Putins Kritiker leben gefährlich

Wilde Verschwörungstheorien und mehr Fragen als Fakten im Mordfall Nemzow Von Stephan Baier

Zehntausende beteiligten sich am Sonntag in Moskau am Trauermarsch für den ermordeten Putin-Kritiker Boris Nemzow. Foto: dpa
Zehntausende beteiligten sich am Sonntag in Moskau am Trauermarsch für den ermordeten Putin-Kritiker Boris Nemzow. Foto: dpa

„Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“, ruft der korrupte französische Capitaine Louis Renault im Filmklassiker „Casablanca“ seinen Polizisten zweimal zu – und in beiden Fällen weiß der Zuschauer, dass diese Verhaftungen nur der Verschleierung der Tat, nicht ihrer Aufklärung dienen. Ähnlich vertrauenserweckend wirkte die Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sich persönlich der Aufklärung des Mordfalls Boris Nemzow annehmen zu wollen, denn der einstige Vizeministerpräsident war zuletzt einer der schärfsten Putin-Kritiker in Russland. Dass Putin nicht die ohnedies kaum als unabhängig zu bezeichnende Justiz ermitteln lässt, sondern den aus dem KGB entstandenen, ganz von ihm kontrollierten und von seinen engsten Vertrauen geführten Inlandsgeheimdienst FSB, macht die Aufklärungsbemühungen vollends zur Farce.

Blitzschnell und professionell wurden Verschwörungstheorien gestreut: Wenige Stunden nach Nemzows Ermordung wurden massenhaft Tweets im Umlauf gebracht, der Oppositionelle sei von Ukrainern umgebracht worden, weil er „irgendeinem Ukrainer die Freundin ausgespannt“ habe. Zeitgleich wurde verbreitet, er sei von kaukasischen Islamisten ermordet worden, weil er sich mit „Charlie Hebdo“ solidarisierte. Dass die Polizei ein Fluchtauto mit inguschetischem Kennzeichen sicherstellte, schien diese Fährte zu bestätigen. Kreml-Chef Putin steuerte selbst in seiner ersten Reaktion eine These bei, indem er von einem „Auftragsmord“ und von „Provokation“ sprach. Wollte Russlands Präsident die Welt glauben machen, Regierungsgegner hätten den Regierungskritiker ermordet, um die Regierung herauszufordern und das Land zu destabilisieren?

Genau dies ist jedenfalls die These des letzten Präsidenten der Sowjetunion und einstigen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, Michail Gorbatschow: „Das ist ein Versuch, die Situation zu verschlimmern, vielleicht sogar, die Lage zu destabilisieren, die Konfrontation zu verschärfen.“ Putins Macht zu destabilisieren und das Lügengebäude rund um den russischen Krieg in der Ukraine zum Wanken zu bringen, war unbestreitbar ein Ziel Nemzows, der zuletzt an einem Film über Putins Ukraine-Krieg arbeitete. Dennoch attackierte Gorbatschow am Tag nach der Ermordung Nemzows dessen Gesinnungsfreunde: „Gewisse Kräfte werden die Tötung zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Sie überlegen, wie sie Putin loswerden können.“

Eine ganz andere Sicht auf den Mordfall zeigten jene, die sich zu Zehntausenden am Sonntag im Zentrum von Moskau versammelten. Aus der von Nemzow mitgeplanten Demonstration gegen Putins Ukraine-Politik wurde ein Trauermarsch. Aufnahmen zeigen Menschen mit Schildern, auf denen „Ich fürchte mich nicht!“ steht, und „Wer ist der Nächste?“ Wer immer den Mord geplant, in Auftrag gegeben und ausgeführt hat, Fakt ist, dass Nemzow wenige Stunden vor seinem Tod in einem Radiointerview Putins „aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine“ für die Krise Russlands verantwortlich erklärte.

Boris Nemzow war nicht der erste Putin-Kritiker, dessen Tod „mysteriös“ ist: 2006 wurde der Ex-KGB-Agent und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit einem mit radioaktivem Polonium versetzten Tee vergiftet. Im selben Jahr wurde die Journalistin Anna Politkowskaja, die Putins Krieg in Tschetschenien kritisiert hatte, in Moskau erschossen. Es gab „die üblichen Verdächtigen“, 2012 sogar Verurteilungen, doch wurden die Auftraggeber des Mordes nie bekannt. Die Bluttat blieb ebenso unaufgeklärt wie die Ermordung der Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa, die russische Verbrechen in Tschetschenien recherchierte, bis sie entführt und im Juli 2009 mit Schusswunden in Kopf und Brust aufgefunden wurde. Im selben Jahr starb der russische Anwalt Sergej Magnitski an einer Vergiftung im Gefängnis. Er hatte über Korruption in der staatlichen Verwaltung geforscht und war prompt selbst wegen Steuerbetrugs verurteilt worden. 2013 soll der Oligarch Boris Beresowski, der sich vom Paten zum Kritiker Putins gewandelt hatte und die russische Opposition finanziell unterstützte, im britischen Exil Suizid begangen haben. Er wurde in Ascot erhängt aufgefunden.

Litwinenkos Witwe sprach nun aus, was viele in Russland denken: Die Ermordung Nemzows sei eine Warnung an die Gegner des Kreml. Dem Sender BBC sagte Marina Litwinenko, damit werde gezeigt, dass jeder getötet werde, der das Wort gegen die russische Regierung ergreife. „Für alles, was in Russland passiert, sind diese Regierung und Herr Putin verantwortlich“, sagt die Frau, deren Ehemann einst – wie Wladimir Putin – für KGB und FSB gearbeitet hat. 1998 hatte sich Alexander Litwinenko zum Kreml-Kritiker gewandelt und die Führung des Geheimdienstes FSB beschuldigt, den Mord an Beresowski zu planen. Der Direktor des FSB hieß damals Wladimir Putin.