„Religion ist Teil der Lösung“

Der Europaabgeordnete Lukas Mandl (ÖVP) würdigt das Wirken der Kirche im Kosovo. Von Stephan Baier

Kloster Decani im Kosovo
Das mittelalterliche serbisch-orthodoxe Kloster Decani bei Peæ (Peja) ist ein Wahrzeichen orthodoxer Präsenz im Kosovo. Foto: dpa

Herr Mandl, Sie loben die Religionsfreiheit im Kosovo als vorbildlich. Was ist hier besser geregelt oder geschützt als in anderen Staaten Südosteuropas?

Die Verfassung ist eine der modernsten der Welt. Sie ist zehn Jahre jung und garantiert ausdrücklich jeder Bürgerin und jedem Bürger unabhängig von Religion oder Ethnie volle staatsbürgerliche Rechte, und sie garantiert ethnischen Minderheiten politische Teilhabe. Das sollte selbstverständlich sein, war es in der Geschichte Südosteuropas aber nie. Nun wurde mit Schwung die Gründung eines weltanschaulich neutralen Staates angegangen. Wie überall auf der Welt muss die Verfassung in die Realverfassung umgesetzt werden. Gerade, wenn es um Religion geht, gelingt das sehr gut.

Die serbische Orthodoxie würde widersprechen. Sie sieht den Kosovo als „serbisches Jerusalem“ und bangt um ihre Klöster und ihre kirchlich-kulturelle Präsenz im Kosovo. Wie steht es um die Religionsfreiheit der serbischen Orthodoxie im Kosovo?

Ich habe ein serbisch-orthodoxes Kloster besucht. Ich habe dort von niemandem den sprichwörtlichen „Teufel an die Wand gemalt“ bekommen. Vielmehr schien es so, dass serbisch-orthodoxe Gläubige ihre Worte so gewählt haben, dass man verstehen konnte, dass sie ihren Staat anerkennen. Sie sind ja Bürger der Republik Kosovo. Mir als Katholik ist die Art der Orthodoxie, sich in die Politik einzubringen, nicht immer ganz verständlich. Ich suche hier den Dialog. Gleichzeitig kenne ich keine Kompromisse bei Christenverfolgung oder Einschränkungen der Religionsfreiheit. Würde im Kosovo auch nur ansatzweise so etwas vorkommen, würde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Der Papst hat erst vor wenigen Wochen die Apostolische Administratur zur Diözese Prizren-Prishtina erhoben. Ist das eine Art Anerkennung des Kosovo durch den Vatikan?

Nein, diese Entscheidung hat nach meiner Lesart mit Staatlichkeit nichts zu tun. Prishtina hat eine wunderschöne neue Kathedrale. Nun ist dort das Zentrum der Diözese. Die Republik Kosovo ist von 116 Staaten der Welt anerkannt, Österreich war unter den ersten. 23 EU-Staaten sind unter den Anerkennern. Bei den Nicht-Anerkennern geht es eher um innenpolitische Fragen als um Südosteuropa. Wenn wir Sicherheit, Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung in Europa wollen, haben wir als EU in Südosteuropa noch viel zu tun. Meiner Meinung nach ist es nicht Aufgabe des Vatikans als Völkerrechtssubjekt, einen dynamischen politischen Prozess zu beeinflussen. Ich verstehe es so, dass die Entwicklung mit großem Wohlwollen begleitet wird.

Wie haben Sie das katholische Wirken im Kosovo erlebt?

Bischof Dode Gjegji ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Einst im Alter von 37 war er der weltweit jüngste Bischof. Wie es in der Geschichte oft der Fall war, und wie es dem Selbstverständnis von Katholiken entspricht, versuchen die Katholiken im Kosovo, Wunden zu heilen – Wunden zwischen Ethnien, von denen leider auch die Religionsgemeinschaften in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Wie steht es um das Miteinander von Muslimen, Orthodoxen und Katholiken im Kosovo? Gibt es interreligiöse Plattformen und ein ökumenisches Miteinander dort?

Mein Eindruck ist, dass die Saat der Katholiken im Kosovo Früchte trägt. Dazu kommt, dass meiner Wahrnehmung nach im Kosovo ein religiöser Islam existiert und nicht ein politischer Islam dominiert. Und ich habe den Eindruck, dass es immer mehr serbisch-orthodoxe Gläubige gibt, die einverstanden sind mit ihrem neuen Staat. Mir sind keine formalen ökumenischen Plattformen bekannt, aber der Alltag im Kosovo ist vom Miteinander Angehöriger verschiedener Religionsgemeinschaften und Konfessionen geprägt. Was im Kosovo noch trennt, sind Wunden aus der Vergangenheit aufgrund ethnischer Konflikte. Religion gehört hier nicht zum Trennenden, sondern zum Verbindenden. Religion ist ein Teil der Lösung.