Russland streitet um den Hitler-Stalin-Pakt

Putin bezeichnet ihn als unmoralisch, aber Medwedjew wettert gegen „Geschichtsklittereien“, die die beiden Diktatoren auf eine Stufe stellen

Die Feierlichkeiten in Danzig zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren enthüllten im Hintergrund einiges an Unversöhntem. Nur Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte für sich in Anspruch nehmen, uneingeschränkt Deutschlands Schuld an der Katastrophe bekannt und damit zur dauerhaften Verständigung zwischen den einstigen Feinden beigetragen zu haben. Erstaunliches verlautete vom russischen Premierminister Wladimir Putin. Seine Rede auf der Westerplatte, von der ein Eklat wie in seiner Münchener Rede befürchtet worden war, war freundlich gegenüber Polen, aber vorausgegangen war sein kurz zuvor in der „Gazeta Wyborcza“ veröffentlichter Artikel, der als „Brief an die Polen“ betitelt, den Hitler-Stalin-Pakt als unmoralisch bezeichnete.

Das war bemerkenswert, denn indirekt beinhaltete das eine Kritik Stalins. So etwas öffentlich zu äußern, ist zurzeit in Russland inopportun. Jene Periode nach dem XX. Parteitag, auf dem Chruschtschow die Verbrechen des Diktators anprangerte und damit in der Folge das „Tauwetter“ einläutete, sind längst verflossen. Damals hatte so etwas wie eine Aufarbeitung des GULAG-Systems begonnen, war aber im Sumpf der Parteienwirtschaft im Laufe einiger Jahre erstickt. Jetzt erblüht der Stalin-Kult neu im Zuge einer patriotischen Bewegung, die längst in extremen Nationalismus eskaliert ist. Der Stalinismus wird dabei ausgeklammert. Von Schauprozessen, Genickschüssen in den Kellern der Lubjanka und dem, was Solschenizyn in seinen Büchern beschreibt, wird nicht geredet. Stalin ist in den Glorienschein des „Siegers über Hitler-Deutschland“ getaucht, in gewissem Sinne sakrosankt.

Vom Hitler-Stalin-Pakt, am 23. August 1939 von den Außenministern von Ribbentrop und Molotow unterschrieben – samt dem Geheimen Zusatzprotokoll, das Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufteilte –, war immer nur als notwendiger Schritt zum Sieg gesprochen, Stalins politischer Weitsicht zugeschrieben worden. Den Pakt auch nur als „unmoralisch“ zu bezeichnen, bricht ein Tabu. Ebenso das Eingeständnis der Morde von Katyn an 20 000 polnischen Offizieren, die auf Anweisung Stalins erfolgten. Nach offizieller sowjetischer Lesart wurden die Verbrechen der deutschen Wehrmacht zugeschrieben; eine Version, die bisher nicht offiziell korrigiert worden ist. Auch „Katyn“ ist nach wie vor ein Tabu-Thema, das Putin nun nicht nur offen angesprochen, sondern auch die Verantwortung dem sowjetischen Geheimdienst zugeschrieben hat. Wenn er in dem Artikel und später auf der Westerplatte seine Positionen mit einigen Ausweichungen und Erklärungen abschwächte, bleibt die Tatsache, dass Stalins seit einiger Zeit wieder aufgeputzter Glanz leicht angekratzt wurde.

Es kann sein, dass sich Artikel und Rede innenpolitisch auswirken. Schon sind in der Moskauer Metro, diesem Pseudopalast für die Werktätigen, bei Renovierungsarbeiten Stalin-Zitate in neuem Glanz erstanden; schon wird gefordert, das Denkmal des Schöpfers des Geheimdienstes, Dserschinskij, vor der KGB-Zentrale wieder aufzustellen. In der Zeit der Gorbatschowschen Perestrojka war die Figur von einer wütendenMenge gestürzt worden. Sollte dieser Trend auch nur durch Putins Auftreten gebremst werden, würde einer unguten Entwicklung in der russischen Gesellschaft zumindest Einhalt geboten werden. Noch ist Putins Einfluss in der Bevölkerung groß, noch immer steht er in der Beliebtheitsskala vor dem neuen Präsidenten.

Putins Vorpreschen ist wohl kaum ohne Absprache mit Medwedjew erfolgt. Allerdings hatte dieser in einem Fernsehinterview zwei Tage vor dem Gedenken in Danzig gegen „Geschichtsklittereien“ der Parlamentarischen Versammlung der OSZE gewettert. Das Gremium hatte in einer Resolution am 23. August, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, der Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus gedacht und somit Stalin in eine Linie mit Hitler gesetzt. Dies ist nach Auffassung des russischen Präsidenten nicht hinnehmbar. Etwaige historische Verzerrungen dürften keinesfalls in Geschichtsbüchern erscheinen, schon gar nicht in Schulbüchern. Ob nun Putins zwar verhaltene, aber immerhin deutliche Kritik an Stalins Vertragsabschluss 1939 von Medwedjew gebilligt oder ein Alleingang war, ist natürlich nicht zu eruieren, könnte sich aber in den Auswirkungen in nächster Zeit erschließen. Vielleicht wollte ja Putin nur sein Image im Westen ein bisschen aufpolieren – vielleicht aber wollte Medwedjew auch nur seine Eigenständigkeit als Präsident gegenüber seinem Regierungschef einmal mehr demonstrieren. Jedenfalls hat keiner von beiden durch einen Eklat die Ausrichtung auf Versöhnung gestört. Und das ist bei der Zusammensetzung der Feiernden schon als Erfolg zu bewerten.