Prostitution ist kein Beruf

Schwester Lea Ackermann will nicht, dass Deutschland das „Bordell Europas“ ist. Von Michael Leh

Fotoausstellung in Nairobi
Ein Opfer von Gewalt: Die 42-jährige Kenianerin hat etwa 50 000 Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt und sich dabei nie an HIV angesteckt. Das Bild gehört zur Ausstellung „African Retrospective“ des kanadischen Fotografen Steve Morrison. Foto: dpa

Zwangsprostitution – unter diesem Schicksal leiden auch Frauen in Deutschland. Viele von ihnen sind aus ihrer Heimat verschleppt worden. Darauf hat Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) bei einem Kongress in Berlin hingewiesen, bei dem Experten darüber beraten haben, wie international Gewalt gegen Frauen und Mädchen erfolgreich verhindert werden kann. Zur Zwangsprostitution stellte der Minister fest: „Diese Problematik existiert nicht nur fernab in Indien oder Afrika, sondern auch mitten unter uns, wenn sie durch Berlin gehen.“ In Deutschland ist jedes sechste dieser Opfer minderjährig. Viele der Zwangsprostituierten kommen aus Osteuropa und Westafrika.

Unter den Besuchern des Kongresses konnte der Minister eine Frau begrüßen, die sich schon seit Jahrzehnten für Frauen in Not engagiert: Schwester Lea Ackermann. Die 80-Jährige nutzte die Gelegenheit und kritisierte scharf die deutsche Gesetzgebung zur Prostitution: „Wir haben hier ein Gesetz, das Deutschland zum Bordell Europas gemacht hat.“ Prostitution sei demnach „ein Beruf wie jeder andere. Aber es ist Gewalt an Frauen. Das kann man nicht als Beruf ausgeben.“ In einer Gesellschaft, in der Mann und Frau gleichwertig seien, könne nicht „die eine Hälfte die andere kaufen“. Dieses Gesetz müsse endlich geändert werden, forderte sie.

Schwester Lea, die in Klarenthal bei Saarbrücken aufwuchs und zuerst Bankkauffrau lernte, bevor sie in die Gemeinschaft der „Missionsschwestern unserer Lieben Frau von Afrika“ eintrat, berichtete von ihren Erfahrungen aus Ruanda und Kenia. In Mombasa gründete sie 1985 SOLWODI, eine Organisation, die allein in Kenia inzwischen 34 Beratungsstellen unterhält. Die Abkürzung steht für „Solidarity with women in distress“ („Solidarität mit Frauen in Not“). Auch in Deutschland ist SOLWODI seit 1987 aktiv. Schwester Lea schilderte, wie sie anfangs keinerlei Geld für ihre Arbeit hatte: „Ich habe dann“, erklärte sie, „einen Deal mit dem lieben Gott gemacht. Ich habe zu ihm gesagt: Ich kümmere mich um deine chancenlosen Töchter, lass du mich bloß nicht hängen.“ Sie wurde über die Jahrzehnte zu einer erfolgreichen Spendensammlerin und konnte so vielen Frauen helfen. Diese große Leistung Schwester Leas hob auch der Minister hervor.

Bei dem Kongress wurden auch noch andere Formen der Gewalt gegen Frauen angesprochen. „Weltweit ist Gewalt gegen Frauen ein dramatisches Problem“, betonte Entwicklungshilfeminister Müller. Dazu gehöre auch „Vergewaltigung als Kriegswaffe“. Das müsse als Kriegsverbrechen geahndet werden, forderte er. „Für mich bleibt unvergessen“, fügte er hinzu, „wie mir drei junge Jesidinnen in Dohuk persönlich berichtet haben, was ihnen in den Vergewaltigungslagern des sogenannten IS angetan wurde.“ Immer noch seien tausende Jesidinnen „verschleppt, verkauft, versklavt“.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist in vielen Ländern mit Hilfsmaßnahmen aktiv: Im Nordirak werden 16 700 Frauen traumasensibel beraten. Gemeinsam mit der „Jiyan Foundation“ wurde dort auch eine stationäre Einrichtung für schwersttraumatisierte Überlebende von sexualisierter Gewalt aufgebaut. Im Kosovo sind bereits über 1 500 Betroffene von sexualisierter Gewalt mit gynäkologischen Diensten und psychologischer Betreuung unterstützt worden. In Liberia haben auf diesem Weg Mädchen und Frauen in 70 Dörfern medizinische und psychologische Hilfe erhalten. In Ägypten werden in 40 Jugendzentren Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen angeboten. In Sierra Leone unterstützt man Projekte, um Kinderehen vorzubeugen und weibliche Genitalverstümmelung zu verhindern.

In Südafrika sind Vergewaltigungen ein besonders weit verbreitetes Problem: Polizeistatistiken zufolge zeigten Frauen und Mädchen dort jeden Tag 150 Vergewaltigungen an. Das Ministerium stellt für ein neues Präventionsprojekt im südlichen Afrika (Südafrika, Lesotho und Sambia) zehn Millionen Euro bereit. In Pakistan wurden Kampagnen initiiert, die sich gezielt an Väter und Ehemänner richten. Sie sollen so vom „Mehrwert einer Ausbildung für ihre Töchter und Ehefrauen“ überzeugt werden. Bis 2019 sollen auf diese Weise 15 000 Mädchen und Frauen beruflich besser qualifiziert werden. In Kenia wird das Stipendienprogramm „Wings to fly“ gefördert. Von ihm haben bisher über 500 Mädchen aus städtischen Armutsgebieten profitiert. Zudem wird beim Neubau von 29 Schulen auf eine „gendersensible Ausgestaltung“ geachtet, zum Beispiel durch hygienische Sanitäranlagen und sichere Schulhöfe. So könnten dort 25 000 Mädchen Primar- und Sekundarschulen besuchen.