PraenaTest-Anbieter Lifecodexx wird von Nachfrage überrollt

Biotech-Firma reagiert auf das vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung initiierte Rechtsgutachten – Lebensrechtler: Bluttest verbieten. Von Stefan Rehder

Die Konstanzer Biotech-Firma Lifecodexx, die noch in diesem Monat den umstrittenen Bluttest auf den deutschsprachigem Markt etablieren will, mit dem schwangere Frauen gefahrloser und früher als bisher herausfinden können sollen, ob ihr Kind Träger des Down-Syndroms ist, kann sich offenbar vor Anfragen nicht mehr retten. Auf ihrer Internetseite bitte das Unternehmen „höflich von telefonischen Anfragen abzusehen und uns stattdessen per E-Mail zu kontaktieren“. Interessierte Privatpersonen, Fachärzte und Journalisten werden gebeten, ihre Fragen unter den dafür eingerichteten E-Mail-Adressen einzureichen. Weiter heißt es auf der Webseite: „Wir bemühen uns sehr um zeitnahe Beantwortung. Bitte haben Sie Nachsicht, wenn es dennoch etwas dauern sollte.“

Zudem verbreitete das Unternehmen eine Stellungnahme zu dem vergangene Woche veröffentlichten „umfangreichen Gutachten zur Zulässigkeit des von uns angebotenen PraenaTest“, das der Bonner Staatsrechtler Klaus Ferdinand Gärditz im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe (CDU) erstellt hatte (DT, 7. Juli). Darin bedauert das Unternehmen, es könne „in der Kürze der Zeit nicht ausführlich Stellung“ nehmen, weist jedoch „auf folgende wichtige Fakten hin“. Der „PraenaTest“ sei eine „risikolose Ergänzung bestehender nicht-invasiver vorgeburtlicher Untersuchungsmethoden“. „Aufgrund seiner Risikofreiheit“ könne er „600 bis 700 Kindern jährlich in Deutschland das Leben retten, die derzeit an Komplikationen beim invasiven Eingriff sterben“. Entwicklung und Anwendung erfolgten „innerhalb des geltenden rechtlichen Rahmens für pränatale Untersuchungsverfahren“. Auch sei das für Medizinprodukte erforderliche „Komformitätsbewertungsverfahren unter Mitwirkung einer unabhängig benannten Stelle erfolgreich abgeschlossen“ worden. Der PraenaTest sei „damit als CE-Medizinprodukt zertifiziert und als In-Vitro-Diagnostikum verkehrsfähig“. CE steht für „Conformité Européenne“. Mit einer CE-Kennzeichnung erklären Hersteller oder Importeure, dass das betreffende Produkt den Anforderungen genügt, die in den Harmonisierungsrechtsvorschriften der Europäischen Gemeinschaft festgelegt sind.

Ferner heißt es in der Stellungnahme von Lifecodexx, bei der Anwendung des Praenatests würden „alle nach dem Gendiagnostikgesetz einzuhaltenden Bestimmungen beachtet. Seine Durchführung obliegt denselben rigiden Vorgaben, die auch für andere pränataldiagnostische Verfahren gelten.“ „Strafrechtliche Folgen bei der Durchführung des Praenatest“ sind nach Auffassung des Unternehmens „ebenso wenig gegeben wie dies bei der ordnungsgemäßen Durchführung von anderen pränataldiagnostischen Untersuchungen der Fall ist“. Gleichwohl nehme man die in dem „Gutachten zum Ausdruck gebrachten Bedenken zur Kenntnis“. Die Firma kündigte an, sich „nach entsprechender Prüfung aller Details“ zu den Vorwürfen „im Einzelnen“ zu äußern.

Nach Ansicht des Lehrstuhlinhabers für Öffentliches Recht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Klaus Ferdinand Gärditz, verstößt die Markteinführung und Anwendung des PraenaTests sowohl gegen Art. 3 Abs. 3 Satz 2 Grundgesetz als auch gegen das Gesetz über Medizinprodukte (MPG) und das Gendiagnostikgesetz (GenDG). Daher sei der neue Bluttest „nicht verkehrsfähig“ und die zuständigen Landesbehörden ermächtigt, „ein Inverkehrbringen zu unterbinden“.

Der Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht Martin Lohmann begrüßte den Vorstoß des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung und forderte „ein rasches Verbot“ des Bluttests. Eine Zulassung des PraenaTests wäre dagegen „ein weiterer Schritt zur Vernichtung der Menschenwürde und würde der lebensrechtsverachtenden Selektion Tür und Tor öffnen“. Der Vorsitzende der „Ärzte für das Leben“ Paul Cullen erklärte in einer Stellungnahme des Vereins: „Die Bedeutung dieses Gutachtens für die Rechte behinderter Menschen kann nicht überschätzt werden.“ Laut dem Münsteraner Professor, einem Labormediziner, dient der Test „keinen medizinischen Zielen, sondern ist vom Wesen her auf das Aussortieren von Menschen mit Down-Syndrom gerichtet“. Bei der Zulassung des Tests sei eine „Weiterung der Indikation auf andere Chromosomenstörungen bereits geplant“. Auch eine „schrittweise Erweiterung etwa auf Einzelgendefekte wie Mukoviszidose oder Muskeldystrophie-Duchenne“ sei binnen weniger Jahre „sehr wahrscheinlich“. Cullen fordert, nun auch „die Rechtmäßigkeit anderer Arten vorgeburtlicher Diagnostik zu prüfen“. Begrüßt wurde das Rechtsgutachten auch von den Christdemokraten für das Leben. Deren Bundesvorsitzende Mechthild Löhr erklärte, „ein genetischer Test, dessen einziger Zweck in der vorgeburtlichen Erkennung, Diskriminierung und Tötung behinderter Föten“ bestehe, dürfe „in einem der Menschenwürde verpflichteten Rechtsstaat nicht zur Anwendung kommen“. Löhr warnt auch vor einer „Eugenik von unten“. In den USA, wo der Test bereits seit Oktober 2011 unter dem Namen „MaterniT21-Test“ angeboten wird, empfehle die Fachgesellschaft der Geburtshelfer und Frauenärzte bereits, „allen Schwangeren ein Screening für das Down-Syndrom“ anzubieten, unabhängig vom Alter der Mutter. Üblicherweise wird ein Screening auf Trisomie 21 nur sogenannten Risikoschwangeren angeboten.

Die Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle Claudia Kaminski erklärte, Lifecodexx streue „den Schwangeren Sand in die Augen“. Es sei ein weiter Weg, bis der Test die mit erheblichen Risiken für Mutter und Kind behaftete Fruchtwasseruntersuchung ersetzen könne. „Zwar ist der Test selbst gefahrlos, doch müsste ein positiver Befund durch eine Amniozentese bestätigt werden, weil der Test derzeit nicht für sich allein stehen kann. Und dann komme „die Nadel durch die Bauchdecke, vor der sich viele Frauen zu Recht fürchten, eben doch zum Einsatz“. Dass der Test, wie von der Firma behauptet, jährlich 600 bis 700 Kindern das Leben retten werde, die bei einer Fruchtwasseruntersuchung lebensgefährlich verletzt oder getötet würden, bezeichnete die Ärztin als „Milchmädchenrechnung“. Kaminski: „Es ist davon auszugehen, dass, sollte der Test tatsächlich auf den Markt kommen, viel mehr Schwangere als bisher ihr Kind auf das Vorliegen einer Trisomie 21 untersuchen lassen würde. Auch die müssten bei einem positiven Befund diesen durch eine Amniozentese bestätigen lassen.“