Religion im Machtkampf missbraucht

Hernán Cordero sieht Elfenbeinküste vor mühsamem Wiederaufbau – An eine Aufklärung der Massaker glaubt er nicht von Markus Reder

Nach einem blutigen Machtkampf mit mehr als 3 000 Toten hat die Elfenbeinküste nun offiziell einen neuen Präsidenten. Bei seiner Amtseinführung am Wochenende betonte Alassane Ouattara, die schwere Krise des Landes sei nun überwunden. Trifft das zu?

Die politische Krise ist insofern beendet, als Ouattara nun offiziell regiert. Aber die tiefe Krise des Landes ist damit noch lange nicht gelöst. Die humanitäre Lage, die Bildungskrise und die desolate Wirtschaftssituation lasten auf dem Land. Die Probleme sind vielfältig und komplex: Man hat beispielsweise immer noch nicht die Waffen eingesammelt, die in großer Zahl im Umlauf sind. Auch die Korruption ist ein riesen Problem. Man muss abwarten, welche Maßnahmen die Regierung ergreift. Jetzt muss sich auch zeigen, wie es wirtschaftlich weitergeht. Ich gehe davon aus, dass es zehn Jahre braucht, um das Land wieder aufzubauen.

Welche Rolle spielte die Religion in den blutigen Auseinandersetzungen und welche kann sie im Versöhnungsprozess spielen?

Es hat den Versuch gegeben, das Ganze als religiösen Konflikt darzustellen. Das trifft nicht zu. In Wirklichkeit handelt es sich um einen politischen Konflikt, für den man religiöse Argumente gesucht hat. Im Kampf um die Macht haben die Politiker sowohl konfessionelle als auch die ethnischen Unterschiede missbraucht. Man hat systematisch Konflikte geschürt. Und das hat gewirkt. Die Gegensätze haben sich dann auch auf dem Schlachtfeld bemerkbar gemacht. Vom Grundsatz her ist die Elfenbeinküste ein tolerantes Land. Versöhnung muss zunächst von der politischen Klasse und den politischen Parteien ausgehen. Sie haben das Übel verursacht. Was wir brauchen, ist eine Debatte über nationale Identität, denn das war einer der entscheidenden Konfliktpunkte. Wer Versöhnung will, muss auch praktische ökonomische Fragen klären. Etwa die der Landrechte. Sie müssen neu definiert werden. Die Elfenbeinküste ist ein reiches Land, trotzdem herrscht große Armut und es gibt keine Arbeit. Wenn man die wirtschaftlichen Probleme löst, wird es auch rascher zu politischen Lösungen kommen. Derzeit sind die Herrschenden aber immer noch primär daran interessiert, sich den Zugang zu den Reichtümern des Landes zu sichern.

Frankreich hat eine aktive Rolle in diesem Konflikt gespielt. Wie beurteilen Sie das?

Frankreichs Einfluss auf seine früheren Kolonien ist noch sehr spürbar. Diese Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten provoziert mehr und mehr eine anti-französische Haltung der Bevölkerung. Auch an der Elfenbeinküste vertritt Frankreich massiv seine wirtschaftlichen Interessen. Dennoch ist die Rolle, die Paris in den vergangenen Wochen gespielt hat, positiv zu bewerten. Der Einsatz der französischen Truppen mit dem Mandat der Vereinten Nationen hat dazu geführt, dass Gbagbo die Macht abgeben musste.

Ouattara hat um eine Untersuchung der Gewaltakte durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebeten. Auch seinen Truppen werden schwerste Menschenrechtsverletzungen und Massaker vorgeworfen. Kann das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung die politische Situation im Land wieder destabilisieren?

Diese Untersuchungen werden kompliziert. Eine unabhängige Untersuchung wird für Ouattara keine leichte Geschichte. Ich bin im Land viel von Nord nach Süd unterwegs. Meine Erfahrung ist die: Entweder wurde mein Wagen von Rebellen ausgeplündert oder von der Polizei. Das Faktum des Übergriffs war immer das gleiche, nur die Akteure waren jeweils andere.

Hat eine Untersuchung der Massaker dann überhaupt eine Chance?

Es gibt einige namhafte Persönlichkeiten, die hoffen lassen, dass die Sache seriös angepackt wird. Meine Befürchtung ist, dass die Regierung kein großes Interesse daran hat, sondern rasch zur Tagesordnung übergeht. Dann ist die Sache damit begraben.