy Riots“ war nach Meinung der Anwälte und vieler Oppositioneller aus dem Kreml „bestellt“. Foto: dpa
Abgekartetes Spiel: Das Gerichtsverfahren gegen die drei jungen Frauen der Punkband „Pussy Riots“ war nach Meinung der A... Foto: dpa

Als die Richterin am Freitag um kurz nach 15 Uhr mit der Urteilsverkündung beginnt, kann man von der Straße die Rufe „Pasor, Pasor“ hören. „Schande“ schimpfen die mehreren hundert Demonstranten, die sich hinter den Absperrgittern drängen, als ein Polizeibus davonfährt: Darin einige junge Pussy-Riot-Unterstützer, die die Polizei kurz zuvor festgenommen hatte. Die drei jungen Frauen stehen in ihrem braunen Metallkäfig und lächeln trotz der Handschellen an den Händen selbstbewusst. Die braunhaarige Nadjeschda Tolokonnikowa, inzwischen zu einer weltweiten Ikone des Widerstands gegen Wladimir Putin geworden, trägt ihr blaues T-Shirt mit der Aufschrift „No pasarán“ und einer gelben geballten Faust. Die drei lächeln noch, als nach wenigen Minuten klar wird, dass die Richterin die Frauen nicht freisprechen wird: Pussy Riot hätten „den Stellenwert des orthodoxen Glaubens angegriffen“ und „deutlich ihren Hass gegenüber religiösen Anzeichen“ zum Ausdruck gebracht.

Alles hatte mit dem Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale am 21. Februar begonnen: Fünf junge Frauen in bunten Häkelmasken stellten sich da vor der Ikonostase des prächtigen Gotteshauses im Zentrum Moskaus auf und sangen ihr „Punkgebet“: „Muttergottes, vertreibe Putin.“ Der später zu einem millionenfach angeklickten Videoclip verarbeitete Auftritt war nach Darstellung der Frauen ein Protest gegen die immer enger werdende Verzahnung von orthodoxer Kirche und russischem Staat. Die Staatsanwaltschaft dagegen erkannte einen Fall von Rowdytum und warf den jungen Frauen als Motiv religiösen Hass vor.

Fünf Monate verbringen die jungen Frauen, zwei von ihnen Mütter von kleinen Kindern, in Untersuchungshaft. Am 30. Juli beginnt endlich der Prozess. Die Angeklagten bitten um Entschuldigung, sollten sie jemandes religiöse Gefühle verletzt haben, beteuern aber, dass die Aktion in erster Linie politisch gewesen sei. Der Staatsanwalt dagegen versucht zu beweisen, dass es gerade Ziel der jungen Frauen gewesen sei, die religiösen Gefühle der gläubigen Menschen zu verletzen. Vor Gericht treten mehr als ein Dutzend „Geschädigte“ auf: Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Kathedrale und Kerzenverkäuferinnen beschwören mit zitternder Stimme, welchen moralischen Schaden sie durch die Gotteslästerung der jungen Frauen erlitten hätten. Das Gerichtsverfahren, nach Meinung der Anwälte und vieler Oppositioneller aus dem Kreml „bestellt“, ist ein abgekartetes Spiel: Nachfragen der Pussy-Riot-Anwälte lässt die Richterin oft nicht zu, dafür zieht sie den Prozess im Rekordtempo durch, an manchen Tagen bis spät abends. Nach nur einer Woche ist der Prozess beendet, und der Staatsanwalt fordert für die jungen Frauen jeweils drei Jahre Gefängnis und bleibt damit unter der maximal möglichen Strafforderung von sieben Jahren. Viele zeigen sich überrascht, als die Richterin am darauffolgenden Tag die Urteilsverkündung auf die nächste Woche verschiebt. Wie in früheren Gerichtsfällen – etwa dem gegen die Kunstkuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow – gibt es offenbar im Hintergrund ein Tauziehen über die Höhe der Strafe.

Kaum ein Fall der letzten Jahre hat dem Bild Russlands im Ausland derart geschadet: Bei Konzerten in Moskau solidarisierten sich Madonna sowie die Sänger der Gruppen Red Hot Chilli Peppers und Faith no More mit den Frauen. In Deutschland, den USA und einer Reihe anderer Länder bildeten sich Gruppen, die mit Protestaktionen Solidarität mit den Inhaftierten demonstrierten. Selbst der deutsche Außenminister Guido Westerwelle erklärte am Dienstag, dass er den Prozess um die Punkband „sehr aufmerksam“ verfolge und rief Russland dazu auf, die Freiheit der Kunst zu schützen.

In Russland selbst hat die staatliche Propagandamaschine die öffentliche Meinung geprägt: Direkt nach der Inhaftierung der jungen Frauen folgte eine hetzerische Kampagne im Staatsfernsehen, in der die jungen Frauen als von Dämonen besessen oder von dunklen Hintermännern gesteuert dargestellt wurden. Der politische Kontext des Punkgebetes wurde völlig ausgeklammert, im Vordergrund stand die angebliche Gotteslästerung. Die Berichterstattung über den Prozess selbst ist dagegen relativ nüchtern und knapp. Eine am Freitag veröffentlichte Lewada-Umfrage bewies den Erfolg der staatlichen Medienstrategie: 44 Prozent der Befragten bewerteten den Prozess als objektiv, nur 17 Prozent sprachen dem Gericht ihr Misstrauen aus.

Am Freitag kamen auch viele Vertreter der russischen Kultur wie die Schauspielerin Tschulpan Chamatowa („Goodbye, Lenin“) oder der Schriftsteller Boris Akunin zum Gericht, um ihre Unterstützung für „Pussy Riot“ zu demonstrieren. Lange Zeit hatte die russische Kulturelite sich gegenüber dem Fall passiv verhalten. Akunin war es, der im Winter zu einem der Anführer der Proteste avanciert war und der nun im Juli mit einem offenen Brief das Kulturestablishment aufrief, zum Gericht zu kommen und Position zu beziehen. „Ich bin kein Anhänger von Punk, denn er existiert ja gerade dazu, das konservative Establishment zu provozieren, zu dem ich gehöre.“ Deshalb habe er auch die Tänze und das Geschrei in der Kirche abgelehnt. Dennoch könne er nicht zusehen, wie die „plumpe, mit Klauen besetzte Staatsmaschinerie rachsüchtig drei junge Rowdys zerreißt.“

Zuvor hatten Akunin und fast 200 seiner Kollegen, die meisten davon Schauspieler und Regisseure, ihre Unterschrift unter einen Protest-Brief gesetzt. Dieser war allerdings folgenlos geblieben. Eine Reihe russischer Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch gegenüber dem Putin-Regime geäußert, offene Briefe für die Freilassung von Michail Chodorkowskij formuliert oder an Demonstrationen teilgenommen. Für großes Aufsehen sorgte etwa der Auftritt der 55-jährigen Rocklegende Juri Schewtschuk im Jahr 2010, der den damaligen Premierminister Putin bei einem Festbankett auf den Kopf zu fragte, ob er ehrlich eine Liberalisierung und Demokratisierung des Landes anstrebe. Putin reagierte damals mit der Gegenfrage: „Entschuldigen Sie bitte, wie heißen Sie?“

Die Proteste der Kulturschaffenden bleiben jedoch meist folgenlos: Sachar Prilepin, einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren, der selbst zur radikalen Opposition gehört, hat diese Sinnkrise am Beispiel der Schriftsteller in einem Aufsatz beschrieben: „Während der 200 Jahre, die säkulare Literatur in Russland existiert, haben Schriftsteller und Vertreter des Regimes sich gegenseitig angezogen und abgestoßen. Es gab immer Austausch zwischen den beiden Seiten, und die Diskutanten befanden sich auf einer Ebene, sogar wenn die Letzteren die Ersten physisch auslöschten.“ Heute sieht Prilepin einen qualitativen Wandel: Das Regime sehe Literatur und Kunst im allgemeinen nicht mehr als etwas an, das dem Leben einen Sinn gebe und deshalb relevant für die Regierungspraxis sein könne. „In unserer Art von Demokratie kann man sagen was man will, über sich selbst, über das Land, über die Zukunft oder das Regime“, schreibt Prilepin, aber schließt desillusioniert: „Das Problem ist, dass das jenen, die oben sitzen, völlig egal ist.“

Die harte Reaktion auf den Auftritt von „Pussy Riot“ erklärt Andrej Jerofejew, der als Kurator für zeitgenössische Kunst 2010 selber für „Aufstachelung zu religiösem Hass“ zu einer Geldstrafe verurteilt wurde: Das Regime sei erschrocken vor dem Auftritt von „Pussy Riot“, weil sie den üblichen Rahmen der Performance eines Künstlers gesprengt hätten: „Drei junge Frauen rufen im Namen des Volkes die Gottesmutter an, Putin zu vertreiben. Das Video haben innerhalb weniger Wochen mehrere Millionen Menschen gesehen.“ Wer heute in Russland bei einer Suchmaschine „Gottesmutter“ eingebe, der liest als erstes: „Vertreibe Putin.“ „Pussy Riot“ haben den Raum der Kunst verlassen und sind in den Raum der Kirche eingedrungen. Und eben diese Entgrenzung der Räume hat die Kirche und den Staat so provoziert“, sagt Jerofejew.