Rassenhass und Anti-judaismus

Vertuschte der Vatikan die letzte Enzyklika von Pius XI.? Von Michael Hesemann

Wladimir Ledochowski Foto: Archiv
Papst Pius XI.
Ein Wissenschaftler von internationalem Ruf und energischer Kirchenführer: Papst Pius XI. Foto: KNA

Im Juni 1938 bestellte Pius XI. den amerikanischen Jesuitenpater John LaFarge, der sich gerade in Rom aufhielt, zu sich nach Castel Gandolfo. LaFarge hatte 1934 den Catholic Interracial Council gegründet, der sich für eine Versöhnung der Rassen und den Kampf gegen den Rassismus einsetzte. Durch sein 1937 veröffentlichtes Buch „Rasse und Gerechtigkeit. Eine Untersuchung zur katholischen Lehre über das Verhältnis zwischen den Rassen“ war auch der Papst auf ihn aufmerksam geworden. Im persönlichen Gespräch enthüllte Pius XI. dem Jesuiten jetzt, dass er eine besondere Aufgabe für ihn habe. Er wolle zu der „brennendsten Frage seiner Zeit“ eine Enzyklika herausgeben, die den Rassismus, insbesondere den Antisemitismus, gründlich verurteilt und beider Unvereinbarkeit mit dem katholischen Glauben belegt. Als Titel sei Humani generis unitas, „Von der Einheit des Menschengeschlechtes“, gedacht. Pater LaFarge erschien ihm als der geeignete Mann, um den Text dazu vorzubereiten.

Der Jesuitenpater freilich war da anderer Ansicht, ja er fühlte sich völlig überfordert. So besprach er den Auftrag mit seinem Ordensgeneral, Pater Wladimir Ledóchowski, einem polnischen Grafen mit einigen antijudaistischen Ressentiments. Am liebsten hätte er das ganze Projekt verhindert, doch das hätte Ungehorsam gegenüber Pius XI. bedeutet. Also stellte er dem Amerikaner zwei erfahrene Jesuiten, den deutschen Sozialethiker Pater Gustav Gundlach SJ, und den Franzosen Pater Gustave Desbuquois SJ, zur Seite, die ihn anleiten und tatkräftig unterstützen sollten.

Eine Enzyklika zur brennendsten Frage der Zeit

Im September ging der erste von drei Entwürfen der Enzyklika an Ledóchowski mit der Bitte, ihn an den Papst weiterzuleiten. Doch mit der Weitergabe wartete der Ordensobere erst einmal. Stattdessen schickte er den Text an Pater Enrico Rosa SJ, den Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „La Civilta Cattolica“. Rosa war einer der prominentesten Vertreter des vorkonziliaren Antijudaismus. Er unterstellte den Juden Herrschsucht und Beteiligung an revolutionären Bewegungen. Als Gundlach erfuhr, dass der gemeinsam erarbeitete Text jetzt bei Rosa gelandet war, ahnte er Furchtbares; nur allzu durchschaubar war die Strategie seines Ordensoberen. „Ihre Loyalität gegenüber dem Chef (gemeint war Ledóchowski) … ist nicht gelohnt worden“, schrieb er LaFarge ziemlich desillusioniert,

„Ja, es könnte Ihnen der Vorwurf gemacht werden, dass unter jener Loyalität die Loyalität gegenüber Herrn Fischer [sein Codewort für den Papst] gelitten habe … Ein Außenstehender könnte in alldem einen Versuch sehen, aus Gründen der Taktik und Diplomatie den Ihnen unmittelbar von Herrn Fischer gegebenen Auftrag durch dilatorische Verfahren zu sabotieren.“

Doch Rosa sollte die von Ledóchowski erbetene Überarbeitung des Dokumentes nie abschließen; er erlag am 26. November 1938 einem Herzinfarkt. Erst zwei Monate später, im Januar, schickte der Ordensgeneral den Text an den Papst, nicht ohne in seinem Begleitschreiben entschuldigend anzuführen: „Pater Rosa und mir schien es, dass der Entwurf nicht dem entspricht, was Eure Heiligkeit gewünscht hatten.“ Er sei aber gerne bereit, auf jede denkbare Weise zu helfen, eine bessere Version vorzubereiten. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Nach monatelanger Krankheit, einem Herzleiden und den Folgen seines Diabetes verstarb Pius XI. in den frühen Morgenstunden des 10. Februars 1939 an Herzversagen. Aufgrund des Zeitpunkts – nur einen Tag vor der geplanten Zehnjahresfeier des Lateranvertrages, zu der eine Verurteilung des Faschismus erwartet wurde – und der Tatsache, dass sein Leibarzt Francesco Petacci zugleich Vater der langjährigen Geliebten Mussolinis war, kursierten schnell die entsprechenden Verschwörungstheorien. Sie entbehren jedoch bei genauerer Betrachtung der Krankengeschichte von Pius. XI. jeder Grundlage.

Ein Segen, dass der Text verschwand

Sein Nachfolger, Pius XII., verzichtete auf eine Publikation, was unter normalen Umständen kaum verwunderlich war; wann immer ein Papst stirbt, wird alles, was an unautorisierten Textentwürfen auf seinem Schreibtisch liegt, vernichtet. Zu groß ist die Gefahr, dass dem toten Pontifex etwas in den Mund gelegt wird, was er nie vertreten hätte. Auch ein Testament wird nur dann anerkannt, wenn es unterschrieben ist. Trotzdem ist, gerade in der jüngeren Polemik, oft von der „unterschlagenen Enzyklika“ die Rede. David Kertzer etwa, der für sein ziemlich tendenziöses Werk „Der erste Stellvertreter“ immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, scheut nicht einmal vor einer Verschwörungstheorie zurück. Danach habe ausgerechnet Kardinalstaatssekretär Pacelli, der spätere Pius XII., im Auftrag Mussolinis (!) den Text der Enzyklika verschwinden lassen. Einen Beleg für die brisante These bleibt er freilich schuldig.

Der deutsche Historiker Johannes Schwarte, der das Schicksal der Enzyklika minutiös verfolgte, bestreitet allerdings, dass sich der Textentwurf, als der Papst starb, noch auf seinem Schreibtisch befand. Als Beweis führt er eine Mitteilung an, die Mitte März 1939 bei Pater Gundlach in Rom einging. Danach habe Pacelli erst nach seiner Wahl zum Papst durch seinen Berater, den Jesuitenpater Prof. Robert Leiber, von dem unerledigten Enzyklika-Entwurf erfahren und diesen sofort angefordert. Mitte April habe Gundlach dann die deutsche Fassung des Entwurfs mit der Bemerkung, der Papst wolle davon keinen Gebrauch machen, von Ledóchowski zurückerhalten. Einer anderweitigen Verwendung stünde nichts im Wege, versicherte der Ordensgeneral, solange dabei nicht erwähnt würde, zu welchem Zweck der Text erstellt worden war. Für diese Version spricht die Tatsache, dass sich der von Gundlach erstellte Text nicht im Vatikanarchiv befindet, sondern in seinem Nachlass. In einem Brief an LaFarge vom 10. Mai 1939 bezweifelte der Deutsche sogar, dass „eine Vorlage [bei Pius XI.] wohl überhaupt … erfolgt sei“. So glaubte er, dass „unsere Sache … den Weg alles Irdischen gegangen (ist), was ja wohl auch von Anfang an mehr den Ansichten und Absichten [Ledóchowskis] entsprach“. Auch LaFarge erhielt seinen englischen Urtext zurück und benutzte ihn als Grundlage für mehrere spätere Veröffentlichungen.

Von den drei unterschiedlichen Versionen der Enzyklika, die LaFarge, Desbuquois und Gundlach hinterließen, veröffentlichten Georges Passelecq und Bernard Suchecky eine französischsprachige Zusammenfassung, bei der es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um den Entwurf handelt, der Pius XI. vorgelegt werden sollte. Der aber enthält neben einer Verurteilung des Rassismus auch eine Verteidigung des jahrhundertealten christlichen Antijudaismus. Unter der Überschrift „Position der Kirche gegenüber dem Judentum“ werden die Juden als „unglückliches Volk“ bezeichnet, „das sich selbst ins Unglück stürzte, dessen verstockte Führer den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen, das, wie es scheint, dazu verurteilt ist, ewig über die Erde zu irren“. Dem Dokument zufolge bestünde sogar „eine beständige Feindschaft (der Juden) gegenüber dem Christentum“. Den Juden wird unterstellt, „revolutionäre Bewegungen zu unterstützen und zu propagieren“. Daher habe die Kirche „vor allzu leichtfertigen Beziehungen mit der jüdischen Gemeinschaft gewarnt“.

Ob es nun Pater Ledóchowski oder tatsächlich Pius XI. selber war, der diesen verunglückten Entwurf zurückwies – es war ein Segen, dass dieser misslungene Text erst in unserer Zeit veröffentlicht wurde. Er hätte nicht nur den verzweifelten Versuch des Papstes, dem Antisemitismus Paroli zu bieten, komplett konterkariert. Er wäre auch frisches Wasser auf den Mühlen der Nazi-Propaganda gewesen. Trotzdem ließ sich Pius XII. von der Grundidee seines Vorgängers inspirieren. Als er am 20. Oktober 1939 seine erste Enzyklika „Summi pontificatus“ veröffentlichte, verurteilte er ausdrücklich als „neue Irrtümer“, die es zu bekämpfen galt, insbesondere „Theorien, welche die Einheit des Menschengeschlechtes leugneten“ und „das Gesetz der Solidarität und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen“. Die Kirche dagegen lehre, „dass alle Menschen und Völker aus einem einzigen Stamm sind“. Speziell die Opfer des Krieges und Rassismus, so schloss der Papst, hätten daher ein unbedingtes „Recht auf Mitleid und Hilfe“.

Jesuitengeneral und polnischer Graf mit antijudaistischen Ressentiments: Wladimir Ledochowski.

Sollte zu der „brennendsten Frage seiner Zeit“ eine Enzyklika vorbereiten: Pater John LaFarge.

Er war der Deutsche im Bunde der Autoren: Pater Gustav Gundlach SJ.