Poträt der Woche: Ursula von der Leyen

Von der Leyen ist neue EU-Kommissionspräsidentin
Im Kampf um das Kommissionspräsidentenamt war neben den Sondierungen bei den einzelnen Fraktionen der entscheidende Moment ihre Rede vor dem Europaparlament: die zukünftige Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen. Foto: Michael Kappeler (dpa)

In der Politik geht es nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie. Viel zu oft, werden Beobachter einwenden, die immer davon ausgehen, dass Politik doch vor allem dazu führen müsste, programmatische Ziele durchzusetzen. Aber beide Bereiche kann man nicht wirklich voneinander trennen.

Von der Leyen hat gezeigt, dass sie die Wie-Ebene beherrscht

Ursula von der Leyen hat gezeigt, dass sie die Wie-Ebene beherrscht. Und dieses Wie zielt zunächst weniger auf eine konkrete programmatische Agenda, sondern auf Macht. Sie muss errungen und dann verteidigt werden. Dass von der Leyen eine Virtuosin der Macht ist, hat sie als Ministerin bewiesen. Im Kampf um das Kommissionspräsidentenamt war neben den Sondierungen bei den einzelnen Fraktionen der entscheidende Moment ihre Rede vor dem Europaparlament.

Von der Leyen ist nämlich auch eine Virtuosin der Machtinszenierung. Sie hielt keine Bewerbungsrede, sondern sprach bereits so wie eine Präsidentin: Souverän, weltläufig und das alles gewürzt mit ein bisschen Emotion an den richtigen Stellen. Nur nicht allzu konkret werden, sondern zu deutende Anspielungen liefern. Das ist das rhetorische Rezept dahinter. Es ist zu vermuten, dass die 60-Jährige in dieser bestimmten Unbestimmtheit einen Beleg für ihre politische Professionalität sieht.

Ihr Lehrmeister ist dabei nicht nur Angela Merkel, die sie in ihrer Laufbahn stets gefördert hat. Sondern ihr Vater, der langjährige Ministerpräsident von Niedersachsen, Ernst Albrecht. Auch der verfügte, genauso wie jetzt seine Tochter, über keine Hausmacht in seiner Partei, der CDU. Das machte er wett durch einen bestimmten Stil: Stets lächelnd und distinguiert im Auftritt schien er über den Niederungen des banalen Politikbetriebes zu stehen: Ein Staatsmann, der den Interessen des Landes verpflichtet ist, kein Produkt des Funktionärsapparates.

Medien sind der wichtigste Bündnispartner

Bei so einer Strategie sind die Medien der wichtigste Bündnispartner. Und die brauchen Bilder. Dass von der Leyen die liefern kann, zeigte sie mit ihrer Bewerbungsrede. Ein zweiter Aspekt ihrer Strategie, auch das hat sie von Papa gelernt: Absetzen vom Mainstream erhöht Aufmerksamkeit. Was das praktisch bedeuten kann, haben viele Katholiken schmerzhaft mit Blick auf ihre Familienpolitik gespürt. Wie sehr sie tatsächlich mit Leidenschaft dahinter stand oder doch dieses Politikfeld nur genutzt hat, um sich als christdemokratische Querdenkerin zu inszenieren, werden wohl erst die Historiker klären. Dass sie nun auch in der Europapolitik irgendwie querdenken muss, wenn sie ihrem Ansatz treu bleiben will, könnte gerade die noch überraschen, die ihr im Moment besonders kritisch gegenüberstehen.