Präsidieren statt provozieren

Mit einem Besuch bei Alt-Kanzler Helmut Kohl hat Angela Merkel die Wahlkampfbühne betreten. Das war clever: Wenig Worte, aber nettes Fotomaterial. Gutes Gespür und taktisches Geschick kann man den Spindoktoren der CDU-Chefin nicht absprechen. Schon deshalb wird dieser Wahlkampf kein großer Schlagabtausch werden. Die Kanzlerin wäre schlecht beraten, sich darauf einzulassen. Weder Merkel noch Steinmeier sind die Typen für Polit-Krawall. Zudem wissen beide nur zu gut, dass ihnen das nach vier Jahren Großer Koalition auch niemand richtig abnehmen würde. Ein unterkühlter Wahlkampf mag in Zeiten einer großen Krise angemessen wirken. Dass es deshalb ehrlicher zugeht, darf bezweifelt werden.

Wenn CDU/CSU und FDP sich in diesen Tagen gegenseitig beharken und zu verlässlichen Koalitionsaussagen prügeln wollen, zeigt dies zweierlei. Erstens: Die Union – allen voran die CSU – sorgt sich mehr um Stimmenverluste an die Liberalen als um Rot-Grün. Und zweitens wird klar, warum Angela Merkel die Fortsetzung der Großen Koalition so unlieb nicht wäre. Mit Seehofer und Westerwelle am Koalitionstisch kann es für sie weit unbequemer werden als mit Steinmeier und Steinbrück. Wer sich da noch wundert, warum Merkel die Schwarz-Gelbe-Option ohne besonderes Herzblut intoniert, ist selber schuld.

Strategisch ist der Merkel-Wahlkampf klug angelegt. Das sagt freilich nichts über die politischen Inhalte. Gerade der bewusste Verzicht auf großes Hick-Hack macht die SPD nervös. Schon klagt Steinmeier über den Versuch, den Wahlkampf gar nicht erst beginnen zu lassen. Die Öffentlichkeit werde eingelullt. Damit wird er Merkel nicht aus der Reserve locken. Warum sollte ihm die CDU-Chefin den Gefallen tun, mit verbalen Attacken schlafende SPD-Wähler zu mobilisieren? Wie meinte Angela Merkel doch so vielsagend: Es gehe im Wahlkampf nicht um das „Unterscheiden um jeden Preis“. Mal abgesehen davon, dass dies ohnehin schwierig sein dürfte, weil die Konturen der Volksparteien immer mehr verschwimmen, zeigt diese Bemerkung die taktische Marschroute der Kanzlerin in diesem Wahlkampf: Präsidieren statt provozieren. Ihre Beliebtheitswerte sollen Merkel gelassen durch diesen Wahlkampf tragen. Die SPD wird sich genau an dieser Form von „Wahlkampfverweigerung“ die Zähne ausbeißen.

Steinmeiers eigentliches Ziel heißt, Schwarz-Gelb verhindern und die SPD an der Regierung halten. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass ihm das gelingt. Der Vorsprung für Union und FDP ist dünn. Ein paar Prozentpunkte nach oben sind für die Genossen im Endspurt allemal drin. Die inhaltliche Auszehrung, die eine Neuauflage der Großen Koalition unter Angela Merkel für die CDU bedeuten würde, ist freilich kaum zu ermessen. Darüber spricht in der Union in diesem Merkel-Wahlkampf naturgemäß niemand. Es darf kein Schatten auf die Lichtgestalt fallen. Das wäre in der Tat schlecht. Plötzlich würde auffallen, wie düster es in Wirklichkeit ist. Darum müssen die Scheinwerfer jetzt ganz auf Angela Merkel gerichtet bleiben.