Reproduktion geht auch katholisch

„Woche für das Leben“: Wer ungewollt kinderlos ist, muss nicht künstlich befruchten – Natürliche Methoden sind oft erfolgreicher und nachhaltiger. Von Elisabeth Steinmann

Der katholische „way of life“: Kinder sind Geschenke, nicht etwas, das Paare machen (lassen). Unser Bild zeigt einen Ausschnitt des Plakats der „Woche für das Leben 2017“. Foto: Archiv
Der katholische „way of life“: Kinder sind Geschenke, nicht etwas, das Paare machen (lassen). Unser Bild zeigt einen Aus... Foto: Archiv

Lässt sich ein unerfüllter Kinderwunsch wirklich mit einem Husten vergleichen? Muss er ungewollt kinderlose Paare nicht verletzen? Medizinisch betrachtet hinkt das überraschende Beispiel, welches Dr. Susanne van der Velden von der Fertilitätsklinik in Kleve präsentiert, jedoch keineswegs. Denn Husten, den jeder von uns kennt, ist eine Antwort des Körpers auf einen bestimmten Reiz, hinter dem sich verschiedene Ursachen verbergen können: von der banalen Erkältung bis zum bösartigen Tumor. Niemand würde auf die Idee kommen, alle Ursachen des „Symptoms Husten“ mit derselben Therapie behandeln zu wollen.

In der Reproduktionsmedizin wird jedoch genau das seit Jahrzehnten praktiziert. Wenn Maßnahmen zur Verbesserung der Fruchtbarkeit wie beispielsweise Überprüfung der Eileiter, Gabe von Mitteln, die den Eisprung unterstützen oder auch Insemination durch den eigenen Gynäkologen nicht helfen, folgt in der Regel die künstliche Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation): Der normale Zyklus der Frau wird ausgeschaltet und durch einen künstlichen ersetzt. Man beseitigt das „Symptom unerfüllter Kinderwunsch“ unabhängig von der Ursache des Fruchtbarkeitsproblems. Nach Überstimulation der Frau werden die Eizellen operativ entnommen, mit der Samenzelle unter Laborbedingungen zusammengeführt und die entstandenen Embryonen nach kurzer Bebrütung in die Gebärmutter implantiert. Mit dieser Art „Bypass“ umgeht der Mediziner alle tatsächlichen Ursachen der Infertilität.

Dabei liegen die körperlichen Ursachen – entgegen des verbreiteten Vorurteils, Unfruchtbarkeit sei eher eine Sache der Frauen – in etwa zu gleichen Teilen bei den Geschlechtern: zwischen 30 und 40 Prozent. In rund 15 bis 30 Prozent handelt es sich um kombinierte Ursachen beider Partner. Bei den Männern ist es meist die schlechte Qualität der Spermien – zu wenig, fehlgebildet oder nicht ausreichend beweglich. Seltener ist eine Blockade der Samenleiter Ursache der Sterilität. Bei der Frau sind die Ursachen vielfältiger: Am häufigsten sind verschiedene Hormonstörungen, die sich auf den weiblichen Monatszyklus, die Eireifung oder den Eisprung auswirken. Hinzu kommen verklebte Eileiter, Eierstockerkrankungen wie beispielsweise das sogenannte polizystische Ovar-Syndrom (PCOS, Zysten in den Eierstöcken) mit der Produktion von zu viel männlichen Hormonen oder auch eine Endometriose (Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut). Falsche Ernährung, Unter- oder Übergewicht können den Hormonaushalt ebenso durcheinanderbringen, wie Störungen in anderen Hormonsystemen. Immer mehr wird auch deutlich, dass Probleme des Immunsystems sich auf das Schwanger-werden-können und das Schwanger-bleiben-können auswirken. Hinzu kommen life-style Faktoren wie Rauchen oder Alkohol, sodass fast jedes siebte Paar in Deutschland ohne eigenen Nachwuchs bleibt.

Kein Wunder also, dass sich die beiden großen Kirchen in Deutschland des Themas annehmen: Der Dreiklang „Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbaby“ – ist ihnen so wichtig, dass er gleich in zwei aufeinanderfolgenden Jahren – 2017 und 2018 – behandelt wird. In der begleitenden Broschüre führt der Mainzer Moraltheologe und Bioethiker Johannes Reiter in seinem Grundsatzbeitrag „Was darf man mit einem Menschen (nicht) tun?“ die derzeitigen „unnatürlichen“ Möglichkeiten in der Behandlung der Kinderlosigkeit auf: Insemination, In-Vitro-Fertilisation auch mittels ICSI (Einspritzung des Spermiums in die Eizelle) und weist auch auf die Folgeprobleme hin.

Behutsam verdeutlicht Reiter auch den Unterschied in der Lehre der Katholischen und Evangelischen Kirche: Für Katholiken gilt das Wort des Heiligen Johannes Pauls II.: „Auch die verschiedenen Techniken künstlicher Fortpflanzung, die sich anscheinend in den Dienst am Leben stellen, (…) öffnen in Wirklichkeit neuen Anschlägen gegen das Leben Tür und Tor.“ Die evangelische Kirche rät hingegen weniger apodiktisch: „Gewichtige Gründe sprechen gegen die extrakorporale Befruchtung.“

Vorgestellt wird SENSIPLAN® – „Die Methode steht für die „Kombination von intensiver Körperwahrnehmung und Fruchtbarkeitsbeobachtung. (...) Beobachtet werden zyklisch auftretende Zeichen wie Basaltemperatur-Veränderungen, Zervixschleim, Muttermund, Mittelschmerz, Brustsymptom und Blutungsmuster. Vermittelt werden Methodenregeln zur sicheren Bestimmung der fruchtbaren Zeit“ (www.sensiplan-im-netz.de).

Das Programm der Malteser will durch sogenannte „fertility awareness“ (Fruchtbarkeitsbewusstsein) die Zeit bis zum Eintreten einer Schwangerschaft verkürzen. Ähnliches lernt, wer sich in einen Kurs der INER, der sogenannten Rötzer-Methode, begibt oder eben auch bei FertilityCare® Kurse zur Zyklusbeobachtung besucht. FertilityCare® nimmt dabei für sich in Anspruch, dass es eben nicht nur um das „fruchtbare Fenster“ der Frau geht, sondern bei unerfülltem Kinderwunsch oder wiederholten Fehlgeburten allein aus den Zyklusaufzeichnungen Störungen herausgelesen und verifiziert werden können. Die darauf spezialisierte medizinische Fachrichtung ist die NaProTechnology®.

Die Sektion Natürliche Fertilität der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsmedizin (DGGEF) vertritt wissenschaftlich jedoch SENSIPLAN® und seit Januar 2017 bietet die Universitätsfrauenklinik München zudem eine „Sprechstunde für natürliche Fertilität“ mit Einblick in die Methode an. Diese Information fehlt noch in der online verfügbaren Broschüre zur „Woche für das Leben“. Und es wäre sicher wünschenswert gewesen, die ganze Bandbreite – vielleicht auch tiefergehender – älterer und neuerer natürlicher Therapien für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch darzustellen.

Eine Methode, die ohne extrakorporale Befruchtung auskommt, hat der „Bundesverband Lebensrecht“ deshalb in seine – die „Woche für das Leben“ begleitende – Fachtagung Ende April aufgenommen. Dort wird auch die Gynäkologin und Kinderwunschexpertin Susanne van der Velden aus Kleve von ihrer Arbeit berichten: „Wunschkinder auf natürlichem Weg“.

Die 47-jährige Oberärztin und Mutter von drei Kindern arbeitet seit 2009 mit FertilityCare® und NaProTechnology®. International ist dieses Verfahren zur Verbesserung der weiblichen – und der männlichen! – Fruchtbarkeit am weitesten verbreitet. Zudem ist diese Therapieform standardisiert und wissenschaftlich fundiert. Sie wurde ab den 70er Jahren durch den US-Professor Thomas Hilgers an den Universitäten St. Louis und Creighton/USA basierend auf der sogenannten Billings-Methode entwickelt. Heute arbeiten weltweit mehr als 900 Ärzte nach der NaProTechnology®-Methode des Gynäkologen, der auch Mitglied in der Päpstlichen Akademie für das Leben ist.

Bestandteil des Programms sind die sogenannten FertilityCare®-Kurse, in denen das Sorgetragen für die Fruchtbarkeit erlernt werden kann. Es ist ein Kursprogramm zur Analyse des weiblichen Zyklus, das Frauen und Paare in verschiedenen reproduktiven Situationen begleitet: Kinderwunsch, auch nach wiederholten Fehlgeburten, Familienplanung, Zyklusbeschwerden, Beobachtung der gesunden Fruchtbarkeit. Die Basis ist die detaillierte Zyklusbeobachtung, die durch weltweit mehrere tausend Beraterinnen angeboten wird.

In Deutschland ist die größte Einrichtung, die nach dieser Methode arbeitet, die FertilityCare®-Klinik am Katholischen Karl-Leisner-Klinikum in Kleve/Niederrhein unter der Leitung von van der Velden. Die sympathische Katholikin hat das Verfahren erst einmal an sich selbst getestet: Nach der Geburt von zwei gesunden Kindern hatte sie zwei Fehlgeburten. Mit Hilfe der NaProTechnology® konnte die Ärztin die Ursache für die Fehlgeburten ermitteln, ausschalten und sich 2009 über die Geburt ihrer Tochter freuen. Vielleicht ist sie auch deshalb eine so authentische Botschafterin. Mit Leidenschaft verficht sie den strengen medizinischen Rahmen und die echte angewandte Gynäkologie, die hinter der Technologie steht. „Uns geht es darum, die Ursache zu finden. So viele Paare wissen nicht, was das Problem ist und fühlen sich hilflos. Gesundwerden – und dann schwanger, das ist unsere Devise. Eine gute Hormonlage, ein guter Eisprung, körperliches und psychisches Wohlbefinden. Das möchten wir erreichen, dazu ziehen wir alle Faktoren und alle Hormone, welche die Eierstöcke beeinflussen, mit in Betracht.“

Die Diagnostik dauert zwei bis drei Monate. Das Paar wird gemeinsam behandelt, je nach Ursache der Störungen. Lebensstil, Gewicht, Zyklus der Frau, Hormonstatus (Schilddrüse, Hypophyse, Nebennierenrinden), Spermienqualität, Allergien, immunologische Defizite – alles wird analysiert. Gemeinsam mit dem Paar bespricht die Ärztin dann die therapeutischen Möglichkeiten: „Das ist vergleichbar mit einer Diabeteseinstellung. Auch der Diabetiker muss sein ganzes Leben umstellen, es reicht nicht, nur Medikamente zu nehmen!“

Eine weitere Praxis betreibt Dr. Nicola Jauch in Gräfelfing bei München. Ihr ist die Einsicht wichtig, dass Kinder letztlich immer ein Geschenk sind und nicht „gemacht“ werden: „Trotz vergleichsweise sehr hoher Erfolgsraten der NaProTechnology gibt es Paare, denen wir auch bei scheinbar optimalen Voraussetzungen nicht zu einem Kind verhelfen können.“ Neben der FertilityCare®/NaProTechnology® existieren aber noch weitere Methoden: FEMM – die Fertility Education & Medical Management-Methode (Fruchtbarkeitserziehung und medizinisches Management) wurde ebenfalls von einem Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben entwickelt: Pilar Vigil. Die chilenische Universitätsprofessorin arbeitet ohne ein eigenes Chart-Modell – also mit jeder Zyklusaufzeichnung. Zudem gibt es auch eine APP für das Smartphone, die man kostenfrei herunterladen kann. Erst seit einem Jahr bietet FEMM auch Fortbildungskurse in Europa (Rom) an – und stellt die Technik auch unverheirateten Paaren mit Kinderwunsch zur Verfügung. Das jüngste Konzept stammt aus Dublin, Irland. Dr. Phil Boyle, praktischer Arzt mit 20 Jahren Erfahrung im Bereich der wiederherstellenden reproduktiven Gesundheit durch die NaPro-Technology, der auch die FEMM-Fortbildung in Rom besucht hat, entwickelt eine neue Methode, die NeoFertility. FEMM und auch NeoFertility werden in Deutschland derzeit noch nicht angeboten. Für NaProTechnology® sagt van der Velden: „Die Lebendgeburtsrate liegt bei gut 30 Prozent – das heißt jedes dritte Paar wird natürlich schwanger und bleibt schwanger dank unserer Methode!“ Werte, die auch Nicola Jauch bestätigt. Die sogenannte „Baby-take-home-Rate“ bei künstlicher Befruchtung liegt dagegen pro IVF-Zyklus bei etwa 20 Prozent und nur mit Wiederholungen ist eine Steigerung der Erfolgsrate möglich. Van der Velden betont: „Zur Hälfte behandele ich Paare, die schon ohne Erfolg eine künstliche Befruchtung versucht haben. Sie sind bereit, einiges auf sich zu nehmen.“

Zeit müssen die Paare jedenfalls mitbringen: Die Konsultationen dauern wesentlich länger als übliche Arztkontakte. Viele Elemente der Fruchtbarkeit und der allgemeinen Gesundheit müssen besprochen und in die Therapie mit einbezogen werden. Ein direkter Kontakt ist dazu jedoch nur rund viermal pro Jahr notwendig. Telefonate und Emails ergänzen die weitere ärztliche Betreuung, Routineuntersuchungen erfolgen am Heimatort. Es geht also um frauenfreundliche, paarfreundliche und lebensfreundliche Methoden, ungewollt kinderlosen Paaren einen Weg zum Kind aufzuzeigen. Und obwohl Jauch und van der Velden sicher mehr für den Gesundheitszustand des Paares insgesamt unternehmen als die IVF, welche Frauen allein durch die Hormonüberstimulation schon extrem belastet, wird die NaProTechnology®-Beratung bislang noch nicht von der Krankenkasse übernommen.

Dass das Thema Kinderwunsch nicht nur von den Kirchen groß geschrieben wird, zeigten auch die Kinderwunsch-Tage in Berlin Mitte Februar, auf der sich ausländische Reproduktionskliniken präsentierten und Singles, Lesben und Schwule über – hierzulande aus guten Gründen verbotene – Möglichkeiten im Ausland informierten, den ersehnten Nachwuchs irgendwie zu erreichen. Davon inspiriert ist auch der Titel des aktuellen Deutschen Ärzteblatts: „Kinder auf Bestellung“. Und das Editorial lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „(…) die Therapien haben ihren Preis: höhere gesundheitliche Risiken für die in-vitro-gezeugten Kinder, für die späten Schwangerschaften und die perinatalen Komplikationen. All dies bürdet man Frauen auf, die eigentlich auf natürliche Weise hätten schwanger werden können, hätten sie es nur früh genug versucht. Doch erst reproduzieren, dann qualifizieren, ist unter den herrschenden Bedingungen nur nachteilig.“

Stimmt. Dabei wäre es Frauen zu wünschen, dass sie den Weg nach Kleve oder Gräfelfing gar nicht erst antreten müssen.




Hintergrund

In der Instruktion „Dignitas Personae – über einige Fragen der Bioethik“ hat sich die römische Glaubenskongregation im Jahr 2008 auch zur Fortpflanzung geäußert und den „Gläubigen und allen wahrheitssuchenden Menschen“ dabei zwei Grundprinzipien in Erinnerung gerufen:

„Der Mensch muss von seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden und infolgedessen muss man ihm von diesem Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Menschen auf Leben“ (Nr. 4)

„Der Ursprung des menschlichen Lebens hat (...) seinen authentischen Ort in Ehe und Familie, wo es durch einen Akt gezeugt wird, der die gegenseitige Liebe von Mann und Frau zum Ausdruck bringt. Eine gegenüber dem Ungeborenen wahrhaft verantwortliche Zeugung muss die Frucht der Ehe sein“ (Nr. 6). DT/reh