Presse: Not lehrt Protestieren

Die in Mailand erscheinende Wochenzeitung „Famiglia Cristiana“ sieht wirtschaftliche Probleme an der Wurzel der Revolten in Tunesien und Ägypten:

Die „Brotrevolten“ dieser Tage sind Frucht der Inflation, die durch den Mangel an Grundnahrungsmitteln im Verhältnis zum Geldumlauf und der Verarmung der unteren Mittelschichten verursacht wurde. Die verarmten Massen fordern „politische“ Preise zum Überleben. Viele Bevölkerungsgruppen im Maghreb, die ein Jahrzehnt des Wachstums erlebten, haben den plötzlichen Einkommensstopp nicht ausgehalten. Das hat zur Revolte dieser Wochen geführt, zusammen mit „atlantischen Winden“ als Mittler des Wunsches nach Wohlstand und Demokratie.

Es brodelt in der Gesellschaft

In Paris hebt die Tageszeitung „La Croix“ den Wunsch der Menschen in Nordafrika nach Selbstbestimmung hervor:

Revolution – heute in Tunesien und in Ägypten, morgen vielleicht in anderen Ländern der Region: Es brodelt in der Gesellschaft. In diesem historischen Augenblick gehen die Revolten von der Zivilgesellschaft aus. An der Spitze der Demonstrationen stehen keine charismatischen Führer oder organisierte Parteien, keine religiösen Forderungen – zumindest nicht in diesem Stadium –, keine antiimperialistischen Ideologien, sondern Männer und Frauen, die empört sind über das, was ihnen angetan wird.

Folgen für Vereinigte Staaten und Israel

Der jesuitischen Wochenzeitung „America Magazine“ zufolge werden Umstürze in Nordafrika die Nahostpolitik der Vereinigten Staaten in Frage stellen:

Sind die Szenen in Kairo und Tunis erste Anzeichen für einen politischen und sozialen Dominoeffekt in der arabischen Welt, der an den sowjetischen Zusammenbruch von 1989 erinnert? In diesem Fall müssten vor allem die USA und Israel sich Sorgen machen. Die Regimes, die auf der Kippe stehen, standen alle in einem freundschaftlichen Verhältnis zu den USA. Diese haben jahrzehntelang arabische Kleptokraten und autokratische Regimes wie das von Mubarak unterstützt, indem sie der Stabilität und der Einwilligung in westliche Interessen den Vorrang gegeben haben vor der Demokratie. Nach dem Ende der autoritären Herrschaft werden neue, vom Volk getragene Regierungen vielleicht nicht mehr gewillt sein, die US-Politik in der Region zu akzeptieren – besonders im Hinblick auf Israel und die Palästinenser.

Präsidenten oder Monarchen?

Die internationale arabische Tageszeitung „Asharq Al-Awsat“ (London) kritisiert die Regierungsform der arabischen Republiken:

Die Krise der arabischen Republiken rührt daher, dass ihre Regierungsform der monarchischen Herrschaft nahe kommt, ohne dass es Monarchien sind. So befindet sich die arabische Republik in einer Sackgasse. Einige Präsidenten haben mehrere Könige überdauert. Die Könige kamen und gingen, die Präsidenten blieben. Die wahre Krise kommt aus der Nichtexistenz des Prinzips einer zeitlich befristeten Präsidentschaft.