Reiches Übersehen

Oder warum eine evangelische Theologin gut daran täte, wieder mal den Römerbrief zu lesen

Von Stefan Rehder

Auch in der Glosse können wir uns dem Ökumenischen Kirchentag nicht entziehen. Schuld daran ist weniger das Ereignis, als vielmehr Margot Käßmann. Jene Protestantin, die von allen Kirchenämtern zurücktrat, weil sie – nicht mehr ganz nüchtern – mit ihrem Auto nicht nur eine rote Ampel, sondern auch die Polizei übersehen hatte. Und wer weiß? Vielleicht ist Frau Käßmann ja rot-grün-blind. Das würde die Rückgabe ihres Führerscheins erschweren, erklärte jedoch sympathisch, warum sie – höchst wahrscheinlich nüchtern – ausgerechnet in der Liebfrauenkirche die Anti-Baby-Pille als „Geschenk Gottes“ pries. Leider ist es aber nicht sehr wahrscheinlich, dass Frau Käßmann nicht nur das rote Licht vor dem Tabernakel, sondern auch das Wappen des Erzbischofs von München übersah. Daher erwarten wir auch keine Pressekonferenz, auf der sie erklärt: „Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Mir ist bewusst, wie respektlos und ökumenisch unverantwortlich es ist, das Gastrecht in einer Kirche so zu missbrauchen.“

Weil Katholiken jedoch verbinden, statt spalten sollen, wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und mit einer Passage aus dem gemeinsamen Römerbrief schließen: „Wir wissen“, schreibt dort Paulus: „Das Gesetz ist geistlich; ich aber bin fleischlich, verkauft unter die Gewalt der Sünde.“ Und weiter: „Das Gute wollen, dazu bin ich bereit, aber nicht es auszuführen.“ Die Selbstanklage, mit welcher der Völkerapostel das Phänomen der Erbsünde den Römern nahezubringen sucht, gipfelt schließlich in dem Satz: „So diene also auch ich selbst mit der Vernunft dem Gesetz Gottes, mit dem Fleische aber dem Gesetz der Sünde.“ Fazit: Wer das Gesetz Gottes und das Gesetz der Sünde nicht mehr auseinander halten kann, der tut – ganz ökumenisch gedacht – gut daran, zurückzutreten.