Rule Britannia...

Vom geopolitischen Nutzen Großbritanniens für das vereinte Europa. Von Jürgen Liminski

Premierminister David Cameron wirbt für den Verbleib Londons in der EU. Foto: dpa
Premierminister David Cameron wirbt für den Verbleib Londons in der EU. Foto: dpa

Alle reden vom wirtschaftlichen Schaden für beide Seiten des Ärmelkanals, sollten die Briten tatsächlich die EU verlassen. Das ist natürlich richtig und damit argumentieren auch die „Remainers“ um Cameron. Business war schon immer eine entscheidende Größe bei den Angelsachsen. Aber der politische Schaden wäre deutlich größer. London ist nicht nur eine der einflussreichen G7-Nationen, sondern auch permanentes Mitglied im UN-Sicherheitsrat, hat über das Commonwealth Beziehungen rund um den Erdball und nach wie vor exzellente Beziehungen in den Krisenherd Nummer eins, den Nahen Osten.

Rule Britannia, rule the waves – Herrsche Britannien, beherrsche die Wellen – diese inoffizielle Nationalhymne, die von britischen Fußballfans gern gesungen wird, zeigt, wie es um das imperiale Gemüt der Seemacht Britannien bestellt ist. Das insulare Denken ist auch mit dem Andocken an Europa in 40 Jahren nicht vergangen, es war nur eine Verankerung vor dem Kontinent. Gerade das hat der EU im Gespann mit Frankreich ein globales Gesicht gegeben. Die Kontinentalmacht Deutschland hat das nie richtig verstanden. „Die Briten sind jeder für sich eine Insel“, meinte der Frühromantiker Novalis. Das Denken der Seemacht, geformt in Jahrhunderten und speziell im neunzehnten, dem „imperialen Jahrhundert“ zwischen Trafalgar und Skagerrak, ist tief im kollektiven Gedächtnis und Fühlen der Briten eingeätzt. Napoleon wurde besiegt, die Deutschen wurden besiegt – auf See. Gegen beide Nationen hielten die Briten auch bei der Kontinentalsperre stand, was die Gewissheit verstärkte, wir können auch ohne die. Die Wellen der Welt sind unsere Sache. Dieses Denken ist bei aller Inselhaftigkeit ein weltoffenes Denken. Das braucht Europa, wenn es sich global behaupten will.

Dieses Denken ist auch nach 1945 nicht verblasst. Die Briten beziehen einen Gutteil ihrer Identität aus dem Gegensatz zum Kontinent. Unzählig sind die Scherze zwischen den Europäern, die keinen anständigen Tee haben, und den Briten, die kein anständiges Brot kennen. Auch das ist Teil der europäischen Vielfalt, zu der die Briten gehören, ob als Mitglied der EU oder nur als Partner auf dem Niveau der Türken. Außenpolitisch wäre der Ausstieg ein herber Verlust. Zwar hat London in Krisenzeiten meist als splended isolated country gehandelt und das endlose Palaver auf dem Kontinent nur notdürftig begleitet. Aber eine gemeinsame Verteidigung und Außenpolitik ohne die Briten käme doch wie ein gerupfter Hahn daher. Beispiel Nahost: Der Oman ist ruhig, auch dank diskreter Waffen- und Geheimdiensthilfe der Briten für den Sultan in Muskat. Gemeinsam wacht man über die Meerenge von Hormus, durch die die wichtigste Ölroute der Welt führt. Schon in der Nachbarschaft, im Jemen, herrscht Chaos, seit die Briten dort weg sind. Saudis und Ägypter sind nicht in der Lage, das Land zu befrieden oder wenigstens die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zu bringen.

Bei vielen Seewegen, Kanälen und Meerengen wachen die Briten, meist mit den Amerikanern, diskret über das reibungslose Funktionieren der Schleusen und das geordnete Befahren der Seerinnen. Ebenso diskret wacht London über die Wellen im Äther. Freilich nicht nur, damit Mail- und Telefonverkehr nicht gestört werden und die Finanzmärkte in gewohnter Hektik das Geld rund um den Erdball jagen können. Das geschieht grenzenlos. Ebenso grenzenlos, auch im juristischen Sinn, verfolgt man andere Bewegungen und Gespräche. Um die amerikanische NSA wird viel Aufhebens gemacht. Über die britische Abhörmaschinerie, die ebenso effizient sein soll, liest man wenig. Dieses Überwachen aber ist lebensnotwendig für Europa. Das globale Auge der Briten ist angesichts der Bauchnabelschau vieler Europäer, insbesondere der Deutschen, eine notwendige Ergänzung in vielerlei Hinsicht: Sicherheitspolitisch, wirtschaftspolitisch und handelspolitisch auch. Selbst das ebenfalls vom Pragmatismus durchwobene Rechtsdenken kann manche regulatorischen Auswüchse der Brüsseler Bürokratie korrigieren. Andererseits ist auch klar, dass die Briten Europa brauchen. Das Imperium ist vergangen und der Blick in die weite Welt nutzt nichts, wenn der Partner direkt vor der Nase steht. Die Verflechtungen mit den ungeliebten Kontinentaleuropäern sind zu eng.

Die Brexit-Kampagne lebt von Emotionen und Mythen. Das gehört sicherlich zum Menschen, egal, wo er lebt. Aber auch das ist britisch: Die Emotionen gehören geregelt, Formen und Traditionen halten Emotionen im Zaum, geben ihnen ein enges Korsett. An erster Stelle steht das Nützlichkeitsdenken. Emotionen sind in Funktion dazu zu sehen. Es ist für eine Zeitung wie die „Sun“ nützlicher, für den „Brexit“ zu schreiben. Das ist interessanter und erhöht die Auflage – risikolos. So werden viele Briten, wahrscheinlich die Mehrheit von ihnen, denken. Man ist interessanter, wenn man Mythen und Gefühle in Worte kleidet. In der Wahlkabine aber regiert dann meistens doch die wortkarge Vernunft.