Religionsvertreter besorgt über AfD-Wahlsieg

ZdK-Präsident Sternberg spricht von „bitterem Abend“ – Zentralrat der Juden: „Populistische Versprechen entlarven“

Alice Weidel und Alexander Gauland
Haben gut lachen: Das AfD-Spitzenkandidaten-Duo Alice Weidel und Alexander Gauland fuhr 12,6 Prozent ein. Foto: dpa
Alice Weidel und Alexander Gauland
Haben gut lachen: Das AfD-Spitzenkandidaten-Duo Alice Weidel und Alexander Gauland fuhr 12,6 Prozent ein. Foto: dpa

Bonn/Berlin (DT/KNA) Angesichts des Wahlergebnisses für die AfD bei der Bundestagswahl sehen Religionsvertreter Deutschland vor große Herausforderungen stehen. „Leider sind unsere Befürchtungen wahr geworden: Eine Partei, die rechtsextremes Gedankengut in ihren Reihen duldet und gegen Minderheiten in unserem Land hetzt, ist jetzt nicht nur in fast allen Länderparlamenten, sondern auch im Bundestag vertreten“, erklärte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Sonntag in Berlin. „Ich erwarte von unseren demokratischen Kräften, dass sie das wahre Gesicht der AfD enthüllen und die leeren, populistischen Versprechen der Partei entlarven“, so Schuster. „Ein Ziel sollte alle demokratischen Parteien vereinen: Den Wählern zu verdeutlichen, dass die AfD keine Alternative ist, damit sie dort landet, wo sie hingehört – unter die Fünf-Prozent-Hürde!“ Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch erklärte: „Dieses Ergebnis ist ein wahr gewordener Alptraum, eine historische Zäsur.“ Der Einzug der AfD in den Bundestag mit laut vorläufigem amtlichem Endergebnis 12,6 Prozent verändere die politische Debatte und Kultur und beeinträchtige das Ansehen Deutschlands in der Welt. Es sei eine Katastrophe, „dass es den demokratischen Kräften nicht gelungen ist, die rechtsextremen Hetzer zu entzaubern“. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, erklärte in New York, es sei „abscheulich“, dass die AfD nun die Möglichkeit habe, im deutschen Parlament ihr „widerwärtiges“ Programm anzupreisen. Er bezeichnete die Partei als „schändliche, rückschrittliche Bewegung, die das Schlimmste der deutschen Vergangenheit in Erinnerung ruft und geächtet werden sollte“.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, kritisierte, Warnungen vor der AfD seien lange ungehört geblieben. Er frage sich, warum kritische Stimmen nicht ernst genommen worden seien. „Wir Muslime sind stark verunsichert“, sagte Mazyek. „Es gibt nicht wenige, die Angst haben vor den Entwicklungen.“ Damit meine er etwa Übergriffe auf Muslime, aber auch eine niedriger gewordene Hemmschwelle für Äußerungen, die gegen Muslime oder andere Minderheiten gerichtet seien. Früher habe man sich geschämt, gegen Minderheiten zu „hetzen“ – das sei mittlerweile nicht unbedingt mehr so. „Die AfD setzt die Axt an unsere freiheitliche Demokratie an.“ Es gelte nun, sich mit dem Menschenbild der AfD auseinanderzusetzen: eine Verachtung von Minderheiten, mangelnde Solidarität und eine Spaltung der Gesellschaft. Zudem müsse deutlich gemacht werden, dass man Ängste der Bevölkerung nicht ignoriere. Auch sollten Politiker anderer Parteien nicht „AfD-Rhetorik nachplappern“, sondern sollten zusammenstehen.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sprach im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur von einem „bitteren Abend“ und ergänzte: „Man muss bedenken, wir sind in einem europäischen Gleichschritt: In fast allen Ländern gibt es solch rechtsradikale Parteien. Es bleibt festzustellen: 87 Prozent der Deutschen haben die AfD nicht gewählt.“

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße bezeichnete die Wahl als einen Erfolg der Demokraten. „Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die solide Verfassung unserer Demokratie. Ich hoffe für die neue Legislaturperiode auf eine gute und konstruktive politische Kultur.“ Aus seiner christlichen Perspektive müssten „soziale Gerechtigkeit und die Integration der Menschen, die zu uns kommen, einen festen Platz auf der politischen Agenda haben“. Würzburgs Diözesanadministrator, Weihbischof Ulrich Boom, erklärte: „Die Wählerinnen und Wähler haben bei der Bundestagswahl 2017 demokratisch entschieden. Alle Meinungen in unserer Gesellschaft sind erst einmal zu respektieren.“ Mit dem Wahlergebnis hätte viele Menschen ihre Unzufriedenheit ausgedrückt. „Das Abschneiden der AfD mache ihn jedoch „sehr nachdenklich“. Wenn die Alternative für unsere Gesellschaft das Durchsetzen nationalistischer Interessen sei, führt dies in eine falsche Richtung. „Wo immer Zäune und Mauern aufgerichtet werden, führt der Weg einer Gesellschaft sicherlich nicht in ein friedliches Miteinander.“

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, sagte: „Wir brauchen jenseits von Klientelinteressen eine Koalition für ein offenes, soziales und gerechtes Deutschland, in dem Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit mehr zählen als Ausgrenzung und Angstmache.“