„Russland soll wieder Weltmacht sein“

Präsident Putin versuche, Moskau als Schutzmacht aller Orthodoxen zu präsentieren, sagt die Osteuropa-Expertin Alena Alshanskaya. Von Stephan Baier

Patriarch Kirill und Präsident Putin
Wladimir Putin – hier mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill – benutzt eine religiöse Sprache für seine politische Macht. Foto: dpa
Patriarch Kirill und Präsident Putin
Wladimir Putin – hier mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill – benutzt eine religiöse Sprache für seine politisc... Foto: dpa
Frau Alshanskaya, 1991 dachten viele in Europa, mit dem Ende der Sowjetunion würden die Werte und Ideale Europas auf dem ganzen Kontinent Platz greifen. In Russland scheint es aber heute eine andere Idee von Fortschritt zu geben. Welche gesellschaftliche Vision hat Präsident Putin?

Wladimir Putin versucht sich als Verteidiger der christlichen beziehungsweise traditionellen Werte zu positionieren, um aus der internationalen Isolation herauszukommen, in die er geraten ist. Zudem stellt er Russland als global agierende Großmacht vor. Russland soll wieder eine Weltmacht sein, das ist das Ziel seines Handelns und seine Vorstellung vom Fortschritt.

Einerseits wird vieles aus der Sowjet-Ära rehabilitiert, andererseits gibt sich Wladimir Putin auch als Erbe der Zaren, also einer tieferen Schicht russischer Geschichte.

In den 1990er Jahren gab es ein ideologisches Vakuum in der russischen Gesellschaft. Putin schlug einen restaurativen Kurs ein, förderte die Nostalgie nach dem alten russischen Reich. Dann erst wurde in diesen Diskurs auch die Sowjetunion aufgenommen, obwohl darin zweifellos ein innerer Widerspruch besteht. Beide Imperien werden in den eigenen geschichtspolitischen Diskurs integriert. Seit einigen Jahren greift man nun noch tiefer in der Geschichte zurück und präsentiert Russland auch als Erbe des Byzantinischen Reiches: Moskau wird als „drittes Rom“ dargestellt. Der russisch-orthodoxe Bischof Tichon Schevkunov, der als Beichtvater des Präsidenten gilt und von manchen als „Rasputin von Putin“ bezeichnet wird, hat 2008 – pünktlich vor den Präsidentschaftswahlen – einen Film im russischen Staatsfernsehen präsentiert, der Parallelen zwischen Byzanz und Russland zieht. Der Film „Der Untergang des Imperiums“ ist eine Mahnung an das russische Volk, dass Russland ohne starke Macht das gleiche Schicksal teilen würde wie das Byzantinische Reich.

Hat diese Parallele nicht Tradition? Mit dem Fall von Byzanz 1453 beanspruchte Moskau doch, als „drittes Rom“ Führungsmacht der orthodoxen Welt zu sein.

Im 16. bis 18. Jahrhundert war dieses Bild kaum präsent. Die damaligen Herrscher stellten sich nicht als Erben von Byzanz dar. Die Geschichtsschreibung bis Ende des 19. Jahrhunderts konnte die Geschichte Russlands ganz ohne Byzanz erzählen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das byzantinische Erbe als Argument für Begründung der russischen außenpolitischen Ansprüche im Osten zum ersten Mal herangezogen. Jetzt wird dieser byzantinische Diskurs wiederum aktiviert, wenn auch mit anderen Zielen. Vor zwei Jahren wurde in Moskau unter Teilnahme prominenter Politiker Russlands ein „Byzantinischer Klub“ gegründet, der jetzt international agiert und seine Aufgabe in der Akzentuierung der Rolle Russlands als Nachfolger der großen oströmischen Zivilisation auf der internationalen Bühne sieht. Daran nehmen die professionellen Byzantinisten aktiv teil, auch der Dekan der Historischen Fakultät der Moskauer staatlichen Universität. So stellen sich die wissenschaftlichen Eliten in Russland in den Dienst der vom Staat betriebenen Geschichtspolitik und stellen die Glaubwürdigkeit der Byzanzforschung als wissenschaftlicher Disziplin infrage.

Welches Narrativ steht hinter dieser Deutung der Geschichte?

Es geht um eine Umdeutung der byzantinischen Zivilisation, letztlich um eine Ausweitung des russischen Einflussbereichs auf den Raum des Byzantinischen Reichs durch die Konstruktion einer vermeintlichen Nähe dieser Länder zu Russland. So wird durch solche quasi-historische Argumentation der Nahe Osten zu einer Interessenssphäre Russlands erklärt.

Putin arbeitet offenkundig auch am russischen Einfluss in Ländern, in denen es gar keine Russen gibt, aber orthodoxe Mehrheiten – etwa auf dem Balkan. Dient der orthodoxe Glaube hier als Vehikel für eine politische Strategie?

Auf jeden Fall. Man versucht, sich als Schutzmacht aller Orthodoxen darzustellen. Nicht nur auf dem Balkan, sondern zum Beispiel auch in Syrien. Es gibt das Konzept einer „orthodoxen Zivilisation“, das politische Funktion hat. Putin benutzt die religiöse Sprache für seine politische Macht. Man sollte ihn aber strategisch nicht überschätzen. Ich glaube, dahinter steht kein geschlossenes Konzept, denn Putin lässt sehr unterschiedliche Varianten zu, um sich aus der ganzen Palette des ideologischen Vorrats nach Belieben zu bedienen. Er hat keine durchdachte Ideologie, sondern agiert sehr situativ.

Beansprucht das Moskauer Patriarchat – parallel zur Politik – eine Art Führungsrolle in der orthodoxen Welt?

Die russisch-orthodoxe Kirche ist die größte orthodoxe Kirche und sieht sich zur Führung berufen. Die Probleme zwischen dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und dem Moskauer Patriarchat sind besonders auf der europäischen Ebene offensichtlich geworden. Bezogen auf ein Treffen im Rahmen des Dialogs zwischen den orthodoxen Kirchen und der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) sagte Moskau vor einigen Jahren, der Ökumenische Patriarch habe nicht das Recht, die ganze orthodoxe Welt zu vertreten. Das Ökumenische Patriarchat beansprucht, die Orthodoxen in allen nicht-orthodoxen Ländern zu repräsentieren, aber die russische Orthodoxie sieht das ganz anders. Moskau versucht, die ganze russischsprachige Bevölkerung in der Welt unter seine Obhut zu bekommen und somit ebenfalls als eine globale Kirche zu agieren.

Nach dem Treffen von Patriarch Kyrill mit Papst Franziskus auf Kuba haben einzelne russische Priester ihren Patriarchen nicht mehr im Hochgebet genannt, also die liturgische Gemeinschaft aufgekündigt. Wie ökumenisch ist die russische Orthodoxie? Gibt es bezüglich der Ökumene da mehrere Fraktionen oder Flügel?

Es gab keinen innerkirchlichen Konsens für dieses Treffen. Nach dem ekklesiologischen Selbstverständnis der Orthodoxie konnte der Patriarch die Entscheidung für eine solche Begegnung nicht alleine treffen, doch bei der Bischofssynode unmittelbar vor der Kuba-Reise war davon keine Rede gewesen. Es gibt Hinweise, dass viele orthodoxe Bischöfe überhaupt nichts davon wussten. Nach der Begegnung von Havanna gab es zahlreiche anti-ökumenische und anti-katholische Stimmen, offene Briefe und demonstrative Austritte. Manchen sprachen von einem Verrat des Patriarchen. Die anti-ökumenischen Kräfte sind sehr aktive Gläubige, die man nicht einfach abtun kann. Kyrill hat sich aber im Heiligen Synod gut abgesichert: Er hat in den letzten Jahren viele neue Bischöfe bestellt, die überwiegend jung und unerfahren sind – und dem Patriarchen treu. 2009 gab es etwa 150 Bischöfe, jetzt mehr als 300.

Warum kam es zu dieser Begegnung?

Persönlich bin ich der Meinung, dass die politischen Verhältnisse ausschlaggebend waren. Die Begegnung hat zur Verbesserung des Images Russlands beigetragen. Russland und die russische Orthodoxie konnten sich als globale Akteure darstellen und als Beschützer der Christen im Nahen Osten inszenieren. Der Kreml hat dieses Treffen sicher mitbestimmt. Generell finde ich, dass man auf beiden Seiten dieses Treffen überschätzt hat – weder hat es den Christen im Orient geholfen noch wurden die anti-katholischen Ressentiments in der russischen Orthodoxie stiller. Der Patriarch hat später einen Versuch unternommen, dieses Treffen bei den eigenen Gläubigen zu rechtfertigen, indem er es als notwendig für die Absprache über die Reise der Nikolausreliquien gerechtfertigt hat. Eine Reise des Papstes nach Russland mit freier Programmgestaltung, das wäre ein Zeichen, dass die russische Kirche in Rom keinen Rivalen mehr sieht.

Wie steht die Spitze der russischen Orthodoxie – Patriarch Kyrill und sein Außenamtschef, Metropolit Hilarion – zur Ökumene mit der katholischen Kirche?

Sie sind nicht wirklich an theologischen oder ekklesiologischen Dialogen interessiert. Metropolit Hilarion spricht von einer strategischen Allianz. Er plädiert dafür, die theologischen Fragen beiseite zu legen und sich auf die angeblich gemeinsame Sozialethik zu konzentrieren. Hilarion will eine Institutionalisierung und sucht nach einem starken Partner in Europa, um gemeinsame Positionen in Brüssel zu vertreten. Für die russisch-orthodoxe Kirche ist es wichtig, von den Akteuren in Europa als wichtiger Partner anerkannt zu werden. Das hilft ihr wieder in Russland.

Ist das Europa-Bild der russischen Orthodoxie durch eine weltanschauliche Brille geprägt?

Da wird eine Karikatur Europas gezeigt: Es geht nur um Säkularismus, Liberalismus, Relativismus, aber man macht sich keine Mühe, die Argumentation der Gegenseite zu verstehen, etwa wie man die Werte Europas wie Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit in Europa definiert. Es werden lediglich Kampfbegriffe konstruiert und mit allen möglichen negativen Konnotationen gefüllt.

Die Dekadenz Europas wäre wohl leichter zu kritisieren, wenn in Russland selbst Kriminalität und Korruption geringer, die Familien stabiler und die Abtreibungsraten niedriger wären.

Patriarch Kyrill meinte einmal, man spreche nicht vom „heiligen Russland“, weil wir so heilig sind, sondern weil wir nach höheren Idealen streben. Moskau sagt, mit den europäischen Menschenrechten werde erstmals die Sünde gerechtfertigt und ein unmoralisches Verhalten nach Russland exportiert. Diese pauschale Kritik an Europa sollte man nicht unbeantwortet lassen.

Trägt die heute wieder freie und privilegierte russische Orthodoxie zur Genesung der russischen Gesellschaft, die unter 75 Jahren Kommunismus zur leiden hatte, bei?

Die Jahrzehnte des Kommunismus werden nicht mehr als Leidensgeschichte artikuliert, und wenn, dann in Bezug auf einzelne Momente der Kirchenverfolgung, aber immer mit Vorbehalt – sonst lief alles prächtig. Die offizielle Kirchenführung ist weniger an Neu-Evangelisierung oder Mission interessiert als an einer VIP-Christianisierung, also an der Kooperation mit der politischen Bürokratie und sonstigen Eliten. Dass aber die breiten Schichten der russischen Bevölkerung den orthodoxen Glauben als Mittel für die Bewältigung der äußeren und inneren Krisenzustände und zur persönlichen Identitätsstiftung wahrnehmen, ist unumstritten.