Protestanten streiten über Ehe

In der EKD spitzt sich die Kontroverse um das Familienpapier zu – Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider wird zum Rücktritt aufgefordert

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider ist heftiger Kritik ausgesetzt. Foto: dpa
EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider ist heftiger Kritik ausgesetzt. Foto: dpa

Würzburg (DT/idea/KNA) Die innerevangelische Kritik an dem umstrittenen Familienpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nimmt zu. Der Gründer der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Peter Beyerhaus, forderte den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider auf, sich entweder von dem Text zu distanzieren oder von seinem Amt zurückzutreten. Schneider hatte das Dokument wiederholt verteidigt. Die Konferenz Bekennender Gemeinschaften wurde als Gegenbewegung zu liberalen Tendenzen in der EKD gegründet. In ihrem Papier plädiert die EKD für einen „erweiterten Familienbegriff“, in dem die Ehe nicht mehr notwendigerweise Voraussetzung für Elternschaft ist. Dies müsse auch „in der Kirche wahrgenommen und in das kirchliche Handeln einbezogen werden“. So solle die Kirche auch homosexuellen Paaren den Segen nicht verweigern. Kritik am Dokument kommt auch aus der katholischen Kirche und vom Koordinationsrat der Muslime in Deutschland.

In seinem Offenen Brief kritisiert Beyerhaus, das EKD-Papier stelle „eine Revolution in der gesamten bisherigen Tradition evangelischer Ehe- und Familienethik“ dar. Die Orientierungshilfe sei „in Wirklichkeit eine ,Desorientierungshilfe‘“ und bilde „eine aktuelle sittliche Gefahr“. Vor Ort sei mitzuerleben, welch „moralischer Flurschaden“ dadurch angerichtet werde. Das Dokument der EKD trägt den Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. Als erste Landeskirche distanzierte sich die sächsische von der Orientierungshilfe. Wie es im Papier der sächsischen Landeskirche heißt, ist „den sachgemäßen Problembeschreibungen wie auch den daraus erwachsenden Herausforderungen und notwendigen Hilfestellungen vorbehaltlos zuzustimmen“. Auffällig bleibe aber „die Scheu, im Konzert aller relevanten Aspekte dem Leitbild der Ehe die bislang geltende Priorität weiterhin einzuräumen“. Auch die sehr knappe „theologische Orientierung“ relativiere die Vorrangstellung der institutionalisierten Ehe. Die These der Orientierungshilfe, ein normatives Verständnis der Ehe als göttlicher Stiftung entspreche nicht der Breite des biblischen Zeugnisses, sei „kritisch“ zu bewerten. Der familienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Sachsen, Alexander Krauß, begrüßte die Stellungnahme der sächsischen Landeskirche. Die Distanzierung von dem EKD-Familienpapier sei notwendig und richtig. Krauß bekräftigte seine Forderung an die EKD, das Papier zurückzuziehen und zusammen mit der katholischen Kirche ein gemeinsames Wort zu erarbeiten.

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (Magdeburg), hat sich dagegen hinter die Orientierungshilfe gestellt. Sie könne die Kritik, die evangelische Kirche nehme Abschied von der Ehe als Institution zugunsten einer Offenheit für alle möglichen und denkbaren Formen des Zusammenlebens und surfe damit auf der Welle der Beliebigkeit, „nur schwer nachvollziehen“. Jesus habe gesagt, der Sabbat sei um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen. Dies gelte auch mit Blick auf veränderte Formen des Zusammenlebens. Auch sie seien für den Menschen da „und nicht der Mensch für eine bestimmte gesellschaftlich geprägte Form von Ehe“. Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz, Markus Dröge, erklärte, er befürworte die Orientierungshilfe im Kern. Allerdings hätte er sich im theologischen Teil mehr Klarheit gewünscht: „Es wird mehr beschrieben als bestimmt, mehr erzählt als positioniert, mehr gefragt als geantwortet.“

Heftige Kritik am EKD-Familienpapier hat der evangelische Theologe Ulrich Eibach (Bonn) geübt. Eibach nannte den „relativ kurzen theologischen Teil mit Abstand den schwächsten“ in dem Text. Das Menschenbild werde viel weniger aus biblischer und reformatorischer Tradition entfaltet als „aus philosophischen, soziologischen und umstrittenen feministischen und gender-theoretischen Theorien“. Die Autoren gäben die aus biblisch-theologischer Sicht eindeutige Leitbildfunktion der lebenslangen Ehe und Familie auf, weil immer mehr Menschen andere Formen der Lebensgemeinschaft wählen. Das Papier verdiene nicht die Bezeichnung einer an der biblischen und reformatorischen Lehre orientierten Orientierungshilfe.

Mit scharfen Worten hat auch Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel) auf die Orientierungshilfe der EKD reagiert. „Ich schäme mich für meine evangelische Kirche“, schrieb der langjährige Hauptredner der Großevangelisation ProChrist und Generalsekretär des CVJM in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea. Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. Die Orientierungshilfe erkläre, dass die Ehe keine unantastbare Schöpfungsordnung Gottes sei, „obwohl jeder in der Bibel lesen kann, dass Jesus die Zusammengehörigkeit von einem Mann und einer Frau als von Gott gewollte unverbrüchliche Gemeinschaft erklärt“. Parzany bezeichnete die Bibel als die Urkunde der Offenbarung Gottes: „Eine Kirche, die das nicht mehr bekennt, erledigt sich selbst.“

Der in die Kritik geratene EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider wies Beschwerden über das Familienpapier zurück. Es werde keine Änderungen geben: „Wir haben den Fokus von ,Ehe‘ zu ,Familie‘ verschoben – im ethischen Denken wie bei den materiellen Konsequenzen.“ Aber das sei kein Abschied von der Hochschätzung der Ehe. In dem Papier würden die konstitutiven Werte von Ehe und Familie – Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Verantwortung, Gemeinschaftsgerechtigkeit zwischen zwei Menschen – beschrieben und nach den Formen für diese Inhalte gefragt. Das Neue bestehe darin, dass diese Werte nicht nur der traditionellen Ehe zugetraut und zugemutet würden. Er verstehe, dass manche Formulierung den Eindruck erwecken konnte, dass der institutionelle Aspekt der Ehe aufgegeben oder pauschal zurückgewiesen wird. Schneider: „Aber es geht uns gerade um ein Festhalten an der Ehe und ein Ausweiten ihrer entscheidenden Werte auf andere Formen von Familie.“ Angesprochen auf Stellen in der Bibel, an denen Homosexualität verurteilt wird, erklärte der Ratsvorsitzende, er sei davon überzeugt, „dass an diesen Stellen nicht einvernehmliche Liebesbeziehungen kritisiert werden, sondern Entwürdigung und Gewalt“.

Nach Ansicht des Bischofs von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, muss die Kirche für den Wert der Ehe eintreten. Dies gelte auch dann, „wenn der Staat heute den Begriff Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft ausweitet und unterschiedliche Formen des Zusammenlebens rechtlich unter das Dach der Ehe stellt“, sagte Hanke in Eichstätt. Die gegenseitige Verwiesenheit von Mann und Frau eröffne, dass der Mensch Abbild Gottes sei. Vor kurzem hatte der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann gewarnt: „Staat und Gesellschaft leiten ihren eigenen Zerfall ein, wenn sie Ehe und Familie nicht mehr wirksam fördern und schützen und andere, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften ihnen gleichstellen.“ Vor Jubelpaaren in Augsburg sagte Weihbischof Florian Wörner: „Die Ehe ist ein Sakrament. Gott ist der eigentlich Handelnde.“